Der Leerstand, einmal anders gesehen. Kamens Wirtschaftsförderer tüfteln an einem neuen Einzelhandelskonzept. Die Leerstandsquote der Stadt Kamen spiegelt die ernste Situation zurzeit noch nicht wider. © Stadt Kamen
Ladensterben und Leerstände

Ladensterben und Hilferuf der Händler: Leerstandsquote spiegelt Ernst der Lage nicht wider

Die Corona-Lage spitzt sich wirtschaftlich zu. Während Händler, Gastronomen und Dienstleister ums Überleben kämpfen, spiegelt die Leerstandsquote den Ernst der Lage noch nicht wider.

Die Fleischerei Radtke, das Reisebüro Mohr und der Flying Dutchman. Betriebe, die nach Corona nicht mehr öffnen werden – möglicherweise erst ein Anfang einer pandemiebedingten Schließungswelle.

Kamens Leerstandsquote spiegelt den Ernst der Lage zurzeit noch nicht wider. Sie beträgt nach Angaben der Stadt Kamen zurzeit 8,8 Prozent. Selbst wenn die drei Standorte mit zusammen etwa 250 Quadratmetern dort Berücksichtigung finden, würde die Quote bei insgesamt 25.000 Quadratmetern innerstädtischer Verkaufsfläche lediglich um ca. ein Prozent steigen. Zurzeit sind in Kamens City 2307 Quadratmeter nicht vermarktet.

Mit roter Farbe hinterlegt sind die Leerstände in der Stadt Kamen, Stand Oktober vorigen Jahres. Einige Veränderungen hat es seitdem gegeben, wie an der Adenauerstraße, wo Tedi in den ehemaligen Edeka-Leerstand gezogen ist. Auch das frühere VHS-Gebäude, in das die Reha Kamen gezogen ist, ist wieder belebt.
Mit roter Farbe hinterlegt sind die Leerstände in der Stadt Kamen, Stand Oktober vorigen Jahres. Einige Veränderungen hat es seitdem gegeben, wie an der Adenauerstraße, wo Tedi in den ehemaligen Edeka-Leerstand gezogen ist. Auch das frühere VHS-Gebäude, in das die Reha Kamen gezogen ist, ist wieder belebt. © Stadt Kamen © Stadt Kamen

Geschäftslagen in Wohnraum verwandeln

Die Quote ist ein wichtiger Hinweis für Politik und Verwaltung, wo Problemzonen entstehen und ob mit neuen Konzepten Wirtschaft gefördert werden muss. Ein Konzept ist trotz der zurzeit noch unauffälligen Quote bereits in Arbeit: Das neues Einzelhandelskonzept der Stadt Kamen, das bis im Sommer vorliegen soll, hat eine Entstehungsgeschichte schon vor der Pandemie, weil sich das Kaufverhalten in Zeiten des Online-Handels bekanntlich maßgeblich verändert hat. Schlagrichtung: Einige Geschäftslagen, die nicht zentral liegen, könnten in Wohnraum verwandelt werden.

Leerstands-Höchststand im Mai 2019 mit fast 15 Prozent

Im Januar vor einem Jahr lag die Leerstandsquote bei 9,77 Prozent. Zum Vergleich: Im Mai 2019 lag sie auf einem Höchststand mit 14,91 Prozent. Ab ca. 15 Prozent Leerstand, so die Einschätzung von Wirtschaftsexperten, ist diese Quote als kritisch zu bewerten. Wie sehr die Quote aber ein realistisches Bild abgibt, ist durchaus fraglich im Angesicht von tristen Leerstands-Meilen wie beispielsweise an der Nordstraße. Trist sind auch die Aussichten: Kamens Händlerschaft hat einen Hilferuf in Richtung Berlin und Düsseldorf abgesetzt, um auf die missliche Situation im Lockdown aufmerksam zu machen.

Große Veränderungen schon durch kleine Bewegungen

Kamens Leerstandsquote, die sich in den vergangenen fünf Jahren zwischen 8 und 15 Prozent bewegte, ist schon durch kleine Veränderungen zu beeinflussen. Eine große Veränderung gab es mit der Schließung des Edeka-Supermarkts an der Adenauerstraße mit 1.400 Quadratmetern Verkaufsfläche Mitte 2018, als sich die Quote von 8,26 auf 11,60 verschlechterte. Durch die Ansiedlung des Discounters „Tedi“ ist dieser Anteil wieder herausgefallen.

Als das Modehaus Kämpgen seien Rückzug am Alten Markt ankündigte, stieg die Quote nur kurzzeitig an: Grund: Auch dieser Anteil wurde wieder herausgerechnet, weil der Traditionshändler sein Geschäft außerhalb der Pandemie weiter geöffnet hielt.

Situation könnte sich weiter verschlechtern

Mit Blick auf die nackten Zahlen einer städtischen City-Bestandsaufnahme könnte sich die Situation weiter verschlechtern. 95 „kritische Nutzungen“, so geht aus einer im Oktober veröffentlichten Analyse hervor, sind in der Kamener Innenstadt identifiziert worden.

Dabei handelt es sich nicht nur Leerstände. Auch Angebote wie Spielhallen und Goldankauf zählen dazu, genauso wie die eigentlich wirtschaftskräftige Sparten Gastronomie, Reisebüros und Hotels, die allein durch die Pandemie in diese Bewertungskategorie gerutscht sind. Die Leerstände (52 / Stand Oktober 2020) bilden den Großteil der als kritisch bezeichneten Nutzungen ab. Danach folgen Gastronomie und Ausgehen (25), Wetten und Spielen (7), Reisen (6), Goldankauf (3), Hotel (2).

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1968, aufgewachsen in mehreren Heimaten in der Spannbreite zwischen Nettelkamp (290 Einwohner) und Berlin (3,5 Mio. Einwohner). Mit 15 Jahren erste Texte für den Lokalsport, noch vor dem Führerschein-Alter ab 1985 als freier Mitarbeiter radelnd unterwegs für Holzwickede, Fröndenberg und Unna. Ab 1990 Volontariat, dann Redakteur der Mantelredaktion und nebenbei Studium der Journalistik in Dortmund. Seit 2001 in Kamen. Immer im Such- und Erzählmodus für spannende Geschichten.
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Carsten Janecke
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