Auf dem Willy-Brandt-Platz gibt es neue Geschäfte. Zum Beispiel den Blumenladen „Entspannungsblüte“. Das wissen nicht alle Kamener. Ein Café würde Kunden anlocken. Die Stadt hat nichts dagegen.

Kamen

, 01.02.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Von netten Worten kann man nicht leben“, sagt Constanze Panchyrz. Gemeinsam mit ihrer Schwägerin Bettina Graber führt sie am Willy-Brandt-Platz in der Kamener Innenstadt ein zweigeteiltes Geschäft. Panchyrz bietet Bowtech an – das ist eine Heilmethode, die gegen unterschiedliche Beschwerden wie etwa Migräne helfen soll – und Bettina Graber betreibt im Nebenraum den Blumenladen „Entspannungsblüte“.

Das Gespann eröffnete sein Geschäft Anfang November vergangenen Jahres. So richtig laufen will es aber noch nicht. „Viele, die reinkommen, sind ganz begeistert – aber auch überrascht, weil sie uns noch nicht kannten“, sagt Graber. Sie vermutet, dass die Geschäfte am Willy-Brandt-Platz noch nicht so recht wahrgenommen werden, weil sie so lange leer standen. „Dann registrieren die Kamener das gar nicht mehr.“

„Kurz davor, wegzugehen“: Unglückliche Einzelhändler wollen mehr Leben auf dem Willy-Brandt-Platz

Im Blumengeschäft Entspannungsblüte bieten Constanze Panchyrz (rechts) und Bettina Graber nicht nur Blumen an. Auch die Dekoration von Hochzeits- und Trauerfeiern übernehmen sie. © Marcel Drawe

Graber hofft nun auf den Frühling und den Sommer. Dann sind die Themen Blumen, Garten und Hochzeit aktueller. Die Floristin bietet neben Topfpflanzen auch individuelle Gestecke und Hochzeitsdekoration an. Als inhabergeführtes Geschäft unterscheidet sich ihr Angebot von dem des Filialisten Risse – der ein Blumengeschäft am Anfang der Kamener Fußgängerzone betreibt. Deshalb sei Risse auch keine Konkurrenz für Graber. „Wir sind anders, das sagen auch die Leute.“

Einzelhändler wüschen sich ein Café auf dem Willy-Brandt-Platz

Graber ist schon lange im Geschäft, ihr gehörte vorher einen Blumenladen am Westenhellweg in Dortmund – und der florierte. Die Haupteinkaufsstraße von Kamens Nachbarstadt kann aber freilich nicht mit dem Willy-Brandt-Platz verglichen werden. Dennoch entschieden die Frauen sich dafür, in Kamen ihre geschäftlichen Zelte aufzuschlagen. In Kamen wollen sie neu durchstarten.

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Doch die anfängliche Euphorie verwandelt sich allmählich in Sorge. „Wir sind kurz davor wegzugehen“, sagt Grabe. Alle seien froh gewesen, dass sie nun da sind und hätten die Frauen beglückwünscht. Das halte so ein Geschäft aber nicht am Leben. „Ein Café wäre schön. Dann wäre der Platz belebter“, findet Panchyrz.

Ganz unrealistisch ist diese Idee nicht. „Das würden wir unterstützen und auch über Fördermöglichkeiten beraten“, sagt der Erste Beigeordnete und Stadtplaner Uwe Liedtke. Eine Außengastronomie sei sehr willkommen, interessierte Gastronomen liefen bei der Stadt offene Türen ein.

Stadt hat das Projekt „Willy-Brandt-Platz“ noch nicht abgeschlossen

Die Stadt hat den Platz in den vergangenen zwei Jahren verändert und ist noch nicht fertig. Schon seit der Neugestaltung der Fußgängerzone vor rund zehn Jahren ist der Platz von Lindenbäumen gesäumt, seit 2019 gibt es im sogenannten großen Pavillon ein Fahrradparkhaus und ein öffentliches WC. Die Lichtleisten im Boden, die nicht mehr funktionieren, werden in den nächsten Wochen durch Bronzeeinlassungen ersetzt, die kaputten Entwässerungsrinnen bald saniert.

Die größte Veränderung vollzog sich allerdings mit dem Abriss des kleinen Pavillons, der mitten auf dem Platz stand. Schon als Liedtke seinerzeit anfing, die Fußgängerzone umzuplanen, wollte er den kleinen Pavillon abreißen lassen. Weil er lange Privateigentum war, war das zunächst nicht so einfach. Doch nun ist er fort und verdeckt keine Geschäftsräume mehr. „Jetzt haben sie eine Chance“, sagt Liedtke über die Einzelhändler, die sich dort nach dem Abriss angesiedelt haben.

„Kurz davor, wegzugehen“: Unglückliche Einzelhändler wollen mehr Leben auf dem Willy-Brandt-Platz

Uwe Liedtke erklärt Antonia Schütter, was sich auf dem Willy-Brandt-Platz getan hat und was sich dort noch verändern soll. Die Entwässerungsrinne wird beispielsweise saniert. © Claudia Pott

Wo der Pavillon stand, an dessen Ausmaße nur noch dunkles Pflaster erinnert, befindet sich jetzt ein gläserne Einhausung für den Abgang zur Tiefgarage. Das Glashaus dient als Fluchtweg aus dem unterirdischen Parkplatz und ist deshalb unverzichtbar. Mit dem transparenten Kubus müssen die Geschäftsleute also leben.

Die Tatsache, dass sich unter dem Platz eine Tiefgarage befindet, grenzt die Gestaltungsmöglichkeiten ein. Dort können keine Bäume gepflanzt oder ein Brunnen gebaut werden, um die Aufenthaltsqualität zu verbessern.

Das vergisst man gerne, wenn man auf die große, leere Fläche blickt und nicht daran denkt, dass sich darunter Beton und keine Erde befindet. „Wir werden häufig gefragt, warum wir dort keine Bäume pflanzen“, sagt Stadtsprecher Peter Büttner.

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Die Stadt möchte den Wochenmarkt umgestalten

Und doch bergen auch freie Flächen Potenzial und Vorteile. Die Stadt überlegt etwa, Kirmesbuden- und Karussells anders aufzustellen und auch der Wochenmarkt soll durch die neue Anordnung einiger Stände einladender werden. „In Kürze führen wir Gespräche mit den Markthändlern“, kündigt Liedtke an.

Das könnte auch Einzelhändlern wie Graber und Panchyrz zugutekommen. „Wir haben uns mehr vom Markt erhofft“, sagt Graber. Doch der Wochenmarkt lockt keine Leute zu ihnen, sondern bewirkt eher das Gegenteil, weil ein großer Stand den Laden verdeckt. Das könnte sich nun ändern – aber nur, wenn die Stadt auch von der Problematik erfährt.

„Kurz davor, wegzugehen“: Unglückliche Einzelhändler wollen mehr Leben auf dem Willy-Brandt-Platz

Constanze Panchyrz (links) und Bettina Graber sind Geschäftspartnerinnen und Schwägerinnen. Sie bieten Blumen, Deko und Bowtech an – das ist eine Faszientechnik, die unterschiedliche Beschwerden lindern kann. Zum Beispiel Rückenschmerzen oder Migräne. © Marcel Drawe

Einzelhändler wie Graber könnten sich jederzeit über den Bürgerdialog online an die Stadt wenden oder direkt die Wirtschaftsförderung kontaktieren, erklärt Liedtke. Gerade jetzt, wo die Funktion des Willy-Brandt-Platzes beraten wird, können Graber und Panchyrz mit ihren Wünschen etwas erreichen. Laut Liedtke ist es durchaus möglich, dass der Marktstand, der ihren Blumenladen verdeckt, umplatziert wird.

Bowtechnik und ausgefallene Blumendeko am Willy-Brand-Platz entecken

Für die Partnerinnen gibt es also noch Grund zur Hoffnung. Ein neu aufgestellter Markt, Aktionen und Angebote, die sie planen, und letztlich auch der Sommer können ihr Geschäft in den nächsten Monaten beleben. Das wäre auch im Sinne der Stadt – die sich darüber gefreut hat, dass der Abriss des Pavillons Einzelhändler angelockt hat. Nun müssen die Kamener das Angebot von Graber und Panchyrz nur noch annehmen.

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