Kunden und Händler in Kamen profitieren von Steuersenkung: Vor allem Teures ist gefragt

dzSenkung der Mehrwertsteuer

Die Mehrwertsteuersenkung sollte den Handel beflügeln. Und tatsächlich klingeln die Kassen vieler Kamener Einzelhändler zurzeit. Die Steuer sei dabei nur ein Aspekt, sagen die Händler.

von Werner Wiggermann

Kamen

, 14.07.2020, 17:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Einzelhandel brummt in Kamen wie schon lange nicht mehr – ein gewichtiger Teil des heimischen Handels jedenfalls. Wer kann, der gönnt sich etwas – in einer Zeit, die sich anfühlt, als wäre die Coronakrise wirklich schon Vergangenheit. Einkaufen scheint ein gutes Mittel zu sein, sich in seinem Optimismus zu stärken. Die Mehrwertsteuersenkung ist da fast nur etwas wie das Sahnehäubchen obendrauf.

Bei Hochwertigem lohnt sich die Rechnung

Oder auch etwas wie ein vorgezogenes, meist unverhofftes Weihnachtsgeschenk. „Wir haben einige Kunden, die sich im April eine Küche ausgesucht und bestellt haben, die dann jetzt geliefert und in Rechnung gestellt wurde“, berichtet etwa Ralf Oelschläger-Specht vom Küchen-Haus Specht in Heeren-Werve. Da können dann die drei Prozentpunkte erlassener Mehrwertsteuer – „wir reichen das natürlich voll an die Kunden durch“, versichert Oelschläger – wirklich ein nettes Sümmchen ausmachen.

Hochwertige Hochdruckreiniger wie dieser von einem bayerischen Hersteller werden derzeit gut verkauft, verrät Axel Bohde.

Hochwertige Hochdruckreiniger wie dieser von einem bayerischen Hersteller werden derzeit gut verkauft, verrät Axel Bohde. © Werner Wiggermann

Gerade wenn Hochwertiges gekauft wird, lohnt die Rechnung, und das ist anscheinend zurzeit ohnehin besonders angesagt, bestätigen auch Andreas Brumberg und Axel Bohde. In dem Elektrofachhandel in der Kämerstraße interessierten sich die Kunden vor allem für große Fernseher, für Kaffee-Vollautomaten und für hochwertige Rechner und Smartphones. Bei Eisenwaren Bohde an der Ecke Bahnhofstraße/Ostenmauer waren neben Mäh-Robotern vor allem Vertikutierer und besonders hochwertige Hochdruckreiniger gefragt – Warengruppen, die seit Jahren schon nicht mehr so gut verkauft worden waren.

„Dann machen wir‘s uns doch zuhause schön!“

Auch hier läppert sich’s schon durch die drei Prozentpunkte, Axel Bohde aber hält andere Faktoren für wichtiger: „Viele sind nicht in Urlaub gefahren, wie sie es eigentlich vorhatten vor der Coronakrise, und haben sich dann gesagt: ,Dann machen wir’s uns doch zuhause schön.‘ Da besinnt man sich dann auf die bewährten Sachen.“ Für einen „kleinen Baumarkt“ wie Bohde mit dem Schwerpunkt auf hochwertige Sortimente und hervorragenden Service wirke sich das natürlich sehr belebend aus.

Verlust durch spätere Zahlung

Ob dazu dann auch noch das dreiprozentige Steuergeschenk beigetragen hat? „Geschadet hat’s jedenfalls nicht“, meint Axel Bohde. Obwohl gerade die Steuersenkung zum 1. Juli für ein paar kleinere Verluste gesorgt hat: „Einige größere Kunden zahlen nicht sofort, sondern auf Rechnung“, erläutert Bohde. Wenn dann Waren vor dem 1. Juli geliefert und nach dem 1. Juli bezahlt wurden, bleibt der Händler auf den drei Prozent Steuern sitzen, die der Kunde als Vorteil mitnimmt.

Verhandelt wird sowieso

Einige Kunden, die erst im kommenden Jahr Geld zum Beispiel für eine Küche ausgeben können – zum Beispiel wenn es gilt, eine Neubauwohnung auszustatten – hätten gefragt, ob die Rechnung nicht jetzt schon geschrieben werden könne, mit 16 Prozent Mehrwertsteuer, berichtet Ralf Oelschläger. „Das können wir aber steuerrechtlich nicht machen,“ erklärt der Geschäftsführer des Küchen-Hauses.

Auch Küchen zählen zu den Anschaffungen, die mehr Geld kosten und bei denen die Mehrwertsteuer-Senkung eine größere Rolle spielt. Ralf Oelschläger, Geschäftsführer von Küchen Specht, berichtet, dass manche Kunden schon jetzt gerne eine Rechnung hätten, auch wenn sie die Küche erst im nächsten Jahr bräuchten.

Auch Küchen zählen zu den Anschaffungen, die mehr Geld kosten und bei denen die Mehrwertsteuer-Senkung eine größere Rolle spielt. Ralf Oelschläger, Geschäftsführer von Küchen Specht, berichtet, dass manche Kunden schon jetzt gerne eine Rechnung hätten, auch wenn sie die Küche erst im nächsten Jahr bräuchten. © Stefan Milk/Archiv

Verhandelt wird dann oft über einen Preisnachlass in Höhe des dreiprozentigen Steuergeschenks – „verhandelt wird ja sowieso“, weiß Ralf Oelschläger.

Überhaupt nicht zu spüren sei der Mehrwertsteuer in ihrem Modehaus „Nova“, versichert Sabine Bracke. Das sei vielleicht bei sehr hochpreisigen Textilien in Modehäusern in zentraler Lage in Großstädten relevant oder eben bei größeren Anschaffungen – wie Brumberg, Specht und Bohde ja auch bestätigen. Einen Grund zur Klage erkennt Sabine Bracke darin aber nicht. „Ganz ehrlich: Mir geht’s nicht schlecht“, gesteht die Kamener Geschäftsfrau, „wir profitieren einfach von dem Stamm zufriedener Kundinnen, die man sich über Jahre aufgebaut hat.“

Langfristig besteht Anlass zur Sorge

Also alles wieder gut im Kamener Handel? Zurzeit läuft es anscheinend – und daran mag die Mehrwertsteuersenkung einen gewissen Anteil haben. „Ein gewisser psychologischer Effekt spielt bestimmt eine Rolle“, glaubt Andreas Brumberg; und gegen Jahresende, wenn auch die Mehrwertsteuer-Ermäßigung wieder ausläuft, könne sich noch einmal ein kleiner Boom entwickeln.

Matthias Brumberg, geschäftsführender Gesellschafter von Euronics Brumberg, inmitten von Smart-TV-Geräten

Matthias Brumberg, geschäftsführender Gesellschafter von Euronics Brumberg, inmitten von Smart-TV-Geräten: Bei höherpreisigen Anschaffungen spüren Kunden den Vorteil durch die gesunkene Mehrwertsteuer stärker. © Stefan Milk

Ob das Ganze aber nachhaltig die Stellung der Innenstadthändler verbessern kann, da hat vor allem Axel Bohde erhebliche Zweifel. Der immer stärker werdende Online-Handel sei eine tendenziell übermächtige Konkurrenz.

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Hier sei die Politik gefragt, um endlich die Wettbewerbsposition örtlicher Spezialisten wieder zu verbessern und die Attraktivität auch kleinerer Zentren am Leben zu erhalten. Die Verbraucher entscheiden natürlich am Ende – aber von denen tun viele momentan wirklich, was sie können.

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