Keimverseuchte Wurst der Firma Wilke wird mit Todes- und Krankheitsfällen in Verbindung gebracht. 132 Lokale, Läden und andere Betriebe im Kreis Unna wurden beliefert. Doch die Behörden verweigern die Auskunft, welche das sind.

Kreis Unna

, 07.11.2019, 14:11 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bauernsalami, Gulaschsuppe oder Dauerwurst: Über 1100 Produkte der Fleisch- und Wurstfabrik Wilke aus Nordhessen wurden am 2. Oktober wegen Keim-Verdacht zurückgerufen. Welche Ekel-Waren bekannt sind, können Verbraucher anhand einer öffentlichen Liste bei lebensmittelwarnung.de nachvollziehen.

Die Verbraucher erfahren so zwar viel, aber längst nicht alles über den Fleischskandal, der mit mindestens drei Todesfällen und 37 Krankheitsfällen in Verbindung gebracht wird. Die Behörden behalten nämlich für sich, wohin die Wilke-Wurst geliefert wurde.

Ikea Kamen verbannte Wilke-Wurstaufschnitt

Namen von Kunden werden nur vereinzelt bekannt. So hat die schwedische Möbelkette Ikea noch am Tag des Rückrufs den Wilke-Wurstaufschnitt aus allen Restaurants der Einrichtungshäuser verbannt. Dies betraf nach Angaben einer Sprecherin von Ikea Deutschland auch das Einrichtungshaus in Kamen. Nicht betroffenen waren die beliebten Fleischbällchen Köttbullar oder Hotdogs, die von anderen Lieferanten stammen.

Kreis Unna mauert: Wohin gelangte die keimverseuchte Wilke-Wurst?

Unmittelbar auf Rückruf reagiert: Das Möbelhaus Ikea in Kamen nahm den Wurstaufschnitt der Firma Wilke aus den Regalen. © www.blossey.eu

Wohin gelangte die Wilke-Wurst im Kreis Unna? Wer das herausfinden will, muss das von Anja Dirksen geleitete Amt für Lebensmittelüberwachung und Veterinärwesen fragen. Diese Behörde unter Landrat Michael Makiolla (SPD) besitzt zwar eine Liste mit bis dato 132 belieferten Betrieben im Kreis Unna, behält diese aber für sich.

Gefragt nach allen bekannten Händlern, Supermärkten, Gastronomiebetrieben und weiteren Beziehern von Wilke-Produkten, mauert der Kreis Unna. „Diese Daten werden zentral bei einer übergeordneten Behörde gesammelt: In diesem Fall hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz die Übersicht“, behauptet Kreissprecher Max Rolke, obwohl die Daten beim Unnaer Landrat vorliegen dürften.

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Landesamt schiebt Kreis den Schwarzen Peter zu

Doch auch an der erwähnten zentralen Sammelstelle beim Landesamt, kurz Lanuv, ist man wenig auskunftsfreudig. Sprecher Wilhelm Deitermann verweist auf das „zuständige Kreisveterinäramt“, wo die Verantwortung für die Kontrolle betroffener Unternehmen liege. Das Lanuv habe keine „Vollzugsverantwortlichkeiten“, daher lägen ihm keine kompletten Listen betroffener Unternehmen „bis auf die Kreisebenen herunter vor, sondern müssten ebenfalls beim Kreis abgefragt werden“.

Damit ist das Bemühungen um Transparenz bei den Kundenlisten wieder am Anfang angekommen. „Wir nennen keine Liste oder Namen, weil Rechte Dritter betroffen sind“, sagt Kreissprecherin Birgit Kalle auf telefonische Nachfrage. Nur nach einer Einwilligung der betroffenen Betriebe könne der Kreis Unna die Liste herausgeben. Auch Lanuv-Sprecher Deitermann schiebt Datenschutzgründe vor: „Ob der Kreis Ihnen die konkreten Händlernamen übermitteln kann, wird einer Prüfung nach IFG unterliegen. Hier ist vorgesehen, vor der Übermittlung betriebsbezogener Daten eine Anhörung durchzuführen.“

Kundenliste bleibt unter Verschluss

Rückruf

Wilke und Feinkost Fleisch Krone

  • Die Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren GmbH & Co. KG rief am 2. Oktober 2019 alle ihre Produkte zurück. Die betroffenen Waren, die unter verschiedenen Marken in den Verkehr gelangten, sind durch das ovale Identitätskennzeichen „DE EV 203 EG“ auf der Packung zu erkennen.
  • Folgende Marken sind von dem Rückruf betroffen: ARO, CASA, Domino, Findt, Haus am Eich­feld, Korbach, Metro Chef, Pick­osta, Rohloff Manu­faktur, Sander Gourmet, Schnitt­punkt, Service Bund „Servisa“, Wilke
  • Ein weiterer Rückruf vom 6. November betrifft einzelne Produkte der niedersächsischen Firma Feinkost Fleisch-Krone mit bestimmten Mindesthaltbarkeitsdaten:
  • Gut Bartenhof Frikadelle Klassik Charge 97812, MHD 05.11.2019;
    Gut Bartenhof Frikadellenbällchen Charge 97813, MHD 05.11.2019;
    ja! Frikadellenbällchen 500 g-Packung Charge 97814, MHD 05.11.2019;
    ja! Frikadellenbällchen 500 g-Packung

Mit dem IFG ist das Informationsfreiheitsgesetz NRW gemeint, das Bürgern den freien Zugang zu den bei den öffentlichen Stellen vorhandenen Informationen garantieren soll. Darin ist unter anderem geregelt, wie bei Auskünften mit dem Datenschutz umzugehen ist. Das Gesetz erlaubt eine Auskunft auch ohne Einwilligung von Betroffenen – beispielsweise zur Abwehr erheblicher Nachteile für das Allgemeinwohl oder von Gefahren für Leben und Gesundheit.

Doch solche Nachteile sind offenbar nach Einschätzung der Kreisbehörde schon durch die Veröffentlichung der Produktliste abgewehrt. Weder wird eine Verpflichtung zur Herausgabe der Kundenliste gesehen noch eine Notwendigkeit. „Weil sich jeder Verbraucher über die Produktliste informieren kann“, sagt Kreissprecherin Kalle. Allerdings wurde Wilke-Wurst auch als lose Ware an Theken, in Restaurants und in Kantinen abgegeben – wie etwa im Ikea-Restaurant in Kamen. Es ist nicht gewährleistet, dass in allen Betrieben Rückruf-Informationen aushängen.

Foodwatch fordert vollständige Veröffentlichung

Für die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch sind genug Gründe gegeben, die für eine umfassende Information der Verbraucher sprechen. Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rückert forderte in der vorigen Woche nicht nur einen Reform der Lebensmittelüberwachung, sondern auch mehr Verbraucherinformationen: „Alle Ergebnisse der Kontrollen, alle Namen und Verkaufsstellen belasteter Produkte müssen vollständig veröffentlicht werden. Das wären wirksame Anreize, damit Fälle wie Wilke verhindert werden können“, erklärte er. Foodwatch hatte das hessische Umweltministerium unter Berufung auf das Verbraucherinformationsgesetz zur Herausgabe der Kundenliste zwingen wollen, war aber gescheitert. Dieses Gesetz diene nicht der akuten Verbraucherwarnung, so das Verwaltungsgericht Kassel.

Keine klare Aussage zu Verbraucherrechten

4500 Rückruf-Kontrollen haben die Veterinäramter in NRW allein im Fall Wilke durchgeführt. Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) erklärte, dass alle notwendigen Maßnahmen zum Schutz der Verbraucher zügig ergriffen worden seien. Verbraucherschützer von Foodwatch kritisieren den bisherigen Aufbau der Lebensmittelüberwachung als nicht effizient genug.

Landrat Stephan Pusch (Kreis Heinsberg) als Vertreter des Verbraucherschutzes im Landkreistag NRW weist solche Kritik zurück. Man brauche keine Nachhilfe. „Verbraucherinnen und Verbraucher haben das Recht auf einwandfreie Lebensmittel“, meint Pusch.

Die Frage, ob die Verbraucher ein Anrecht haben zu erfahren, welche Betriebe beliefert wurden, beantwortet er weniger klar. „Der Gesetzgeber hat die Frage der Information der Verbraucher umfassend im Verbraucher-Informationsgesetz sowie im Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch geregelt und dabei auch das Spannungsverhältnis zwischen den Interessen des Verbrauchers auf möglichst umfassende Information und den Rechten eines Lebensmittelunternehmens genau geregelt“, sagt Pusch. „Die Kreise sind an diesen Rechtsrahmen gebunden und halten diesen selbstverständlich auch ein.“

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