Vor hundert Jahren fand unweit von Kamen ein Ereignis statt, das als „Schlacht von Pelkum“ nicht nur in die Geschichte eingegangen ist, sondern dessen noch jährlich am Massengrab gedacht wird.

von Klaus Goehrke

Kamen

, 15.03.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vor hundert Jahren fand unweit von Kamen ein Ereignis statt, das als „Schlacht von Pelkum“ in die Geschichte eingegangen ist. Es war der Schlusspunkt des „Ruhrkampfes“, einer der größten Aufstandsbewegung in Deutschland seit den Bauernkriegen.

Die hochgerüstete Reichswehr, etwa 1.800 Mann, kämpfte gegen einige Hundert schlecht bewaffnete Arbeiter und machte sie massenhaft nieder. Ausgangspunkt des Geschehens vom 1. April 1920 war der Kapp-Putsch vom 13. März. In Berlin weigerte sich die Reichswehr, Truppen zu reduzieren, General von Lüttwitz ließ Militär einmarschieren, der ostpreußische Verwaltungschef Wolfgang Kapp ernannte sich zum Reichskanzler.

Die Regierung setzte sich nach Dresden und Stuttgart ab. Der SPD-Vorstand rief, was bisher undenkbar war, zum Generalstreik auf, der in der Hauptstadt und vor allem im Ruhrgebiet umfassend eingehalten wurde.

Die Putschisten konnten zwar auf die reaktionären Eliten zählen, aber ihnen fehlte die Massenbasis, sodass der Putsch schon nach Tagen zusammenbrach.

Klaus Goehrke hat hat zahlreiche Bücher zur Stadtgeschichte geschrieben.

Klaus Goehrke hat hat zahlreiche Bücher zur Stadtgeschichte geschrieben. © Stefan Milk

Auch in Kamen blieben die Arbeiter zu Hause

Auch in Kamen blieben die Arbeiter zu Hause, die Straßenbahn fuhr nicht, eine rasch installierte Arbeiterwehr patrouillierte. General von Watter in Münster, den Kapp im Amt bestätigt hatte, sah seinen Auftrag darin, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten.

Darum setzte er ein Paderborner Bataillon in Marsch, eine Kolonne von etwa zehn Mannschaftswagen. Die Kamener Arbeiterwehr ließ, um die Durchfahrt zu verhindern, die Bahnschranken herunter. Da die Vorhut nicht auf das Stoppsignal reagierte, wurde sie beschossen. Als die Kolonne eintraf, verweigerte ihr Kommandeur die Auskunft, hinter welcher Regierung das Militär stehe.

Die ganze Nacht hindurch trafen daraufhin Arbeitertrupps zu Hunderten ein. Morgens am 16. März gegen 6.30 Uhr wurde das Feuer eröffnet. Es gab Tote und Verwundete. Die entwaffnete Einheit von rund 200 Mann wurde nach Unna gebracht.

Klaus Goehrke ist nicht nur Ortshistoriker, als ehemaliger Gesamtschullehrer erteilte er auch Sprachunterricht für Flüchtlinge im Pförtnerhaus, nachdem Awo-Vorsitzender Jörg Theis (M.) das Angebot organisiert hatte.

Klaus Goehrke ist nicht nur Ortshistoriker, als ehemaliger Gesamtschullehrer erteilte er auch Sprachunterricht für Flüchtlinge im Pförtnerhaus, nachdem Awo-Vorsitzender Jörg Theis (M.) das Angebot organisiert hatte. © Marcel Drawe

Die Arbeiter waren nicht bereit, die Waffen aus der Hand zu legen

Schlacht von Pelkum

Vortrag und Gedenken

  • Klaus Goehrke hält einen Vortrag zur „Schlacht von Pelkum“ am 26. März, 19.30 Uhr, im JKC an der Poststraße. Veranstalter ist die Zivilcourage.
  • Am 28. März findet um 14 Uhr die Hauptgedenkveranstaltung in Pelkum am Massengrab/Gedenkstein auf dem dortigen Friedhof statt.

Da der Putsch am nächsten Tag zusammenbrach, war zwar eigentlich das Ziel des Widerstandes erreicht, aber die Arbeiter waren nicht bereit, die Waffen aus der Hand zu legen.

Es bildete sich eine „Rote Ruhrarmee“, um für die Durchsetzung weitergehender sozialer Rechte aktiv zu werden. Die Reichsregierung rückte nun von der Aufforderung zum Generalstreik ab und beauftragte General Watter, im Ruhrgebiet für „Ruhe und Ordnung“ zu sorgen. Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, erreichte Reichskommissar Carl Severing am 24. März, dass in Bielefeld ein Abkommen geschlossen wurde, in dem die Regierung zusagte, Sozialisierungsmaßnahmen voranzutreiben; dafür sollte die Arbeiterschaft binnen zehn Tagen alle Waffen abliefern und zur Arbeit zurückkehren.

Doch die in Marsch gesetzten Truppen, die 13. Brigade aus Stuttgart unter General Otto Haas und die 21. Brigade unter Oberst von Epp aus München, marschierten ungehindert auf Hamm zu. Daher lehnten die Arbeiterwehren die Waffenabgabe ab.

Kamen erlangte strategische Bedeutung

Kamen erlangte nun strategische Bedeutung, um am Nordostrand des Ruhrgebiets den Einmarsch der Reichswehr zu verhindern. Die Kamener Zeitung berichtete: „Immer neue Züge von Arbeiterwehren aus den Bezirken Dortmund, Hamm und Bochum und darüber hinaus trafen ein. Mit roten Armbinden und mit Fahnen und mit Gesang marschieren sie zum Schützenhof, wo die Kriegsküche ihren Betrieb aufgenommen hat, um die vielen, vielen Menschen aus fern und nah zu verpflegen.“

Am Abend rückten die Truppen Richtung Pelkum und Altenbögge aus. Die Kamener Arbeiterwehr blieb in der Stadt, um die Ordnung aufrecht zu erhalten.

„Selbst die Verwundeten erschießen wir noch“

Das Militär war zum Äußersten bereit. Der Tagesbefehl von General Haas schloss: „So stehen wir einem Gesindel gegenüber, das aus den Unruhen vor allem persönlichen Nutzen und Bereicherung zu ziehen sucht. Der Erfolg ist für uns ja zweifellos; solche Feinde halten im Ernst nicht stand.“

Die Verteidiger wurden ab 14 Uhr unter Artilleriefeuer genommen und überrannt, eine größere Gruppe wurde auf dem Friedhof eingeschlossen, der Kampf war gegen 17 Uhr mit dem Massaker auf dem Friedhof entschieden. Die Kamener Zeitung berichtete: „Die Bayern sind außerordentlich scharf vorgegangen; wer mit der Waffe in der Hand angetroffen wurde oder wem nachgewiesen werden konnte, dass er auf die Truppen geschossen hatte, wurde erschossen.“

Bekannt die Aussage eines Freiwilligen: „Pardon gibt es überhaupt nicht. Selbst die Verwundeten erschießen wir noch.“ Im Massengrab auf dem Friedhof liegen 83 Opfer begraben.

Kamen wurde vorübergehend von Tausenden Soldaten besetzt

Am 2. April marschierten die Truppen ein, Kamen wurde vorübergehend von Tausenden Soldaten besetzt, Epp und sein Stab, darunter Ernst Röhm, nächtigten bei Bergheim am Markt.

Bleibende Folge war die Spaltung der politischen Linken, die SPD erlitt bei den Wahlen im Juni 1920 große Stimmenverluste, während die Unabhängigen von der USPD hinzu gewannen. Dagegen ging die Rechte gestärkt aus den Kämpfen hervor.

Die Kamener Zeitung: „Einzelne Truppenteile haben während der letzten Unruhen an den Helmen oder anderen Uniformstücken als germanisches Abzeichen ein Hakenkreuz getragen.“ Die Protagonisten machten in der NSDAP Karriere.

Lesen Sie jetzt