Kamener Gymnasium verabschiedet sich vom gemeinsamen Lernen

dzInklusion am Gymnasium

Wegen eines Erlasses der Landesregierung ist das Kamener Gymnasium im kommenden Schuljahr keine Schule des gemeinsamen Lernens mehr. Das hat Konsequenzen für Kinder mit Behinderungen.

Kamen

, 03.12.2018 / Lesedauer: 3 min

Das Kamener Gymnasium wird zum Schuljahr 2019/2020 keine Schule des gemeinsamen Lernens mehr sein. Das heißt, dass Schüler, die etwa eine Lernbehinderung haben, dort nicht mehr neu aufgenommen werden. Diese Kinder fallen unter die Bezeichnung „zieldifferente Förderung“. Auswirkungen hat das auch auf Schüler, die etwa Seh- oder Hörbehinderung haben, sonst aber mit dem Lernstoff mithalten können. Diese Kinder, die unter die Bezeichnung „zielgleiche Förderung“ fallen, können dort künftig nur noch per Einzelintegration aufgenommen werden.

Dass es dazu gekommen ist, ist keine Entscheidung des Gymnasiums, sondern auf einen Erlass der Landesregierung zurückzuführen. In diesem wird eine Neuausrichtung der Inklusion an den Schulen vorgegeben. Gymnasien sollen fortan nicht mehr standardmäßig als Schule des gemeinsamen Lernens gelten, um das vorhandene Personal – gemeint sind vor allem Förderlehrer – besser nutzen zu können, so die Begründung. Lediglich zwei Gymnasien (Holzwickede und Selm) werden im Kreis Unna Schule des gemeinsamen Lernens bleiben.

Förderlehrer händeringend gesucht

Angelika Remmers, Schulleiterin des Gymnasiums, möchte Panik und Gerüchten entgegenwirken. „Alle entsprechenden Kinder, die bereits bei uns sind, sind davon nicht betroffen“, sagt sie. Konkret sind das sechs Kinder im Bereich zielgleiche Förderung und 14 Kinder im Bereich zieldifferente Förderung. Für diese setzt sich zurzeit etwa eine entsprechend ausgebildete Lehrerin mit 16 Wochenstunden ein. Remmers weiß, dass Förderlehrer händeringend gesucht werden, und sieht darin den Grund für die Maßnahmen der Landesregierung. „Die Bewerberlage ist bei Stellen für Förderlehrer gleich null“, klagt sie.

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Diejenigen Kinder, die unter die zieldifferente Förderung fallen und in eine weiterführende Schule kommen, werden zum Schuljahr 2019/2020 an die anderen entsprechenden Schulen in Kamen verteilt, denn die Haupt-, Real- und Gesamtschule sind weiterhin Schule des gemeinsamen Lernens. Wie dieser Verteilungsprozess aussieht, weiß etwa Lutz Lamek, Schulrat beim Schulamt für den Kreis Unna. „Bei der zieldifferenten Förderung dürfen Eltern in Sachen Schule einen Wunsch äußern, der aber keine Verbindlichkeit hat“, so Lamek. Anders sei das bei der zielgleichen Förderung, da dort dem Wunsch im Regelfall nachgekommen werden müsse.

Kamener Gymnasium verabschiedet sich vom gemeinsamen Lernen

Angelika Remmers, Schulleiterin des Gymnasiums, möchte Panik und Gerüchten entgegenwirken. „Alle entsprechenden Kinder, die bereits bei uns sind, sind davon nicht betroffen“, sagt sie. © Stefan Milk

Änderung hat auch positive Effekte

Genau darin liegt die Krux, wie auch Schulleiterin Remmers weiß: „Eigentlich kommen Kinder aus beiden Gruppen nicht mehr nach“, sagt sie und betont dabei das Wort „eigentlich“. Bei der zielgleichen Förderung ist das nämlich komplizierter: „Wenn eine entsprechende Anmeldung vorliegt, muss man dann im Einzelfall gucken und sich gegebenenfalls mit der Bezirksregierung austauschen“, so Remmers. Die Schulleiterin findet für den Sachverhalt deutliche Worte: „Ich fände es schlimm, wenn ein Kamener Kind, das zielgleich unterrichtet werden würde, zu einem Gymnasium in Holzwickede fahren müsste“, sagt sie. „Das bezieht sich jetzt natürlich nur auf den längeren Schulweg“, ergänzt Remmers. Die Änderungen haben derweil auch positive Effekte für das Gymnasium, denn „zieldifferente Inklusion ist sehr aufwendig“. Das liege daran, dass die Förderlehrerin zwar 16 Stunden pro Woche im Einsatz ist, aber die Kinder ja auch darüber hinaus unterrichtet werden müssen. Im Unterricht bereitet das Schwierigkeiten, da die Kinder so ein sehr unterschiedliches Wissens- und Lernniveau mitbringen.

Aufregung im Ausschuss

Als die Neuausrichtung im Schul- und Sportausschuss präsentiert wurde, sorgte die Nachricht für einigen Wirbel. Werner Bucek (Die Linke/GAL) klagte etwa: „Dieser Ansatz kann nicht die Fortsetzung dessen sein, was wir zuvor bei der Integration gemacht haben. Wir sind sehr enttäuscht.“ Auch Ratsmitglied Gökcen Kuru (SPD) fand deutliche Worte: „Ich empfinde das als Aufweichung des Inklusionsgedankens, was die aktuelle und die vorherige Landesregierung gemacht haben.“ Bürgermeisterin Elke Kappen (SPD) verzichtete auf eine politische Bewertung der Sachlage, verwies aber auf weitere Diskussionen: „Ich glaube, dass das noch nicht der Endstand der Diskussion ist.“

Inklusion

Zielgleiche und zieldifferente Förderung

Bei der Inklusion wird zwischen zielgleicher und zieldifferenter Förderung unterschieden. Zielgleich bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das Ziel des Bildungsganges wahrscheinlich erreicht werden kann. An einem Gymnasium wird dem Kind etwa die Fähigkeit zugesprochen, das Abitur absolvieren zu können. Hierunter fallen etwa Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf oder solche mit einer Seh- oder Hörbehinderung. Zieldifferent bedeutet, dass das Ziel des Bildungsganges nicht erreicht werden kann. Hierunter fallen etwa Kinder mit Lernbehinderungen.
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