Eigentlich ist Rainer Lemke Busfahrer bei den Dortmunder Stadtwerken. Doch seit drei Jahren schwingt sich der Kamener im Advent auf einen LKW-Bock und fährt Weihnachtspäckchen nach Rumänien.

Kamen

, 24.12.2019, 04:57 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Mir geht es so gut“, sagt Rainer Lemke – und erklärt damit, warum er seit drei Jahren immer Anfang Dezember ehrenamtlich eine wahre Strapaze auf sich nimmt. Er fährt in sechs bis sieben Tagen über 3400 Kilometer in einem Lkw. „Das tu‘ ich mir einfach aus Dankbarkeit an“, sagt der Wasserkurler – und hat Tränen in den Augen, als er schildert, wie am Ziel seiner Reise eine Frau auf die Knie fiel und ihm die Hände küsste.

Dabei hatte er nichts anderes getan, als ihrem Kind ein Weihnachtsgeschenk zu überreichen. „Wenn man diese strahlenden Kinderaugen sieht, dann geht einem das Herz auf“, sagt der Mann, der im normalen Leben in Dortmund einen Linienbus fährt.

Rainer Lemke tauscht den Weihnachtsmann-Schlitten gegen einen Lkw

Schon 2018 war Rainer Lemke mit dem Konvoi in Rumänien und verteilte Weihnachtspäckchen unter anderem in einer Schule. © Rainer Lemke

Kinder packten die Päckchen für Kinder

Doch zur Weihnachtszeit wird er zum Lkw-Fahrer. Rainer Lemke gehört zu den Männern und Frauen, die sich alljährlich in Hanau treffen und von dort mit dem Weihnachtspäckchenkonvoi gen Osten starten. An Bord des geliehenen Lkw: In ganz Deutschland gesammelte Weihnachtspäckchen, die Kinder für Kinder gepackt haben.

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Es ist eine gemeinsame Aktion etlicher Service-Clubs, einst aus dem Boden gestampft durch einen Schulterschluss von Round Table, Ladies‘ Circle, Old Tablers und Tangent Club. Inzwischen haben sich viele weitere Unterstützer der Aktion angeschlossen – einer der Schirmherren ist beispielsweise Peter Maffay. Zu den wichtigsten Sponsoren der Aktion gehört die Awo, die auch im Kreis Unna Weihnachtspäckchen für den Konvoi sammelte.

Rainer Lemke tauscht den Weihnachtsmann-Schlitten gegen einen Lkw

293 Helfer machten sich in diesem Jahr auf den Weg nach Osteuropa, um die Weihnachtspäckchen zu verteilen. © Weihnachtspäckchenkonvoi

Lemke transportierte 33 Paletten mit Geschenken

33 Paletten à zwölf Kartons hatte Lemke in diesem Jahr geladen – und in jedem Karton waren zwischen 8 und 14 Weihnachtspäckchen. Was für Lemke besonders wichtig ist: Er sieht, wie die Hilfe ankommt. „Die Päckchen werden direkt an die Kinder übergeben und wir bleiben, bis die sie geöffnet haben“, schildert Lemke.

Die Kinder sind total überrascht, dass sie Geschenke bekommen“, beobachtet Lemke in jedem Jahr aufs Neue. Und die Freude sei groß, wenn ausgepackt werde. „Das geht einem schon nah – und ist teilweise auch sehr heftig“, sagt der Mann, während seine Augen in Erinnerung daran erneut feucht werden.

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Vor Ort werden die Geschenke in kleinere Transporter umgeladen

Im großen Konvoi aus Bussen und Lastwagen geht die Reise stets bis nach Arad. Dort werden die Lkw entladen und die Päckchen auf Bullis umgepackt. Gemeinsam mit den Mitgliedern der Service-Clubs, die den Konvoi begleiten, geht es dann in kleinere Städte.

Rainer Lemke und das Team, zu dem er gehört, steuern jedes Mal das Städtchen Drobeta an, das nicht nur sprichwörtlich in der Walachei liegt. Sie gehen direkt in Waisenhäuser, Schulen, Kindergärten, Einrichtungen – aber Lemke hält mit seiner Mannschaft auch oft am Wegesrand, wenn sie dort Kinder entdecken. Denn die Sinti und Roma werden auch in Rumänien ins Abseits gedrängt.

Rainer Lemke tauscht den Weihnachtsmann-Schlitten gegen einen Lkw

Sobald Rainer Lemke und ein Team ein Kind sehen, erhält dieses ein Weihnachtspäckchen. © privat

Erlebnis im Urlaub ist der Grund für die Hilfsbereitschaft

Eine Begegnung mit diesen Menschen vor rund 20 Jahren prägte Rainer Lemke so sehr, dass er sich seither für Rumänien engagiert, und auch mal am Wegesrand anhält. Aus gutem Grund: „Meine Frau und ich waren damals mit Motorrad und Quad unterwegs – und am Ende eines Wanderwegs landeten wir auf einer Plastik-Mülldeponie. Da standen ein paar Hütten – und aus einer dieser Hütten kam ein kleines Mädchen. Vielleicht drei oder vier Jahre alt. Dreckig, eine kaputte Strumpfhose, nur im Unterhemd. Da blieb mir die Luft weg“, schildert Lemke.

Zur Sache

Auch Päckchen aus dem Kreis Unna dabei

  • In diesem Jahr ging die Tour des Weihnachtspäckchenkonvois vom 30. November bis 7. Dezember nach Bulgarien, Moldawien, Rumänien und in die Ukraine.
  • Kindergarten- und Schulkinder in Deutschland packten (mit Unterstützung ihrer Eltern) ein Geschenk für ein anderes Kind.
  • Im ersten Jahr, 2001, gingen 100 Päckchen mit 24 Helfern und elf Fahrzeugen auf den Weg. In diesem Jahr waren es 173.161 Päckchen, 51 Fahrzeuge und 293 Helfer.
  • Zu den wichtigsten Sponsoren der Aktion gehört die Awo, die auch im Kreis Unna Weihnachtspäckchen sammelte, die mit dem Konvoi auf die Reise zu ihrem Bestimmungsort gingen.

Er half vor Ort, so wie er gerade konnte. Doch das Erlebnis ließ ihn nicht los. Seither engagiert er sich. Er schickte Geld an die Familie, und beim Besuch im nächsten Jahr fiel die Mutter vor ihm dankend auf die Knie. „Da musste ich raus und eine rauchen“, gibt Lemke mit brüchiger Stimme zu. Gewöhnt hat er sich an diese Form der Dankbarkeit auch nach all den Jahren nicht. „Es ist hart und man braucht schon starke Nerven“, gibt er zu.

Etwas vom eigenen Glück zurückgeben

Doch einfach nur Geld zu spenden, das reicht ihm nicht. „Ich unterstütze nach wie vor einige Kinder finanziell, aber das ist mir zu wenig. Ich will selbst etwas auf mich nehmen, um etwas von meinem Glück zurückgeben zu können“, sagt Lemke. Erst recht zur Weihnachtszeit.

Und da der Weihnachtspäckchenkonvoi immer auf Fahrer angewiesen ist, nutzt Lemke die Gelegenheit gern. Und nicht nur die: Im Sommer will er wieder auf Tour gehen, wenn Krankenhäuser in Moldawien beim Sommerkonvoi mit Hilfsgütern unterstützt werden sollen.

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