Ohne ausgedrucktes Rezept zur Apotheke, das soll es bald geben. Die Kamener Ärzte Michael Nickertz und Dr. med. Kerstin König rüsten ihre Praxis digital auf. Die Patienten müssen sich umgewöhnen.

Kamen

, 09.02.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Sobald wir die elektronischen Arztausweise haben, könnte es mit den E-Rezepten losgehen“, sagt der Kamener Arzt Manfred Michael Nickertz. Er und seine Kollegin, Dr. med. Kerstin König, sind bereit für das E-Rezept und andere technische Neuerungen, die in diesem und in den nächsten Jahren auf die Mediziner zukommen. Doch einfach das umsetzen, was ihnen per Gesetz ermöglicht wird, ist gar nicht so einfach und geht vor allem nicht so schnell.

Das zeigt etwa das Beispiel Videosprechstunde. Seit 2017 darf sie theoretisch jede Praxis anbieten und abrechnen lassen kann. Beim Blick auf die Internetseiten der Kamener Ärzte, auf denen sie darüber aufklären dürfen, wird jedoch schnell klar: Videosprechstunden scheinen sich in der Sesekestadt noch nicht durchgesetzt zu haben. Und da ist Kamen keine Ausnahme. Auch andere Städte wie zum Beispiel die Nachbarin Dortmund tun sich noch schwer.

In der Pflege ist man unterdessen einen kleinen Schritt weiter. Das Gesundheitsnetz Unna führte kürzlich die elektronische Arztvisite ein. Viele Pflegeheime im Kreis Unna machen mit.

E-Rezepte sollen noch dieses Jahr eingeführt werden

Ob sich E-Rezepte besser bzw. schneller durchsetzen werden, zeigt sich in der zweiten Jahreshälfte. Bis zum 30. Juni 2020 sollen die notwendigen Grundlagen für die Verwendung des elektronischen Rezeptes geschaffen sein – das verkündete das Ministerium von Gesundheitsminister Jens Spahn.

Das E-Rezept ist Teil des Gesetzes für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV). Es ist am 16. August 2019 in Kraft getreten. Nun werden die Grundlagen geschaffen, damit Ärzte Rezepte nicht mehr nur auf Papier, sondern auch digital ausstellen können.

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Grund für Verzögerungen können Personalmangel oder fehlende technische Voraussetzungen sein. Manfred Michael Nickertz und Dr. Kerstin König sind bereit. Doch um auf diesen Stand zu kommen, hat es erst einmal gedauert. Seit etwa zwei Jahren modernisieren sie ihre Gemeinschaftspraxis, das „Medizinische Kompetenzkollegium Kamen“. Sie haben neben einem Praxismanager auch einen externen EDV-Experten ins Boot geholt.

Praxen aufzurüsten ist viel Arbeit und an dem Beispiel des MKK zeigt sich, warum manche Gesetze, die ganz oben beschlossen werden, bei den Betroffenen nicht direkt durchschlagen und Anwendung finden – auch wenn die Kapazitäten da sind. Denn einerseits gibt es schlicht viele Stellen, die auf das digitale Zeitalter in der Medizin vorbereitet werden wollen. Software und Geräte müssen angeschafft und der Datenschutz gewährleistet werden. Andererseits wollen Praxisteams, wie das von Nickertz und König, auf ihrem Weg nach vorne nicht die Menschen hinter sich lassen, um die es eigentlich geht: die Patienten.

Patienten sollen nicht alleine gelassen werden

„Sie sollen nicht das Gefühl haben, dass wir über ihren Kopf hinweg entscheiden“, erklärt Praxismanager Kai Nickertz-Kalinka. Was die technischen Neuerungen in der Praxis betrifft, gebe es zwei Lager: Jene, die sich generell viel mit Tablets und Handy beschäftigen und sich über den frischen Wind freuen, und jene, die eher unsicher sind und mehr Zeit brauchen, um sich daran zu gewöhnen.

Die Praxis geht deshalb Schritt für Schritt voran und krempelt nicht alles von heute auf morgen um. Neben internen Neuerungen, wie ein digitales Terminvergabesystem und das Intranet – ein digitales Schwarzes Brett für das Kollegium – gab es in den vergangenen zwei Jahren auch schon einige Veränderungen für die Patienten.

Papierlose Arztpraxis: Nicht alle Patienten sind direkt begeistert

Direkt nach einer Untersuchung können die Ergebnisse in vielen Arztpraxen direkt am Schirm abgelesen und mit dem Patienten besprochen werden. © Stefan Milk

Bei einigen ist der Vorteil offensichtlich – wie etwa bei der neuen Telefonanlage mit Mailbox. Andere sind vielleicht noch gewöhnungsbedürftig. Wie zum Beispiel die Möglichkeit, online einen Termin anzufragen oder per Mailbox ein Rezept für Dauermedikamente zu bestellen.

Bald soll letzteres auch online möglich sein. In anderen Kamener Praxen geht das bereits. Zum Beispiel (laut Internetauftritten) bei dem Internistenteam Kamen oder in der Praxis Dr. med Brettschneider in Methler. Dort können Patienten bestimmte Rezepte und Überweisungen online bestellen und am Folgetag abholen.

Jeden Tag häufen sich hunderte Rezepte auf den Tischen der Ärzte

Noch sind es Rezepte in Papierformat, die die Patienten ausgehändigt bekommen, Nickertz und König haben aber nichts dagegen, wenn sich das bald ändert. Pro Quartal kümmert sich die Praxis um 5000 Patienten, zu persönlichen Kontakten kommt es etwa 15.000 Mal. Dazu zählen auch kurze Besuche, etwa zum Rezept abholen oder Blut abnehmen. In anderen Kamener Praxen wird der Andrang nicht geringer sein.

Papierlose Arztpraxis: Nicht alle Patienten sind direkt begeistert

Die Videosprechstunde wurde bereits 2017 eingeführt. Das bedeutet aber längst nicht, dass jeder Arzt sie schon anbietet. © AOK/hfr.

Es sind also täglich eine Menge Vorgänge und eine Menge Papierkram. „Die Patienten haben kein Bild davon, wie viele Rezepte wir täglich herausgeben“, sagt Praxismanager Nickertz-Kalinka. E-Rezepte wären also nicht nur eine Erleichterung für die Ärzte, sondern würden auch der Umwelt einen großen Gefallen tun.

Dass in den kommenden Jahren nicht weniger, sondern immer mehr Patienten in ihre Praxen kommen, ist übrigens auch ein Grund dafür, warum Nickerts und König immer digitaler werden wollen. Durch den demografischen Wandel und den drohenden Ärztemangel ist es nur so möglich, den Patienten gerecht zu werden. Denn wenn einige Dinge automatisch und digital laufen, dann haben die Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten.

Und so hat das Team schon viele neue, andere Ideen parat. Es wird zum Beispiel schon an einer App gearbeitet, mit der Befunde inklusive Arztbrief auf das Handy der Patienten geschickt werden können. Und auch die Idee für eine Station, an der sich die Patienten beim Kommen eine Nummer ziehen können und dann durch ein Bodenleitsystem zum Behandlungsraum geführt werden, schwebt dem Team vor. Und wenn es den Patienten zu schnell geht, dann können sie das im Patientenfragebogen anmerken. Den gibt es künftig auch. Digital.

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