Die Feuerwehr erreicht oftmals das sogenannte Schutzziel nicht. Meist sind es nur Sekunden, die die Lebensretter an der Planvorgabe vorbeifahren. Der Feuerwehrchef mahnt Verbesserungen an.

Kamen

, 05.06.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Rainer Balkenhoff ist kein Mann großer Worte. Der erfahrene Feuerwehrchef lässt mit seinen Kameraden lieber Taten sprechen, bekämpft Brände und rettet Menschen. Tag für Tag mit hohem Einsatz und sehr zuverlässig.

Doch jetzt richtet er mahnende Worte an die Kamener Politiker, als er zur Lage der Feuerwehr spricht: „Wir erreichen oft unsere Schutzziele nicht. Wir fahren sehr oft eng daran vorbei“, sagt er bei der Vorstellung des Brandschutzberichts im jüngsten Haupt- und Finanzausschuss. Für Balkenhoff einer der letzten Berichte. Er geht im Februar kommenden Jahres in den Ruhestand und blickt eigentlich auf eine intakte Truppe mit großer Leistungskraft und überdurchschnittlich viel Nachwuchs. Wären da nicht die im Brandschutzbedarfsplan der Stadt Kamen formulierten Schutzziele. Balkenhoff: „Da gibt es Optimierungsbedarf. Das muss man deutlich so sehen.“

Feuerwehrchef Rainer Balkenhoff zeigt die moderne Handy-Warn-App "Nina", über die es wichtige Warnmeldungen für unterschiedliche Gefahrenlagen wie zum Beispiel Gefahrstoffausbreitung oder einen Großbrand gibt. Balkenhoff mahnte jetzt an, dass einige für die Feuerwehr geltenden Ziele nicht immer erreicht werden.

Feuerwehrchef Rainer Balkenhoff zeigt die moderne Handy-Warn-App "Nina", über die es wichtige Warnmeldungen für unterschiedliche Gefahrenlagen wie zum Beispiel Gefahrstoffausbreitung oder einen Großbrand gibt. Balkenhoff mahnte jetzt an, dass einige für die Feuerwehr geltenden Ziele nicht immer erreicht werden. © Marcel Drawe

Das Schutzziel 1 in nur etwas über Hälfte der Fälle erreicht

Das sogenannte Schutzziel ist bei der Auswertung des Einsatzes eines von mehreren Kriterien dafür, ob die Feuerwehr nicht nur in der Praxis, sondern auch auf dem Papier erfolgreich war oder nicht. Dabei gilt laut Kamener Brandschutzbedarfsplan, binnen acht Minuten mit bestimmtem Gerät und einer Anzahl an Kräften am Einsatzort zu sein. Die erste Aufgabe ist dabei die Rettung von Menschen. Mit den zuerst eintreffenden Kräften soll das unter Beachtung der Eigensicherung geleistet werden.

Der im vergangenen Jahr erzielte Wert der Kamener Feuerwehr liegt dabei lediglich bei 52 Prozent. In 41 von 79 Fällen wurde das Schutzziel erreicht. Besser ist der Wert für das Schutzziel 2, bei dem binnen weiterer fünf Minuten, also nach insgesamt 13 Minuten, noch mehr Kräfte und Gerätschaften vor Ort sein müssen. Dort liegt bei 73 Einsätzen der Wert bei 78 Prozent. 52 Mal hieß es: Schutzziel erreicht.

Bei Gefahrenlagen immer im Einsatz: In der Leitstelle beobachteten (v.l.) Feuerwehrmann Marcel Wiese, Feuerwehrchef Rainer Balkenhoff und der stellvertretende Leiter der Feuer- und Rettungswache Andreas Schultze die Situation beim Orkantief „Sabine“ im Februar dieses Jahres.

Bei Gefahrenlagen immer im Einsatz: In der Leitstelle beobachteten (v.l.) Feuerwehrmann Marcel Wiese, Feuerwehrchef Rainer Balkenhoff und der stellvertretende Leiter der Feuer- und Rettungswache Andreas Schultze die Situation beim Orkantief „Sabine“ im Februar dieses Jahres. © Stefan Milk

Oft nur Sekunden später als erforderlich

„Wir kommen nicht Minuten später an als erforderlich. Oftmals fehlen nur 10, 15 oder 30 Sekunden“, berichtet Balkenhoff aus der Praxis. „Oder wir sind drei Minuten früher da, aber es fehlen zwei Funktionen.“

„Haben wir nach acht Minuten nur acht statt neun Funktionen vor Ort, dann war´s das“
Rainer Balkenhoff

Als Funktionen bezeichnet werden beispielsweise Einheitsführer, Maschinist, Melder und Kräfte des Angriffs-, Wasser- und Schlauchtrupps.

Neun dieser Funktionen müssen nach acht Minuten am Einsatzort sein, insgesamt 16 Funktionen nach 13 Minuten. Fehlt jemand, gilt das im Brandschutzbedarfsplan fixierte Schutzziel als verfehlt. „Haben wir nach acht Minuten nur acht statt neun Funktionen vor Ort, dann war´s das“, so Balkenhoff mit Blick auf die Statistik. „Mir tut so etwas dann weh.“

Der Standort der Löschgruppe Wasserkurl am Hohen Feld 9. Im Ortsteil Methler werden die Schutzziele der Feuerwehr besser erreicht, weil es drei Standorte und dadurch kürzere Wege gibt.

Der Standort der Löschgruppe Wasserkurl am Hohen Feld 9. Im Ortsteil Methler werden die Schutzziele der Feuerwehr besser erreicht, weil es drei Standorte und dadurch kürzere Wege gibt. © Feuerwehr

748 Einsätze im vergangenen Jahr: Fünf Menschen gerettet

Denn die Feuerwehr arbeitet in der Praxis erfolgreich. 748 Einsätze zählte sie im vergangenen Jahr. Zu 202 Bränden und Explosionen rückten die Kräfte aus, 546 Mal waren technische Hilfeleistungen erforderlich – wie bei Verkehrsunfällen und Verkehrsstörungen (191). Fünf Menschen in Lebensgefahr wurden gerettet.

92 Mal gab es Fehlalarmierungen von unterschiedlicher Qualität. Dazu zählen 39 „blinde Alarme“, die in gutem Glauben ausgelöst wurden, weil ein Brand oder eine andere Gefahr vermutet wurde. Dazu zählen ebenso 19 „blinde Alarme“ durch private Rauchmelder und zudem ein „böswilliger Alarm“, bei dem ein Brandmelder vorsätzlich gedrückt wurde, ohne dass es ein Feuer gab. Hoch ist mit 33 die Zahl an Falschalarmen, die durch technische Defekte in Brandmeldeanlagen ausgelöst wurden.

Die Feuerwehr zählt 299 aktive Mitglieder (Stand 2019), das sind zwölf mehr als im Jahr davor. Hauptberuflich gibt es zurzeit 42 Kräfte.

Mit dem Eingang des Notrufs beginnt die Uhr zu ticken

Die Uhr für die Feuerwehr beginnt bereits dann zu ticken, wenn der Notruf in der Leitstelle des Kreises Unna aufläuft. „Dann laufen die ersten acht Minuten“, gibt Balkenhoff einen Einblick in die Arbeit. Für die Kamener Feuerwehrleute, oft ehrenamtlich im Dienst, bedeutet das das sofortige Ausrücken, egal ob tagsüber oder mitten in der Nacht. Von den acht Minuten sind dabei vier Minuten für die Anfahrt zur Feuerwache einkalkuliert, einschließlich Umziehen „und um auf das Fahrzeug zu springen“, wie Balkenhoff sagt. „Dann bleiben noch vier Minuten Fahrtzeit, das ist oft sehr sportlich.“ Dabei habe Methler einen Vorteil mit seinen drei Feuerwachen in Methler, Wasserkurl und Westick.

Um die Kameraden in Heeren-Werve personell schneller zu unterstützen, wurde jetzt ein Fahrzeug mit niedriger Bauhöhe beschafft, um die Bahnunterführung Lenbachstraße nutzen zu können. Dadurch entfällt der Umweg über die Derner Straße oder Hochstraße.

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Neue Kräfte für Erreichung der Schutzziele ab September

Dass die Schutzziele künftig besser erreicht werden, dafür sollen bald zusätzliche Kräfte sorgen, wie die Beigeordnete Hanna Schulze auf Anfrage mitteilt. Es „wurde festgelegt, dass eine Ausweitung auf Staffelstärke durch die Einstellung weiterer fünf Brandmeisteranwärter unterstützt werden wird. Diese schließen im September 2020 ihre Ausbildung ab“, so Schulze. Balkenhoff hat bereits berechnet, was das für die Schutzziele bedeuten würde. „Vermutlich würden wir dann bei 85 bis 90 Prozent liegen.“

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