Eine Größe der Musikszene ist Geschichte: Die Mandolinen-Konzert-Gesellschaft Kaiserau hat sich aufgelöst. Aber vier zupfende Frauen halten die Tradition aufrecht und erinnern sich gern.

von Werner Wiggermann

Methler

, 20.02.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es lohnte sich einfach nicht mehr, eine ganze Vereinsstruktur am Leben zu erhalten. Mit Jahreshauptversammlung, Kassenführung, Vorstandsberichten – und einem einzigen Daseinszweck: Das noch aktive Frauenquartett mit Mandoline, Mandole und zwei Gitarren zu unterstützen.

„Wir treffen uns regelmäßig im Bürgerhaus Methler“, berichtet die Barbara Grawe, ehemalige Vorsitzende der Mandolinen-Konzertgesellschaft Kaiserau die sich jetzt aufgelöst hat. Ob es noch einmal öffentliche Auftritte geben wird, wie zu den großen Zeiten des Orchesters? Möglich ist das, betont Barbara Grawe. Mit russischen Melodien und deutschen Volksliedern erreicht man Ohr und Herz besonders älterer Zuhörer, schafft es meistens sogar, das Publikum zum Mitsingen zu animieren.

Das Orchester im Jahr 1979. Zu dieser Zeit organisierte man auch zusammen mit den Ensembles in Heeren-Werve und Herringen große Gemeinschaftskonzerte.

Das Orchester im Jahr 1979. Zu dieser Zeit organisierte man auch zusammen mit den Ensembles in Heeren-Werve und Herringen große Gemeinschaftskonzerte. © privat

Quartett statt große Besetzung

Die ganz großen musikalischen Herausforderungen sind allerdings nicht mehr zu stemmen, zum Beispiel klassische Stücke, die für Zupfinstrumente neu arrangiert wurden.

Ein Potpourri mit Melodien aus Verdis „Troubadour“ zum Beispiel oder ein genauso bekanntes mit dem Titel „Wolgaklänge“: Das schafften die Kaiserauer Zupfer einst in großer Besetzung; mit 25 oder sogar 30 Instrumentalisten, die noch in den 80er Jahren konzertierten.

Danke für die Musik

Und doch ist auch die kleine Besetzung von heute in der Lage, Freude zu machen. Vor allem den Musikerinnen selbst. Die Zither-Passage aus der Filmmusik zum „Dritten Mann“ ist ein Beispiel, das Barbara Grawe da immer sofort einfällt.

Sie ist dankbar für all die musikalischen Erlebnisse, die ihr mit dem Zupforchester beschert wurden.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg konnten auch Mädchen mit musizieren. Viele junge Menschen fanden in diesen Jahren über die Gitarre oder Mandoline den Weg in die Musik.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg konnten auch Mädchen mit musizieren. Viele junge Menschen fanden in diesen Jahren über die Gitarre oder Mandoline den Weg in die Musik. © privat

Obwohl sie selbst nicht besonders talentiert gewesen sei, wie Barbara Grawe selbst behauptet. Anfang der 60-er Jahre erfüllte sie sich den Wunsch, Gitarre zu lernen. Das ging einfach und ohne große Kosten in der „Mandolinen-Konzert-Gesellschaft“. Gelernt wurde nach einfachen Methoden, die Instrumente gab‘s leihweise ebenfalls beim Verein. Das ermöglichte vielen den Weg zur Musik. Und mit viel Fleiß ließ sich eben einiges erreichen.

Auch hart arbeitende Menschen stand dieser Weg in die Musik offen. Zum Beispiel Bergleuten oder Handwerkern – die sich als Freizeitaktivität, als Ausgleich nur wenige Sportarten, Gesangvereine oder eben ein Instrumental-Ensemble wie das Mandolinenorchester leisten konnten. Was deutlich preiswerter war als etwa Geige oder Klavier zu erlernen und doch Menschen auf beachtlichem musikalischen Niveau zusammenführte.

Barbara Grawe an der Mandoline: „Es gibt eine Zeit danach, mit viel mehr Möglichkeiten.“

Barbara Grawe an der Mandoline: „Es gibt eine Zeit danach, mit viel mehr Möglichkeiten.“ © Marcel Drawe

„Die Gründer waren sehr musikalisch“

Die Gründer der Konzert-Gesellschaft wären dabei auch sicher zu anderen Leistungen in der Lage gewesen, glaubt Barbara Grawe. „Die waren sehr musikalisch und wären später bestimmt eher Berufsmusiker geworden“, meint sie. Aber die Zeiten waren nicht danach. Ganz anders als heute, wo talentierte Kinder auf jede nur erdenkliche Weise musikalisch gefördert werden und Zugang zu praktisch jedem Instrument haben.

Alles hat seine Zeit

Eine Ungerechtigkeit der Geschichte? So sieht die letzte Vorsitzende der Mandolinen-Konzert-Gesellschaft das keineswegs. „Es gab auch eine Zeit vor dem Verein, als es für die meisten praktisch überhaupt keinen Weg in die Instrumental-Musik gab – und es gibt eine Zeit danach, mit viel mehr Möglichkeiten“, sagt sie. Warum sollte man den Fortschritt nicht begrüßen, wenn erst spätere Generationen etwas davon haben?

Rudi Jankowiak war einer der guten Geister des Mandolinen-Orchesters und über 65 Jahre lang Geschäftsführer des Vereins.

Rudi Jankowiak war einer der guten Geister des Mandolinen-Orchesters und über 65 Jahre lang Geschäftsführer des Vereins. © Roman Grzelak

Freude gibt‘s auch ohne Verein

Und die Zeit nach dem Verein, die ist jetzt angebrochen. Eine Zeit, zu der das Quartett in Kaiserau gut passt. Mit Spaß am Musizieren und der Chance, immer noch anderen eine Freude zu machen. All das geht auch ohne Verein.

Ohne Verein aber gäbe es die Geschichte nicht, die auf das Quartett zuführt. Deshalb möchten die Damen an den Zupfinstrumenten die Geschichte des aufgelösten Vereins gut aufgehoben wissen. Alle Akten werden dem Archiv des Kamener Museums zur Verfügung gestellt. Als Material zum besseren Verständnis der Zeit.

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