Rund 1100 Sozialdemokraten füllten am Samstag die Kamener Stadthalle. Dort erfahren die Bewerber für den SPD-Bundesparteivorsitz zum ersten Mal, was die Basis in NRW von ihnen hält.

Kamen

, 28.09.2019, 16:53 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die potenziellen SPD-Vorsitzenden sind pünktlich: Um kurz vor 10.30 Uhr marschieren 14 Frauen und Männer in die Kamener Stadthalle ein. Sie alle wollen, jeweils im gemischtgeschlechtlichen Duo, künftig die SPD führen. Entscheiden dürfen die Mitglieder. Deshalb stellen die Kandidierenden - wie das sozialdemokratisch geschlechtergerecht heißt - sich bei Regionaltreffen vor. Für die mehr oder minder prominenten Politiker dürfte das inzwischen Routine sein. In Kamen absolvieren sie ihre 18. von 23 Vorstellungsrunden.

In Kamen fühlt die SPD-Basis den Bewerber-Duos auf den Zahn

Klara Geywitz und Olaf Scholz konnten ihre Zuhörer nur bedingt begeistern. © Michael Neumann


Die erste Regionalkonferenz in NRW

Aber es ist die erste in NRW, das den größten und mächtigsten SPD-Landesverband beherbergt. Und das Interesse der Mitglieder ist groß. 1100 Menschen haben sich für die Veranstaltung angemeldet und die meisten sind auch gekommen. Die Stühle in der Stadthalle reichen bei weitem nicht aus, viele Sozialdemokraten müssen die Regionalkonferenz stehend absolvieren. Bis die sieben Bewerber-Teams die Bühne betreten und sich einzeln vorstellen dürfen, dauert es noch ein bisschen. Erst einmal hat der Moderator das Sagen.

In Kamen fühlt die SPD-Basis den Bewerber-Duos auf den Zahn

Nina Scheer und Karl Lauterbach zählen zu den Gegnern der großen Koalition © Michael Neumann


Ein Hauch von Casting-Show

Er heißt Björn Sobolweski, arbeitet für den SPD-Bundesvorstand und begrüßt zunächst den SPD-Landesvorsitzenden Sebastian Hartmann. „Bei den anderen Parteien gibt es Show-Veranstaltungen“, sagt der. Bei der SPD werde diskutiert und die Basis dürfe entscheiden. Wobei man sich Moderator Sobolweski durchaus auch in einer TV-Quiz-Sendung vorstellen kann und das Prozedere mit seinen Regeln und der große Stoppuhr am Bühnenrand, die die Redezeit begrenzt, doch ein wenig an eine Casting-Show erinnert. Aber es geht in der Stadthalle dann doch um politische Inhalte. Und letztlich um die Zukunft der aktuellen Bundesregierung.

SPD-Regionalkonferenz

Wahl zwischen sieben Duos

Diese Bewerber-Duos haben sich bei der Kamener Regionalkonferenz vorgestellt:
  • Saskia Esken (Bundestagsabgeordnete), Norbert Walter-Borjans (Ex-NRW-Finanzminister)
  • Christina Kampmann (Landtagsabgeordnete in NRW), Michael Roth (Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt)
  • Petra Köpping (Ministerin für Gleichstellung und Integration in Sachsen), Boris Pistorius (Innenminister in Niedersachsen)
  • Hilde Mattheis (Bundestagsabgeordnete), Dirk Hirschel (Gewerkschafter bei Verdi)
  • Klara Geywitz (Ex-Landtagsabgeordnete aus Brandenburg), Olaf Scholz (Bundesfinanzminister)
  • Gesine Schwan (Politikprofessorin), Ralf Stegner (stellv. Bundesvorsitzender der SPD)
  • Nina Scheer (Bundestagsabgeordnete), Karl Lauterbach (bis vor kurzem stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion)
  • Die SPD-Mitglieder dürfen vom 14. bis zum 25. Oktober abstimmen. Am 26. Oktober wird das Abstimmungsergebnis veröffentlicht. Vom 19. bis zum 29. November gibt es eine Stichwahl zwischen den beiden Duos auf Platz 1 und 2. Die endgültige Wahl erfolgt auf dem SPD-Parteitag vom 6. bis zum 8. Dezember.

Viel Applaus für Gro-Ko-Gegner

Die wäre wohl schnell zu Ende, wenn die Sozialdemokraten in der Stadthalle entscheiden dürfte. Wer wie die Bewerberduos Hilde Mattheis und Dierk Hirschel sowie Nina Scheer und Karl Lauterbach offensiv gegen die Große Koalition argumentiert, bekommt besonders viel Zustimmung. Auch klassische sozialdemokratische Forderungen wie eine höhere Erbschaftssteuer, die Einführung der Vermögenssteuer, Soziale Gerechtigkeit und Solidarität und die Klage, dass die Partei mit den Hartz IV-Reformen in die völlig falsche, neoliberale Richtung abgebogen ist, erhalten lauten Beifall. Das alles sind Positionen die Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans unterschreiben können, die beim Gesamtapplaus wohl vorne liegen.

In Kamen fühlt die SPD-Basis den Bewerber-Duos auf den Zahn

Das Publikum geizte nicht mit Beifall. © Michael Neumann


Ein Ex-Minister kommt nach Hause

Vielleicht liegt das aber auch daran, dass der frühere Landesfinanzminister in Lokalpatriotismus macht: „Es ist schön, nach 17 Regionalkonferenzen zum ersten Mal zu Hause in NRW zu sein.“ Außerordentlich laut klatschen die Zuhörer ebenfalls, als Gesine Schwan mit ihrem Duo-Partner Ralf Stegner eine Forderung erhebt, die man bisher eher von den Grünen kennt: Künftig sollten bei der SPD Partei- und Regierungsämter getrennt werden. Da hat es jemand wie Bundesfinanzminister Olaf Scholz als Regierungsmitglied schwer. Und die Festellung seiner Co-Kandidatin Klara Geywitz „Probleme kann man besser in der Regierung lösen als in der Opposition“ stößt auf eher lauen Beifall.

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SPD-Regionalkonferenz in Kamen

28.09.2019
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Der Landrat ist noch unentschieden

Aber viele Sozialdemokraten sind nicht deshalb in die Stadthalle gekommen, um sich das bestätigen zu lassen, was sie schon zu wissen glauben. Sie wollen sich einen Eindruck von den möglichen Vorsitzenden machen. Und längst nicht alle haben sich schon entschieden, für wen sie stimmen werden. Landrat Michael Makiolla schwankt zum Beispiel noch zwischen zwei Teams. „Wenn man das Duo selbst zusammenstellen könnte, wüsste ich, wen ich wähle“, sagt er.

In Kamen fühlt die SPD-Basis den Bewerber-Duos auf den Zahn

Gesine Schwan und Ralf Stegner. © Michael Neumann


Eine Frage an ein Duo oder eine Person

Gegen Ende der Konferenz dürfen die Zuhörer Fragen stellen. „Maximal 60 Sekunden, nur eine Frage an ein Team oder eine Person“, erklärt der Moderator die Regeln. Manche Parteimitglieder haben sehr spezielle Anliegen, zum Beispiel die Akademisierung des Logopädenberufes. Andere blicken eher grundsätzlich auf die Partei. Warum es die SPD nicht schaffe, ihre Erfolge in der Partei auch in der Öffentlichkeit darzustellen, fragt eine Frau. Das gelinge nur durch gute Zusammenarbeit, meint Olaf Scholz. Und an der mangelt es offenbar zuweilen. Mehrere Redner beklagen jedenfalls den inneren Zusammenhalt der SPD und den Umgang des Führungspersonals untereinander.

SPD-Regionalkonferenz

Wahl zwischen sieben Duos

Diese Bewerber-Duos haben sich bei der Kamener Regionalkonferenz vorgestellt:
  • Saskia Esken (Bundestagsabgeordnete), Norbert Walter-Borjans (Ex-NRW-Finanzminister)
  • Christina Kampmann (Landtagsabgeordnete in NRW), Michael Roth (Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt)
  • Petra Köpping (Ministerin für Gleichstellung und Integration in Sachsen), Boris Pistorius (Innenminister in Niedersachsen)
  • Hilde Mattheis (Bundestagsabgeordnete), Dirk Hirschel (Gewerkschafter bei Verdi)
  • Klara Geywitz (Ex-Landtagsabgeordnete aus Brandenburg), Olaf Scholz (Bundesfinanzminister)
  • Gesine Schwan (Politikprofessorin), Ralf Stegner (stellv. Bundesvorsitzender der SPD)
  • Nina Scheer (Bundestagsabgeordnete), Karl Lauterbach (bis vor kurzem stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion)
  • Die SPD-Mitglieder dürfen vom 14. bis zum 25. Oktober abstimmen. Am 26. Oktober wird das Abstimmungsergebnis veröffentlicht. Vom 19. bis zum 29. November gibt es eine Stichwahl zwischen den beiden Duos auf Platz 1 und 2. Die endgültige Wahl erfolgt auf dem SPD-Parteitag vom 6. bis zum 8. Dezember.

Ein 13-jähriger werdender Sozialdemokrat

Die, die die auf der Bühne stehen, geloben Besserung. Michael Roth, der mit Christina Kampmann antritt, will in der parteiinternen Debatte den Vorwurf nicht mehr hören, der andere sei ja „gar kein richtiger Sozi“. Und Ralf Stegner, der die Kontroverse mit Parteifreunden nicht scheut, sagt: „Es muss klar ein, dass die Gegner nicht in der eigenen Partei sind, sondern bei den anderen.“ So gibt es nach der Regionalkonferenz in Kamen vielleicht doch noch Hoffnung für die deutsche Sozialdemokratie. Während der Fragerunde kommt ein Junge zu Wort. „Ich heiße Jonas und bin 13 Jahre alt“, stellt er sich vor. „Nächstes Jahr will ich der SPD beitreten.“

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