Mit einem Elektroauto unterwegs. Ein Abenteuer, wie die Fahrer sagen. Weil es kaum Möglichkeiten gibt, aufzuladen. Und dennoch: Ihnen macht es Spaß, mit der Sonne im Tank loszudüsen.

Kamen

, 15.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Walter Christoph ist begeistert. Seit Dezember fährt der Kamener Elektrotechniker leihweise einen Renault Twizzy, ein knuddeliges Elektroauto, das aussieht, wie ein zu groß geratenes Kettcar. „Für den Stadtverkehr ist das Fahrzeug optimal, sodass ich auf mein anders Auto fast verzichten kann. Ich habe in diesem Jahr noch nicht einmal getankt!“

Jedenfalls keinen fossilen Krafstoff. Tanken muss Christoph über die Steckdose. Ein herkömmlicher Anschluss reicht für den sogenannten „Schuko-Stecker“ aus. Schuko steht für „Schutzkontakt“ und ist ein Stecker wie an jedem Bügeleisen oder Flachbildfernseher. Aufgeladen wird in der Regel zuhause und nicht an einer öffentlichen Ladestation, die auch in Kamen rar gesät sind. Zehn Ladepunkte gibt es bisher, die sich auf die Standorte an der Bahnhofstraße, im Technopark und bei Ikea verteilen. Weitere Standorte sind geplant bei Autoteile Unger (ATU) im Kamen-Karree und bei Kaufland am Zollpost. Zudem gibt es eine Tesla-Tankstelle bei Connies Diner am Schattweg, wo die Fahrer der Marke die sogenannten Supercharger nutzen. Und für Elektroautos, die mit Wasserstoff fahren, gibt es direkt daneben die von Air Liquide errichtete H2-Tankstelle. 48 Elektroautos sind für Kamen bei der Zulassungsstelle im Unnaer Kreishaus gemeldet, demgegenüber stehen 31.765 konventionelle Fahrzeuge. Der Anteil von E-Autos beträgt in Kamen minimale 0,1 Prozent.

E-Mobilität erreicht die Straße nicht

Dass man die wenigen Tankstellen für alternativ betriebene Fahrzeuge in dieser Kürze aufzählen kann, zeigt, dass die Elektromobilität deutsche Straßen kaum erreicht hat. Die Stadtverwaltung will der Technologie auch nicht über die Maßen in die Steigbügel helfen. Am Donnerstag empfahl sie, einen von den Bündnisgrünen imitierten Prüfauftrag aus dem Umweltausschuss nicht weiter zu verfolgen. Die Forderung war, auszuloten, was notwendig ist, um örtlich ein Netz von Ladestationen aufzubauen und zu betreiben. Die Ergebnisse sollten in ein Konzept gebunden werden. „Ich bin überzeugt, dass der Grund für so wenig E-Fahrzeuge nicht ist, dass es zu wenig Ladestationen gibt. Der Grund ist vielmehr, dass die Fahrzeuge relativ teuer sind“, so Kamens Erster Beigeordneter Dr. Uwe Liedtke.

„Ich habe in diesem Jahr noch nicht einmal getankt!“

Abends eingesteckt, morgens herausgezogen. Zwei Handgriffe reichen, um ein Elektro-Auto wie den Twizzy aufzuladen. E-Autofahrer Timon Lütschen zeigt den Ladestecker, der in jede herkömmliche Steckdose passt. © Marcel Drawe

Kaum Interesse an Elektro-Tankstelle

Die zurzeit geringe Nachfrage nach E-Tankstellen-Strom lässt sich ablesen an den Auslastungsdaten der von den Gemeinschaftsstadtwerken Kamen-Bönen-Bergkamen (GSW) errichteten Ladestation an der Bahnhofstraße, in zentraler Lage direkt gegenüber dem Rathaus, wo zwei Parkplätze mit jeweils einem Ladepunkt vorgehalten werden. Klimaschutzmanager Tim Scharschuch liegen die aktuellen Daten vor. Demnach sind an der Bahnhofstraße nicht ganz 800 Kilowattstunden abgesetzt worden - binnen eines Jahres von Februar 2018 bis Februar 2019. Damit, so Scharschuch, könnte man einen e-Golf 26 Mal aufladen oder 7890 Kilometer weit fahren. „Das zeigt: Eine-E-Tankstelle ist zurzeit kein gutes Investitionsobjekt, sondern dient eher als Marketinginstrument.“ Etwa 10.000 Euro hat die E-Tankstelle gekostet - zum Vergleich: Jene 800 Kilowattstunden haben etwa 216 Euro eingebracht.

„Ich habe in diesem Jahr noch nicht einmal getankt!“

Walter Christoph und Timon Lütschen sind auf Kamener Straßen elektromobil unterwegs. Sie nutzen einen Renault-Twizzy. In Kamen sind zurzeit 48 E-Fahrzeuge angemeldet. © Marcel Drawe

Lade-Steckdosen in jedem Neubau

Doch die Akzeptanz von E-Mobilität hängt offenbar nicht nur von öffentlichen Ladestationen ab. Das bestätigt auch der Kamener Timon Lütschen, der für Kurzstrecken jenen Twizzy nutzt, den er gerade an Walter Christoph verliehen hat. Der bündnisgrüne Ratsherr, der einen Stammtisch für Elektromobilität gegründet hat, klemmt sein Fahrzeug abends an die Steckdose und zieht das Kabel morgens wieder ab. Eigentlich benötigt das Fahrzeug mit einer Reichweite von 70 Kilometern lediglich drei Stunden für einen Ladevorgang. „Abends rein, morgens raus. Sehr komfortabel im Gegensatz zu einer Fahrt zur Tankstelle.“ Auch Liedtke ist überzeugt, dass die meisten Ladevorgänge künftig zuhause oder am Arbeitsplatz passieren werden. „Deswegen ist es nicht notwendig, jemanden aufzufordern, so eine Struktur zu schaffen. Das wird von selbst passieren. In jedem Neubau und in jeder Garage wird eine Steckdose sein.“

„Wie die ersten Siedler in Amerika“

Walter Christoph sieht das ähnlich. „Irgendwo unterwegs drei Stunden eine Säule blockieren? Das will doch keiner.“ Auch Lütschen hat bei Fahrten mit größeren Entfernungen nicht nur gute Erfahrungen gemacht, weil die auf der Karte angebenden Stromtankstellen von herkömmlichen Wagen zugeparkt waren. Und dennoch, so ist er überzeugt, geht es ohne zusätzliche Stromtankstellen nicht, beispielsweise an umgerüsteten Straßenlaternen. Und das sollte rasch passieren, weil er nun doch eine Entwicklung bei der Akzeptanz sieht. „Das wird dieses Jahr massiv kommen. Das höre ich schon im Freundeskreis, wo sich einige jetzt ein E-Fahrzeug bestellt haben, von denen ich es nicht erwartet hätte.“ Und so ist er vielleicht bald kein Exot mehr auf örtlichen Straßen. „Noch ist Elektromobilität ein echtes Abenteuer. Man kommt sich dabei vor wie die ersten Siedler in Amerika.“

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