Mit deutlich eingeschränktem Programm kehren Kamens Schulen wieder zu einer Art Normalbetrieb zurück. Digitale Formen der Wissensvermittlung sind dabei Chance und Herausforderung für alle.

von Werner Wiggermann

Kamen

, 05.06.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nach den Sommerferien sollen alle Schulen wieder im Normalbetrieb durchstarten. Mit unterschiedlichen Konzepten nähern sich die weiterführenden Schulen in Kamen diesem Ziel an – unter Corona-Voraussetzungen wird es aber diese alte Normalität nicht geben können, da sind sich die Schulleiterinnen und Schulleiter in Kamen einig: zu wenig Platz in den Gebäuden. Umso wichtiger wird es sein, Wege der digitalen Wissensvermittlung einzuüben. Wege, die als entscheidende Ergänzung zum gewohnten Unterricht im Klassenraum helfen können.

Überall das gleiche Bild in diesem Sommer: Die Schulen sind quantitativ schwach besucht. Die in kleine Lerngruppen eingeteilten Hauptpersonen sitzen in gebotenem Abstand und lauschen den Erklärungen ihrer Fachlehrer. Die können kaum anders, als den Unterricht ziemlich frontal zu gestalten. Zum einen, weil die Erklärungen mangels hinreichender Zeit sehr komprimiert gegeben werden müssen, zum anderen weil Phasen von Partner- oder Gruppenarbeit sich mit dem neuen Regelwerk nicht vertragen. Was an Nachfragen, Vertiefungen, eigener Auseinandersetzung mit dem neuen Stoff unter solchen Bedingungen nicht gut genug gelingt, muss dann im „Home-Schooling“ aufgearbeitet werden, erklärt Peter Wehlack, Chef der Fridtjof-Nansen-Realschule.

Lehrer und Schüler haben immer ausreichend Abstand.

Lehrer und Schüler haben immer ausreichend Abstand. © Marcel Drawe

Methoden für die Zukunft entwickelt

Und damit die Möglichkeiten des neuen Fernunterrichts möglichst optimal genutzt werden, haben sich die Lehrerinnen und Lehrer der Realschule bereits sehr kurz nach Inkrafttreten der neuen Richtlinien intensiv in Teams auf die digitalen Möglichkeiten eingestimmt, die nun praktisch flächendeckend den Unterricht mit körperlicher Anwesenheit ersetzen mussten: Es wurden in allen Fächern Aufgaben gestellt, Lösungen kommentiert und bewertet. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten gestalteten die Lehrkräfte Videokonferenzen mit ihren Lerngruppen, setzten Videos ein und entwickelten dabei auch Vertiefungs-Methoden, die künftig auch erkrankten Schülern helfen könnten, wenn die anderen wieder „ganz normal“ zur Schule gehen.

Diesem Ziel könnte auch die Arbeit in Wochenplänen dienen, die an der Kamener Hauptschule derzeit die pädagogische Arbeit strukturiert. In Seminaren, die als Videokonferenzen gestaltet wurden, haben sich die Lehrerinnen und Lehrer dort auf diesen Weg vorbereitet, schildert Schulleiterin Dr. Beatrix Günnewig. Auch die Klassenbücher werden inzwischen digital geführt. Insgesamt habe der Zwang der Corona-Regeln sicherlich die anstehende technische Erneuerung sicher um etwa ein Jahr beschleunigt.

Digital wird Lernstoff vermittelt, ergänzt und vertieft.

Digital wird Lernstoff vermittelt, ergänzt und vertieft. © Stefan Milk

Fortbildung in den Osterferien

Um solche Impulse nun aufzunehmen und zu verstärken, hält Gesamtschulleiter Frank Stewen ein regelmäßiges Methodentraining mit den neuen Medien für sinnvoll. Bereits in den Osterferien hat sich das Kollegium dort mit einer Fortbildung auf die neuen Möglichkeiten der Lern-Organisation vorbereitet. Ein geradezu glanzvolles Beispiel neuer Schulwirklichkeit gelang den Musikpädagogen, die – auch wegen großartiger Unterstützung der Eltern – ansprechenden Online-Unterricht gestalten konnten.

Schüler sehen viele Vorteile

Viele Schüler sehen vor allem die positiven Aspekte des „Homeschoolings“. „Im Vergleich zu der normalen Unterrichtssituation arbeitet man viel ruhiger und entspannter; man hat die Möglichkeit bei Fragen ins Internet zu gehen und zu recherchieren, was in der Schule nicht immer möglich ist“, urteilt zum Beispiel Gesamtschüler Nils Dröter. Sein Fazit: „Sowohl Lehrer als auch wir Schüler haben uns in dieser Zeit in Sachen Digitalisierung entwickelt, die Lehrer gestalten ihren ,Unterricht‘ im Homeoffice sehr kreativ, neue und fremde Sachen werden von ihnen in Videokonferenz kurz und verständlich erklärt.“

Seine Mitschülerin Jana Bornemann sieht es ähnlich: „Zum einen habe ich persönlich das Gefühl, dass man sich intensiver mit dem Material beschäftigt, da man keine direkte Ansprechpartner vor Ort hat. Außerdem kann man selber entscheiden, wann und wo man die Aufgaben bearbeitet, d.h. man muss nicht zwingend um 6 Uhr morgens aufstehen“, urteilt sie. Und das sei einigen Mitschülern sehr entgegengekommen, ergänzt Anastasia Dieterle. Viele hätten aber auch gelernt, sich ohne den Zwang gewohnter Abläufe an selbst gestaltete Lernarbeit zu gewöhnen.

Viele Lehrer lernen noch

In kleinen Gruppen erarbeiteten sich die Lehrerinnen und Lehrer des Kamener Gymnasiums die angesagten neuen Digital-Kompetenzen. „Wir sind natürlich immer noch in der Lernphase“, bestätigt der kommissarische Schulleiter Lars Wollny. Wünschenswert wäre es allerdings zunächst, wenn alle Schüler über hinreichend leistungsfähige Endgeräte verfügten. Eine Umfrage unter der Elternschaft zeigte, dass manche Familien nur über ein einziges Smartphone verfügten.

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Stadt will bei der Versorgung mit Endgeräten helfen

Keine Frage: Ein stärkerer Anteil digitaler Wissensvermittlung könnte unter solchen Voraussetzung das ohnehin schon zu große soziale Gefälle im Hinblick auf Bildungs-Chancen sogar noch vergrößern. Eine Problematik, die im Rathaus durchaus gesehen wird. Deshalb versuche die Stadt jetzt Fördermittel zum Beispiel aus Stiftungen zu beschaffen, um Chancengleichheit zu erreichen. „Alle Schüler sollen in die Lage versetzt werden, am Home-Schooling teilzunehmen“, betonte Pressesprecher Peter Büttner auf Anfrage.

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