Eine Knocheninfektion hätte die Jungen aus Afghanistan wohl das Leben gekostet. Doch die Initiative Friedensdorf ermöglicht ihnen eine Behandlung in Kamen bei Chefarzt Dr. Dieter Metzner.

Kamen

, 24.12.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der achtjährige Bashir sitzt ruhig in dem Krankenhauszimmer und schaut mit großen Augen auf Chefarzt Dr. Dieter Metzner. Der Mediziner konzentriert sich ganz auf die Apparatur, die Bashir am Bein trägt. Der Achtjährige braucht diesen sogenannten Fixateur, damit seine Knochen wieder richtig zusammenwachsen. Nach einer schweren Knochenentzündung und -fehlstellung prüft Metzner genau, wie der Heilungsprozess bei Bashir verläuft. Ende des Jahres soll der Junge wieder zurück nach Afghanistan fliegen, doch das darf er nur, wenn die Heilung entsprechend voranschreitet.

„Solche Krankheitsbilder sehen wir hier normalerweise nicht“, erklärt Metzner, „hier kommen die Eltern mit ihren Kleinen schon ins Krankenhaus, wenn sie eine Zecke gebissen hat. Dort passiert das oft nicht einmal, wenn die Kinder eine Fraktur haben.“

Bashir ist tapfer, falls er nervös ist in diesem für ihn fremden Land, lässt er es sich kaum anmerken. Vielleicht liegt das aber auch an dem elfjährigen Wajib, ebenfalls aus Afghanistan, zu dem Bashir bei seiner Visite immer wieder herüberschielt. Sieht man die beiden zusammen tuscheln, lachen und sich umarmen, könnte man sie für Brüder halten. Blutsverwandt sind sie nicht, aber die Reise nach Deutschland hat sie sichtlich zusammengeschweißt.

Behandlung in Deutschland

Wajib und Bashir sind über das Friedensdorf, einer wohltätigen Initiative, aus Afghanistan nach Deutschland gekommen, um hier eine Behandlung für ihre Knochenprobleme zu erhalten. Seit August sind sie im Land, leben in einer großen Einrichtung des Friedensdorfes in Oberhausen und kommen immer wieder ins Kamener Hellmig-Krankenhaus, um sich kostenlos behandeln zu lassen.

Die beiden kennen einige grundlegende Zeichen, zum Beispiel für Schmerzen, Hunger oder Durst, um sich zu verständigen. Ein bisschen Deutsch konnten sie auch schon lernen. „Das funktioniert alles sehr gut, die beiden lernen erstaunlich schnell“, freut sich Metzner über seine kleinen Patienten.

Die Geschichte der beiden ist ernst. Sowohl Bashir als auch Wajib kamen wegen ihrer Knochenentzündungen nach Deutschland. Bleibt diese unbehandelt, bilden sich Fisteln, Eiter kann aus den Wunden laufen, im schlimmsten Fall kommt es dann zu einer tödlichen Blutvergiftung. Die medizinische Versorgung in Afghanistan ist nicht gut, Krieg und innere Konflikte sorgen dafür, dass es auch so bleibt. Die beiden Jungen kommen aus entlegenen Dörfern, die Reise zu einem Krankenhaus in einer größeren Stadt kann schnell zur Strapaze werden – auch finanziell.

Für den älteren Wajib sei die Behandlung recht unkompliziert gewesen. „Das ist soweit alles Taco“, sagt Metzner und schmunzelt. Doch auch wenn alles gut läuft, „sieht man die Arthrose schon kommen. Damit wird er aber gut leben können.“ Bei Bashir muss Metzner genau hingucken, die Entzündung ist hartnäckig und erst wenn sie abgeklungen ist, darf er nach Hause.

Mit Knocheninfektion aus Afghanistan nach Kamen: Es gibt Hoffnung für Bashir und Wajib

In guten Händen: Dank der Behandlung von Chefarzt Dr. Dieter Metzner kann der kleine Bashir auf Heilung hoffen – auch wenn ihn manche Folgen der Entzündung wohl noch lange Zeit beschäftigen werden. © Marcel Drawe

Absagen für 90 Prozent

Im August sind die beiden in Deutschland angekommen. Ausgewählt hat sie ein Team des Friedensdorfes um den stellvertretenden Leiter Kevin Dahlbruch. Dieser fährt seit 2008 jährlich unter anderem zweimal nach Kabul, der afghanischen Hauptstadt. Wenn das Friedensdorf dort aufläuft, pilgern Hunderte Familie aus dem ganzen Land zu ihnen, um ihre kranken Kinder vorzustellen. Mithilfe eines einheimischen Arztes und in Kooperation mit dem Roten Halbmond – ähnlich wie das Rote Kreuz – geht das Team alle Familien durch, prüft die Krankheitsbilder und fällt die finale Entscheidung. „Die Auswahl ist nicht die schwerste Arbeit, unsere Kriterien sind recht klar“, sagt Dahlbruch. Bei Krebs seien dem Team etwa die Hände gebunden, bei Herzproblemen werde oftmals an entsprechende Krankenhäuser in der Umgebung vermittelt, bei Behinderungen reichen den Familien häufig aufmunternde Worte, dass sie schon jetzt alles für das Kind tun, was möglich ist. Rund 90 Prozent der anreisenden Familien muss eine Absage erteilt werden. „Das geschieht durch uns Ausländer“, sagt Dahlbruch, „das ist auch eine Entlastung für die einheimischen Ärzte.“

Auch Bashir und Wajib durchliefen mit ihren Familien diesen Prozess und bekamen eine Zusage. Das bedeutet für die Jungen aber auch, dass sie sich auf die große Reise einstellen mussten. „Vor dem Flug treffen wir alle Familien, die Leute lernen sich kennen“, erzählt der Vize-Leiter. Kleine Zeichen zur Verständigung werden eingeübt, die Kinder mit dem Gedanken vertraut gemacht, etwa ein halbes Jahr ohne ihre Familien auszukommen.

Die Kinder überraschen

Zum Flughafen kommen die Eltern nicht mehr mit. „Das ist für alle ein emotionaler Moment“, sagt Dahlbruch, „aber die Kinder können einen immer wieder überraschen.“ Am Flughafen sei die Trauer oftmals schnell wieder vergessen. Die neue Umgebung, die lauten Maschinen – all das ist für die Kinder unglaublich spannend. Zudem komme es häufig vor, dass sich die Größeren um die Kleineren kümmern und eine Art Familienersatz bilden. So auch bei Bashir und Wajib. Neben Afghanistan steuert das Projekt auch viele andere Länder an wie Tadschikistan, Usbekistan oder Georgien.

Rollstuhlrennen

Die beiden Jungen aus Afghanistan haben sich nicht unterkriegen lassen. Besonders der jüngere Bashir litt anfangs unter Heimweh, doch mit Wajib an seiner Seite fühlte er sich schon bald wohler. „Der Kleine ist hier bei uns schon Rollstuhlrennen gefahren“, sagt Metzner und lacht, „die anderen Patienten haben gerne mitgemacht. Andere haben sogar Spielzeug besorgt.“

Die tapferen Jungen kommen in diesem Jahr wohl nicht mehr nach Hause. Das Weihnachtsfest werden sie im Friedensdorf mit anderen Kindern verbringen. Dass es danach aber rasch weitergeht und Bashir und Wajib ihre Familien wieder in die Arme schließen können, darauf hoffen alle Beteiligten – die beiden wohl am meisten.

Die Arbeit der Initiative Friedensdorf

Das Friedensdorf International ist eine Initiative, die es sich zum Ziel gesetzt hat, kranken Kindern aus Kriegs- und Krisengebieten zu helfen. Die Patienten des Friedensdorfes stammen vor allem aus Afghanistan, Angola, Zentralasien und dem Kaukasus.

Im Rahmen der sogenannten Einzelfallhilfe holt das Friedensdorf kranke Kinder nach Deutschland, um sie hier behandeln zu lassen. Dabei kooperiert die Initiative mit vielen Kliniken in Deutschland, seit fünf Jahren auch mit dem Kamener Hellmig-Krankenhaus.

Die Kosten für die Behandlung übernehmen die Kliniken, allein für die Behandlung von Bashir entstehen voraussichtlich Kosten von 30.000 bis 40.000 Euro. Nach der Behandlung und einer Rehabilitation im Friedensdorf in Oberhausen, können die Kinder wieder nach Hause zu ihren Familien fliegen.

Die Auswahlkriterien für die Kranken sind streng geregelt. „Nur wenn eine medizinische Behandlung in ihrer Heimat nicht möglich, diese in Deutschland aber erfolgversprechend ist, nur wenn es einen Klinikplatz zur kostenlosen Behandlung des Kindes gibt und die Familie des Kindes sich selbst keine Behandlung im Ausland leisten kann — nur dann findet ein kleiner Patient Aufnahme im Friedensdorf“, heißt es vonseiten der Initiative. Weitere Informationen gibt es auf der Webseite der Initiative.

  • Das Friedensdorf ist für seine Arbeit auf Spenden angewiesen. Wer die Arbeit des Friedensdorfes unterstützen möchte, kann eine Spende auf eines der folgenden Konten überweisen:
  • Stadtsparkasse Oberhausen
  • IBAN: DE59 3655 0000 0000 1024 00
  • SWIFT-BIC: WELADED1OBH
  • Niederrheinische Sparkasse Rhein-Lippe
  • IBAN: DE91 3565 0000 0000 1111 53
  • SWIFT-BIC: WELADED1WES
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