Hightech aus dem Ofenrohr: Für den Klimaschutz ungenutzte Wärme eingefangen

Abgastechnik aus Kamen

Mit patentierten Wärmetauschern den Klimaschutz angeheizt. Die Kamener Firma Schräder Abgastechnik punktet mit selbst entwickelten Anlagen, mit denen tonnenweise CO2 eingespart werden kann.

Kamen

, 03.06.2019 / Lesedauer: 4 min
Hightech aus dem Ofenrohr: Für den Klimaschutz ungenutzte Wärme eingefangen

Anlagentechniker Vedat Cankaya blickt durch einen Abscheidefilter. Die Firma Schräder Abgastechnik hat für die Industrie Anlagen entwickelt, mit denen gleichzeitig Schadstoffe gefiltert werden und Wärme zurückgewonnen wird. Das ist gut fürs Klima: Tonnenweise CO2 können eingespart werden. © Stefan Milk

Wenn Waffel Meyer, Europas größte Waffelfabrik, in seinem Werk in Venne bei Osnabrück knusprig frische Rund- und Flachwaffeln backt, dann ist Technik der Kamener Firma Schräder im Spiel. Wenn die Bergkamener Firma Bulten belastungsfähige Schrauben und Muttern fräst, dann sind Schräders Spezialisten für Abgastechnik ebenso dabei. Das Kamener Unternehmen, das seinen Sitz im Gewerbegebiet „Hemsack“ hat, ist nachgefragter denn je. In Zeiten des Klimawandels hat es früh auf Wärmerückgewinnung gesetzt. Und baut in seinen Produktionshallen am Hemsack 11 - 13 hochkomplexe Komplettsysteme mit Abgaswärmetauschern, die mittlerweile bis nach Neuseeland exportiert werden. Mit der Technik, vor Ort entwickelt und teilweise patentiert, kann nicht nur das klimaschädliche CO2 tonnenweise eingespart werden. Sondern auch viel Energie und reichlich Energiekosten. „Laut Studien verpuffen in Deutschland 260 Terrawatt an Abwärme in die Umwelt. Das ist so viel, wie 20 Braunkohlewerke produzieren - unvorstellbare Werte“, sagt Juniorchef Björn Samuel Schräder (40), der die Firma zusammen mit seinem Vater Karl Heinz Schräder (67) leitet.

Hightech aus dem Ofenrohr: Für den Klimaschutz ungenutzte Wärme eingefangen

Björn Samuel Schräder in der Produktionshalle im Hemsack, in der Wärmetauscher und Feinstaubfilter produziert werden. © Carsten Janecke

Vom Hotel bis zur metallverarbeitenden Industrie

70 Mitarbeiter zählt das Unternehmen. 60 arbeiten am Standort Kamen, wie Feinblechner, Schweißtechniker, Monteure. Und zehn in Schönwölkau in der Nähe von Leipzig. Von der derzeitigen Klima-Debatte erhofft sich das im Jahr 1949 gegründete und in dritter Generation geführte Familienunternehmen zusätzliche Impulse, obwohl die Auftragsbücher auch jetzt schon gut gefüllt sind. Eingesetzt wird die Technik nicht nur in Schraubenfabriken und bei Waffelproduzenten, sondern auch in Großbäckereien, Wäschereien und Hotels. Und in der metallverarbeitenden Industrie, im verarbeitenden Gewerbe und in anderen energieintensiven Industriezweigen mit Hochtemperaturöfen - „überall dort, wo thermische Prozesse stattfinden“, erläutert Seniorchef Karl Heinz Schräder, der seit 1984 in der Geschäftsführung ist. Er erinnert sich an den Prozess, als bei dem Spezialisten für Schornsteintechnik ein Umdenken begann. „Egal, was durch die Rohre geht, es ist immer Temperatur dabei.“ Die Abwärme zu nutzen und dabei die Schadstoffe zu filtern, das erschien sinnvoll. Seit 2008 ergänzen die Sparten Feinstaubminderung und Wärmerückgewinnung das Portfolio. Die Produkte gehen mitunter nach Frankreich, China und in die Ukraine.

Hightech aus dem Ofenrohr: Für den Klimaschutz ungenutzte Wärme eingefangen

Florian Nowak mit dem Herzstück der Schräder-Fertigung, einem wasserführenden Wärmetauschregister mit lasergeschweißten Rippenrohren. In dieser Kammer wird Wasser durch zuvor ungenutzte Abgase erhitzt. Das heiße Wasser wird direkt in den Betrieben genutzt - oder kann in ein Nahwärmenetz abgegeben werden. © Stefan Milk

Wärmerückgewinnung? Eine heiße Sache

Schräder Abgastechnik

Mit der Klimaschutzflagge ausgezeichnet

  • Die Firma Schräder Abgastechnik ist am Montag mit der Klimaschutzflagge der Landesarbeitsgemeinschaft Agenda 21 NRW ausgezeichnet worden. Der Kreis Unna würdigt damit „ein vorbildliches unternehmerisches Handeln für den Klimaschutz“, wie Ludger Holzbeck, Umweltdezernent des Kreises Unna, formuliert.
  • Schräder produziert seit 1949 Abgasleitungen und ist heute einer der führenden Hersteller von Schornsteintechnik aus Edelstahl. Aus einstmals drei Mitarbeitern sind 70 geworden. Das Betriebsgelände im Hemsack ist etwa 6000 Quadratmeter groß.
  • Die Klimaschutzflagge ist bisher 20 Mal im Kreis Unna verliehen worden. Sie verbleibt nicht im Unternehmen, sondern wird weitergereicht. Vorgänger-Unternehmen ist der Caritas-Kreisverband. Auch die Bergkamener Bulten GmbH ist zuvor mit der weißblauen Flagge ausgezeichnet worden.

Wärmerückgewinnung. Ein sperriges Wort, das mit Leben gefüllt werden kann. Wie eben in der Fabrik von Waffel Meyer, wo Schräder im laufenden Betrieb 21 Abgaswärmetauscher in die Fertigungsanlage installiert hat. Die zuvor vergeudete Prozesswärme landet nun in den Wärmetauschern, die in den Heizkreislauf eines Nahwärmenetzes abgeführt wird. Nicht nur zahlreiche Einfamilienhäuser erhalten nun Heißwasser aus der Waffelfabrik, sondern auch ein Pflegeheim und der örtliche Einzelhandel - insgesamt 148 Abnehmer, die in einer Genossenschaft organisiert sind. „Es werden dadurch jährlich 1000 Tonnen CO2 eingespart“, erläutert Björn Samuel Schräder. Ähnlich geschnitten ist das Projekt bei Bulten in Bergkamen, der die Abwärme der Glühöfen für die Warmwasserversorgung der Waschanlage nutzt, in der die Schrauben gereinigt werden. Die Abgase durchströmen die Wärmetauscher mit einer Temperatur von etwa 350 Grad und geben einen Großteil ihrer Wärme an den Wasserkreislauf ab. Mit dem Heißwasser wird ein 10.000 Liter fassender Pufferspeicher beschickt, der letztlich die Waschanlage versorgt. Das jährliche Einsparpotenzial beträgt dort 200 Tonnen CO2 pro Jahr und 38.000 Euro an Energiekosten. Das 160.000 Euro schwere Projekt amortisiert sich demnach schon nach etwas über drei Jahren.

Hightech aus dem Ofenrohr: Für den Klimaschutz ungenutzte Wärme eingefangen

Ein Modell der lasergeschweißten Rippenrohre. Die heißen Abgase umströmen die Lamellen, die das Wasser führen. © Stefan Milk

Sportliche Zielsetzung bei der Amortisation

Die Amortisationszeit, so Schräder, sei für viele Firmen maßgeblich bei der Entscheidung für derlei Investition: „Dabei geben sie uns als Daumenwert etwa zwei bis fünf Jahre. Das ist eine sportliche Zeit.“ Oftmals würde die Betriebszeit der Anlagen allerdings viel länger sein, meistens bis zu 15 Jahre. „Es ist eine Herausforderung, diese kurze Amortisationszeit zu realisieren. Aber dann kann der Kunde ab dem Zeitpunkt Geld verdienen.“ Und für Schräder ein gutes Argument, um weitere Kunden zu überzeugen. „Der Druck auf die Unternehmen wird künftig größer, egal, ob durch eine mögliche CO2-Steuer oder ob durch steigende Energiepreise.“ Und so ist aus dem „Ofenrohr-Startup“, wie Schräder schmunzelnd die Anfänge aus 1949 bezeichnet, ein Hightech-Unternehmen gereift, das seinen Teil zum Klimaschutz leistet - durch einen Wärmetauschhandel im besten Sinne.

Hightech aus dem Ofenrohr: Für den Klimaschutz ungenutzte Wärme eingefangen

Die Klimaschutzflagge weht nun vor dem Schräder-Betriebsgelände im Hemsack. Die Firmenchefs Björn Samuel Schräder (2.v.l.) und Karl Heinz Schräder (3.v.r.) nahmen am Montag die Auszeichnung des Kreises Unna, die Ludger Holzbeck (r.) überreichte, entgegen. © Stefan Milk

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