Hetze statt Hilfsbereitschaft: Scheitert der Gabenzaun in Kamen an Misstrauen?

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Der Gabenzaun in Kamen wurde in den ersten Wochen reich befüllt, doch seit Tagen flattern die Tüten leer im Wind. Stattdessen gibt es Diskussionen, die die Initiatorin traurig machen.

Kamen

, 29.04.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Es läuft schlecht, ganz schlecht. Ich bin traurig.“ Marion Siebert ist sichtlich enttäuscht. Mit Herzblut hat sie sich dafür eingesetzt, dass Kamen einen Gabenzaun bekommt. Und die ersten ein, zwei Wochen lief das Projekt auch gut. Viele Kamener haben etwas an den Zaun, der auf der Grünfläche zwischen dem Severinshaus und dem Kreisverkehr Nordenmauer/Nordstraße steht, gehängt und Bedürftige haben sich etwas mitgenommen.

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Oder waren es gar keine Bedürftigen, sondern Menschen, die daraus Profit schlagen wollen? Das vermuten offenbar manche Kamener – wie ein Blick in die Sozialen Medien zeigt. Dort ist eine Diskussion über den Gabenzaun entfacht. Von organisierten Gruppen ist die Rede und von Menschen, die die Hilfe nicht nötig haben, sondern sich nur bereichern wollen. „Im Netz gibt es Hetztiraden, ich habe immer versucht, zu beschwichtigen“ , erzählt Siebert.

Es gebe überall respektlose Menschen, die mehr nehmen, als sie brauchen. Aber sie ist sicher, dass das die wenigsten sind.

Der Gabenzaun in Kamen ist seit Tagen leer

Und dennoch scheint diese Meinung und das Misstrauen mittlerweile zu überwiegen, denn der Zaun ist leer. „Es hängt nichts dran. Seit Tagen“ , sagt Siebert. Vor allem sie und einige Bekannte befüllen die Tüten, die an dem Zaun hängen noch. Denn Siebert glaubt weiter an das Gute in den Menschen.„Man muss sich selbst als Grundlage sehen. Und ich würde mich schämen, wenn ich an den Zaun gehen würde und mir nähme, was mir nicht zusteht. Und so denke ich geht es 99 Prozent.“

Anfang April war Marion Siebert noch hoffnungsvoll. Der Gabenzaun, den die Stadt aufgestellt hat, sollte Bedürftige in diesen schweren Zeiten mit Lebensmitteln unterstützen. Doch mittlerweile spenden kaum noch Menschen.

Anfang April war Marion Siebert noch hoffnungsvoll. Der Gabenzaun, den die Stadt aufgestellt hat, sollte Bedürftige in diesen schweren Zeiten mit Lebensmitteln unterstützen. Doch mittlerweile spenden kaum noch Menschen. © Stefan Milk

Dass die Gaben tatsächlich Bedürftige erreicht haben, zeigen ihr die Dankesbriefe, die Siebert aus dem Briefkasten geholt hat, der an dem Zaun hängt. Er ist eigentlich für Wünsche und dringende Bitten gedacht. Doch auf keinem der Zettel stand ein Wunsch, sondern immer nur „Danke“. Daran sehe sie, dass das Essen auch bei den Menschen angekommen ist, die es bräuchten.

Deshalb ist Siebert auch enttäuscht darüber, dass der Zaun derzeit leer bleibt. „Ich habe gedacht, dass die Menschen in dieser Zeit weicher, offener, liebevoller und verständnisvoller werden. Aber am Gabenzaun in Kamen zeigt sich das nicht.“ Dass die Zäune in anderen Städten funktionierten und in Kamen nicht, treibe ihr Tränen in die Augen.

Der Gabenzaun in Kamen befindet sich auf der Grünfläche zwischen dem Severinshaus und dem Kreisverkehr Nordenmauer/Nordstraße.

Der Gabenzaun befindet sich auf der Grünfläche zwischen dem Severinshaus und dem Kreisverkehr Nordenmauer/Nordstraße. © Claudia Pott

Niemand muss spenden – aber sich beschweren auch nicht

Das Prinzip des Gabenzauns ist dabei wirklich einfach und unkompliziert, sodass eigentlich jeder, der etwas übrig hat, helfen könnte. Am Zaun hängen Beutel und Tüten, in die man mit Lebensmitteln füllen kann. Es sollten haltbare Lebensmittel sein. Mehr Regeln gibt es für die Spender nicht.

„Ich habe gedacht, dass die Menschen in dieser Zeit weicher, offener, liebevoller und verständnisvoller werden. Aber am Gabenzaun in Kamen zeigt sich das nicht.“
Marion Siebert

Und doch hängen die Tüten trostlos und leer am Zaun – ein „Mahnmal“, wie Siebert sie nennt. Dass sie dort hängen, gehört zum Konzept des Zauns – was vielleicht nicht allen klar ist. Denn es gibt noch eine Sache, die Siebert beschäftigt. Offenbar gab es Beschwerden darüber, dass der Zaun unansehnlich aussehe.

Das kann Siebert nicht nachvollziehen. „Es hängen noch alle Blumen da und alle Schilder, die ich aufgehängt habe. Da liegt nicht ein Krümel Müll.“ Niemand müsse etwas in die Tüten werfen, aber beschweren solle man sich auch nicht, findet sie.

Wer nichts geben kann oder möchte, der muss das freilich nicht. Aber an dieser Stelle sei noch einmal betont, dass hier keine großen oder teuren Spenden gewünscht sind, sondern schon Kleinigkeiten ausreichen. „Nudeln für drei Euro oder ein paar BonBons für die Kinder. Das ist schon mehr als genug!“

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