Wie gut klappt Schule in der Corona-Zeit? Detlef Fickermann, hier in seinem Büro in Kamen, hat über 80 Forschungsprojekte zu Schulen in der Corona-Pandemie ausgewertet. © Stefan Milk
Bildungsforscher im Interview

Herr Fickermann, woran ist guter Distanzunterricht zu erkennen?

Bildungsforscher Detlef Fickermann aus Kamen hat den Fernunterricht in der Corona-Pandemie unter die Lupe genommen. Im Interview erklärt der Experte, ob das Schuljahr verloren ist.

Herr Fickermann, für die Entscheidung, Schulen zu schließen oder zu öffnen, braucht es verlässliche Grundlagen. Sie und ein Team haben gemeinsam einen Forschungsüberblick „Schule und Corona“ erstellt. Was haben Sie herausgefunden?

Im Juli 2020 hatten wir uns zunächst mit ersten Forschungsergebnissen beschäftigt. Diese konzentrierten sich auf Fragen wie: Wie kommen Eltern und Schüler mit der Situation klar? Klappt das? Wie sind die Angebote, wie sind die Belastungen? Wie organisieren Eltern ihren Alltag neu – unter Umständen in Kombination mit Fernunterricht und Homeoffice? Im zweiten Teil haben wir uns perspektivisch mit Schulen beschäftigt und mit einer zunehmenden Digitalisierung von Lerngelegenheiten. Dabei haben wir 80 Forschungsprojekte in Steckbriefen vorgestellt und einige Hinweise daraus abgeleitet.

Zur Person

Bildungsforscher Detlef Fickermann

  • Detlef Fickermann, 68, aus Kamen ist Erziehungs- und Sozialwissenschaftler sowie Mathematiker.
  • In verschiedenen beruflichen Stationen, u.a. beim Bundesbildungsministerium und bei der Hamburger Schulbehörde, arbeitete er als Bildungsforscher.
  • Auch im Ruhestand widmet er sich wissenschaftlichen Fragestellungen. Er ist leitendes Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Die Deutsche Schule“ und hat zwei Beihefte über die Corona-Pandemie mit herausgegeben: „Langsam vermisse ich die Schule…“ und den Forschungsüberblick „Schule und Corona“

Und welche sind das?

Die jetzige Situation mit Fernunterricht ist nur der Auftakt für eine Veränderung von Schule, wie wir es gewohnt sind. Es wird eine zunehmende Digitalisierung geben. Fernunterricht wird Teil der Realität werden. Dazu brauchen wir dringend eine vernünftige Forschung. Die jetzige Situation zeigt: Fernunterricht funktioniert nur ansatzweise. Es gibt Lernangebote für die Schülerinnen und Schüler, aber in vielen Fällen – und ich will an dieser Stelle keine Generalkritik betreiben – hat dies mit geordnetem Unterricht noch wenig zu tun.

Wie gut klappt das Distanzlernen denn?

Das fängt schon mit diesem Begriff an. Mit der Schulpflicht verbunden ist die Pflicht des Staates und seiner Bediensteten, Kinder zu unterrichten. Wenn man nun Bezeichnungen wie „Distanzlernen“ und „Homeschooling“ verwendet, dann liegt die Perspektive auf dem Lernenden und die Lehrkraft ist ihrer Verpflichtung entledigt. Die Schüler und Schülerin lernen auf Distanz. Beim Homeschooling ist es dann Aufgabe der Eltern, die Kinder zu unterrichten. Es ist aber nicht die Rolle der Eltern, Lehrerin oder Lehrer zu sein. Allein durch die Wahl der Begrifflichkeit wird das ein Stück verschleiert und das ärgert mich.

„Was mich ärgert, sind Begriffe wie Distanzlernen und Homeschooling.“

Detlef Fickermann

Also, wie gut klappt der Fernunterricht?

Es klappt nicht überall gut. Unterricht ist ja ein strukturiertes Angebot einer ausgebildeten Person, das den Schülerinnen und Schülern Lernen ermöglicht – anknüpfend an ihr aktuelles Vermögen und an ihren aktuellen Lernständen. Das setzt voraus, dass ich mich damit auseinandersetze, wie ich den Stoff präsentiere, und wie ich überprüfe, ob die Schülerinnen und Schüler ihn verstanden haben. Das kann ich durch Aufgaben machen. Wenn ich mir die Lösungen dann gründlich anschaue, kann ich feststellen, was die Einzelnen nicht verstanden haben, und kann dann individuell daran anknüpfen. So funktioniert „Individuelle Förderung“.

Und die Lehrer haben sich nur auf Aufgaben beschränkt?

In der ersten Welle der Pandemie war es so, dass vielfach nur Arbeitsblätter verteilt wurden und die Schülerinnen und Schüler weitestgehend mit ihren Eltern alleingelassen wurden, diese Blätter zu bearbeiten. Diese Blätter mussten dann abgegeben werden. Es fand oft weder eine vernünftige Stoffvermittlung statt noch eine individuelle Förderung. In den Untersuchungen wird geklagt, dass viele Lehrkräfte keinen Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern hatten, das heißt die für den Lernprozess extrem wichtigen Rückmeldungen fanden kaum statt.

Nun befinden sich die Schulen im zweiten Lockdown – mit Aussicht auf Verlängerung. Ist es jetzt besser?

Meine Einschätzung ist: Es ist deutlich besser. Die technische Ausstattung ist besser geworden. Es gibt Lernplattformen, die genutzt werden, es gibt Videokonferenzen. Ich glaube aber, dass das Grundproblem bleibt: Es gibt nur in wenigen Fällen elaborierte Unterrichtskonzepte, wie Fernunterricht und Hybridunterricht umzusetzen sind. Da ist noch eine Menge Luft nach oben.

Was raten Sie Eltern, die unzufrieden sind mit der Situation?

Sie sollten sich an die Klassenlehrkräfte oder die Schulleitung wenden und Gespräche anmelden. Das Unterrichten ist eine staatliche Verpflichtung, die nicht einfach an die Eltern delegiert werden kann. Wenn das so passiert, haben die Eltern das Recht einzufordern, dass der Staat seine Verpflichtung erfüllt.

„Morgens eine erste Runde im Video, wo der Tagesablauf besprochen wird.“

Detlef Fickermann

Sie sprechen aus der Forscherperspektive, aber wie soll es praktisch im Alltag laufen?

Ich bin auch Großvater und erlebe, wie bei meinen Enkeln der Fernunterricht organisiert wird. Da gibt es morgens – und das ist zu begrüßen – eine erste Runde per Video, wo der Tagesablauf besprochen wird. Das führt zu einer Rhythmisierung des Alltags. Das war ein zentrales Problem bei den ersten Schulschließungen: Es war nicht klar: Wann ist Arbeitszeit, wann ist Freizeit? Kinder wurden nicht angeleitet, Zeiten einzuhalten. Das ist jetzt anders.

Und wie geht der Tag im Fernunterricht weiter?

Es sollte Zeiten geben, wo sich die Schülerinnen und Schüler Stoff entweder selbst erarbeiten oder Aufgaben bearbeiten. Dann sollte es Runden geben, wo Lösungen im Klassenverband diskutiert werden, moderiert von einer Lehrkraft. Das würde für unterschiedliche Fächer im Wochenplan so stattfinden.

Sie sprechen damit das Konzept „Flipped Classroom“ an, umgedrehtes Klassenzimmer: Lerninhalte werden zu Hause erarbeitet und im Unterricht angewendet…

Lehrkräfte sind ja unterschiedlich begabt darin, neue Stoffinhalte zu vermitteln. Es gibt exzellente Lernvideos, und es gibt Leute mit einer natürlichen Begabung, gut erklären zu können. Warum kann man Unterricht nicht so gestalten, dass man den Schülerinnen und Schülern Lernvideos vorgibt, eingebettet in konkrete Aufgabenstellungen der Lehrkraft? Guck dir das Video an, schreib dir auf, was du verstanden hast, notiere, was du nicht verstanden hast, und das diskutieren wir anschließend in einer Gruppe oder in der Klasse. Das wäre ein kompletter Bruch mit der bisherigen Tradition, Unterricht zu erteilen.

Was gehört in den Pandemie-Stundenplan?

Fernunterricht ist sehr anstrengend. Man wird nicht von 8 bis 14 Uhr oder länger konzentriert arbeiten können, man braucht Abwechslung und Pausen. Wir haben viele Schülerinnen und Schüler, wo das so nicht klappen kann, weil die technischen Voraussetzungen fehlen, weil die Rahmenbedingungen zu Hause nicht so sind. Insofern müssen Abstriche vorgenommen werden. Es muss eine Konzentration auf Basics geben. Deutsch und Mathematik hätten für mich abhängig von der Schulform und -stufe absolute Priorität, damit nicht größere Lücken entstehen. Beim Rest muss man gucken, was leistbar ist. Bei Deutsch und auch bei Fremdsprachen ist Sprechen und Hören wichtig, das kann nicht mit Aufgabenzetteln gemacht werden.

„Es muss die Konzentration auf Basics geben. Deutsch und Mathematik haben für mich Priorität.“

Detlef Fickermann

Es gibt die Diskussion, das Pandemiejahr abzuhaken und das Schuljahr zu wiederholen. Was halten Sie davon?

Ich halte diese Diskussion für verfehlt, weil die empirische Basis dafür fehlt, von einer verlorenen Generation zu sprechen. Es gibt eine Untersuchung aus Hamburg zum Lernstand in der Pandemie. Im Deutsch-Leseverstehen und in Mathematik waren im Vergleich zu Schülerinnen und Schülern des Vorjahrs kaum Unterschiede festzustellen. Es wird leichtfertig darüber gesprochen, dass es Lernrückstände gibt. Das mag in Bezug auf den Stoff richtig sein, aber im Hinblick auf die erworbenen Kompetenzen eventuell aber nur sehr begrenzt. Ein großes Problem bleibt in der Grundschule, wo ich mir kaum vorstellen kann, dass dort Fernunterricht gelingt. Ich befürworte deshalb sehr, wenn Grundschülerinnen und -schüler wieder einen regelhaften Präsenzunterricht bekommen. Dort wird die Basis gelegt für jedes weitere Lernen.

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1973, aufgewachsen im Sauerland, wohnt in Holzwickede. Als Redakteur seit 2010 rund ums Kamener Kreuz unterwegs, seit 2001 beim Hellweger Anzeiger. Ab 1994 Journalistik- und Politik-Studium in Dortmund mit Auslandsstation in Tours/Frankreich und Volontariat bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund, Lünen, Selm und Witten. Recherchiert gern investigativ, zum Beispiel beim Thema Schrottimmobilien. Lieblingssatz: Der beste Schutz für die liberale Demokratie ist die Pressefreiheit.
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Carsten Fischer
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