Erinnerungen an einen Fußballhelden der Kindheit. Der Kamener Schriftsteller Heinrich Peuckmann wirft einen Blick auf das Leben des jetzt verstorbenen Torwarts Hans Tilkowski.

von Heinrich Peuckmann

Kamen

, 07.01.2020, 14:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Da ist ein Bild aus Kindheitstagen tief in mir geborgen. Ich stehe im Stadion Rote Erde, Borussia spielt, im Mittelfeld mit Aki Schmidt, vorne stürmt Emma Emmerich und im Tor, ja im Tor steht einer der besten Torhüter der Welt: Hans Tilkowski.

Es war großartig, ihn dabei zu beobachten, wenn er rauskam und Flanken wegfaustete, sein Stellungsspiel war einmalig, denn er stand fast immer dort, wohin der Ball kam.

Tilkowski war ein Fußballheld meiner Kindheit.

Er stand fast immer dort, wohin der Ball kam. „Tilkowski war ein Fußballheld meiner Kindheit“

Hans Tilkowski bei der Eröffnung der Sonderaustellung im Deutschen Fußballmuseum zum Thema „50 Jahre Wembley“. © dpa

Das Wembley-Tor hat ihn bis zum Schluss verfolgt

Später sind wie Freunde geworden, richtig gute Freunde, die auch einiges zusammen gemacht haben. Das Wembley-Tor, das keines war und doch die Weltmeisterschaft 1966 entschied, hat ihn bis zum Schluss verfolgt.

Manchmal, wenn er mich bei einer Veranstaltung noch nicht entdeckt hatte, rief ich ihm zu: „Herr Tilkowski, ich hab da mal ne Frage“, und noch im Umdrehen antwortete er: „Der war nicht drin.“

Natürlich schimpfte er anschließend, wenn auch nur leicht, mit mir, weil wir uns freuten, dass wir uns getroffen hatten.

Er stand fast immer dort, wohin der Ball kam. „Tilkowski war ein Fußballheld meiner Kindheit“

Torwartlegende Hans Tilkowski posiert zum 80. Geburtstag im Jahr 2015 im Stadion Rote Erde in Dortmund, wo er viele Triumphe erlebte. © picture alliance / dpa

Wegen dieses Tores eine lange Reise unternommen

Irgendwann haben wir wegen dieses Tores sogar eine lange Reise unternommen. Der Linienrichter im Endspiel, Tofiq Bahramow, der die verhängnisvolle Fehlentscheidung getroffen hatte, war Aserbaidschaner und ein Held in der dortigen Fußballszene.

Das große Stadion in der Hauptstadt Baku ist nach ihm benannt, und als dort die deutsche Fußballnationalmannschaft spielen sollte, fragten mich Leute, die im dortigen Ölgeschäft tätig waren, ob ich nicht Tilkowski überreden könnte, zu kommen und eine Rede an der großen Statue von Bahramov zu halten.

Gemeinsam sind wir hingefahren, die gesamte Presse des Landes war zu seinem Auftritt gekommen, die halbe Regierung und Tilkowski hat völlig frei eine wunderbare Rede über Fairness und Anstand im Sport gehalten.

Irgendwann hob er den Kopf, sah die Figur an und sagte: „Tofiq, wenn die noch leben würdest, hätten wir garantiert ein schönes Gespräch über unseren geliebten Sport.“

Das war eine sehr menschliche Geste, denn durch Bahramows Fehlentscheidung war ihm sein größter sportlicher Triumph verwehrt worden, nämlich Weltmeister zu werden.

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Mit Herberger eineinhalb Jahre lang nicht gesprochen

Erfolge hatte er trotzdem einige. Vizeweltmeister ist er geworden, Westdeutscher Meister mit Westfalia Herne, mit Borussia Dortmund gewann er 1965 den deutschen Pokal und 1966 den Europapokal.

An zwei Weltmeisterschaften hat er teilgenommen, wobei die erste, 1962 in Chile, zu seiner größten Niederlage wurde. Alle Qualifikationsspiele hatte er bestritten, teilweise glänzend gehalten, aber in Chile zog Herberger ihm plötzlich Fahrian vor. Bei der WM 1958 hatte Herberger ihn noch mit der Begründung getröstet, er sei noch zu jung, hätte erst drei Länderspiele bestritten, deshalb würde er andere Torhüter mitnehmen zur WM.

Vier Jahre später war Fahrian genauso jung und hatte erst ein Länderspiel bestritten. „Sie lehren etwas anderes als Sie handeln und sie handeln anders als Sie es lehren“, hat Tilkowski Herberger erklärt und eineinhalb Jahre lang nicht mit ihm gesprochen.

Er stand fast immer dort, wohin der Ball kam. „Tilkowski war ein Fußballheld meiner Kindheit“

Die Eröffnung des Hans-Tilkowski-Hauses am Sportcentrum Kaiserau im Jahr 2014. Tilkowski war stolz darauf, dass er Namensgeber für das neue Haus des Sports wurde. © Stefan Milk

Dann hat Herberger nachgegeben, nicht Tilkowski

Dann hat Herberger nachgegeben, nicht Tilkowski, der seinen Stolz hatte und ihn gebeten, wieder in der Nationalmannschaft zu spielen. Auf Herberger ließ Tilkowski trotzdem nichts kommen, der war ein Erzieher, vermittelte Werte und hat sich, so meint Tilkowski, einmal noch auf seine Weise bei ihm entschuldigt.

1967, als Tilkowski längst kein Thema mehr für die Nationalmannschaft war, berief Bundestrainer Schön ihn noch einmal zu einem Länderspiel gegen Albanien, das in Tilkowski Heimat, in Dortmund stattfand.

Es war sein 39. Länderspiel, danach war er für einige Zeit Rekordnationaltorhüter. Herberger, vermutete Tilkowski, hatte Schön dazu überredet, damit ihm diese Ehre zuteil wurde.

Seiner Heimat Kaiserau ist er immer treu geblieben

Tilkowski war neben all dem auch Kamens mit Abstand prominentester Fußballer. Ganz jung stand er im Tor von SuS Kaiserau und es gab schon damals Leute, die einzig deshalb zu den Kaiserauer Spielen gingen, weil sie überzeugt waren, den zukünftigen Nationaltorwart zu sehen.

Seiner Heimat Kaiserau ist er immer treu geblieben, Regelmäßig ist er hierher gekommen, kannte noch alle Schulkameraden, sprach mit ihnen und war dabei eines nicht, nämlich arrogant.

So etwas lag dem gradlinigen Tilkowski, der sich immer für Fairness und Gerechtigkeit einsetzte, völlig fern. Wenn wir durch Methler fuhren, zeigte er immer wieder auf irgendwelche Häuser und erzählte von Leuten, die mal darin gewohnt hatten. Da ist jemand von Kaiserau in die Welt gegangen, aber seine Herkunft hat er nie vergessen.

Ein Held meiner Kindheit ist gegangen, vor allem aber ein guter Freund. Ich bin sehr traurig.

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