Wenn die Glocken der Margaretenkirche anschlagen, lösen sie mehr Erschütterungen aus als die Kanalarbeiten auf Methlers heikelster Baustelle. Vor den Gottesdiensten laufen Warnmeldungen auf.

Kamen

, 22.09.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn Pfarrer Jochen Voigt sonntags zum Gottesdienst in der Margaretenkirche läuten lässt, dann löst er ungewollt woanders Alarm aus.

Bei Bernd Josef Neuhaus und Heiner Santüns von der Stadtentwässerung Kamen. Denn sie sind per Smartphone verbunden mit den Erschütterungsmessgeräten, die in der Kirche und den benachbarten Häusern installiert wurden. Eigentlich wegen der dortigen Kanalbaustelle. „Aber die Erschütterungen der Glockenschläge sind größer als die unserer Kanalarbeiten“, sagt Neuhaus.

Wie ein Nadelöhr. Solch schmale Baugruben für den Kanalbau gibt es selten. Der Baggerführer muss die Schaufel Zentimeter für Zentimeter bewegen, damit er das Erdreich aus der Tiefe ausheben kann. Weil er nicht überall hinkommt, wird unten auch per Hand geschaufelt.

Wie ein Nadelöhr. Solch schmale Baugruben für den Kanalbau gibt es selten. Der Baggerführer muss die Schaufel Zentimeter für Zentimeter bewegen, damit er das Erdreich aus der Tiefe ausheben kann. Weil er nicht überall hinkommt, wird unten auch per Hand geschaufelt. © Stefan Milk

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Das kann er ganz gelassen sagen, weil die Geräte so sensibel eingestellt sind, dass sie schon kleinste Erschütterungen messen. „Wie ein Seismograph bei Erdbeben“, so Neuhaus. Die Messwerte zum Glockengeläut sind indes unbedenklich.

Schlagen die Kirchenglocken an, sei der kritische Bereich noch lange nicht erreicht, der Wert liege weit unter dem Grenzwert, so Neuhaus. Aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, wie der Volksmund richtig zu formulieren weiß: „Wir bekommen dann trotzdem eine automatische E-Mail aus dem System“, ergänzt Santüns.

Robert Meyer (Bauaufsicht), Karin Wismann (Bauleiterin) und Bernd Josef Neuhaus am Dienstag auf der Kanalbaustelle an der Margaretenkirche. Die waagerechten Stützen, durch die die Baggerschaufel behutsam durchgreift, nennt der Fachmann Gurtungen.

Robert Meyer (Bauaufsicht), Karin Wismann (Bauleiterin) und Bernd Josef Neuhaus, Leiter der Stadtentwässerung Kamen, am Dienstag auf der Kanalbaustelle an der Margaretenkirche. Die waagerechten Stützen, durch die die Baggerschaufel behutsam durchgreift, nennt der Fachmann Gurtungen. © Stefan Milk

Millimeterarbeit mit der Baggerschaufel

Auf der Baustelle läuft es zurzeit alles andere als automatisch: Denn die Kanalbauer der Firma Steinbrecher, die sich zwischen Margaretenkirche und Otto-Prein-Straße auf den letzten 60 Metern befinden, arbeiten weiterhin emsig auf Kamens heikelster Baustelle: Denn Kirche und die malerischen Häuser dürfen durch die Bauarbeiten in 4,50 Metern Tiefe nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Baggerschaufel, die sich mit langem Hydraulikarm in die Tiefe senkt, bewegt sich dabei fast zeitlupenartig, um das Erdreich auszuheben. Es handelt sich um Millimeterarbeit.

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Schirm aus Wänden und Stützen gegen Grundwasser

Der Weg wird Schaufel für Schaufel freigemacht, um das nächste 2,5 Meter lange Kanalrohr zu legen. Es ist aus Glasfaser verstärktem Kunststoff (GfK), damit besonders leicht und nicht so ausladend wie herkömmliche Rohre aus Stahlbeton. „An dieser engen Stelle zwischen den Häusern genau richtig, weil wir nur eine schmale Baugrube haben“, so Neuhaus.

Diese ist nur anderthalb Meter breit, für Kanalbauer also eine Art Nadelöhr. Und ähnlich wie eine Nadel, die eingefädelt wird, fährt auch die Baggerschaufel zwischen den waagerecht eingebauten Stützen des Schachts her, der Fachmann nennt sie „Gurtungen“. Immer, wenn das Erdreich aufgenommen wird, quillt etwas Wasser auf. Das wiederum bezeichnet der Kanalbauer als „Ausblutung“. Würde zu viel Wasser einströmen, wäre das heikel.

Deswegen schirmt ein Verbau aus massiven Spundwänden, eingeschachtelt über etwa 15 Meter, die Grube vor dem Grundwasser ab. Sie liegt etwa anderthalb Meter tiefer als der Grundwasserspiegel von ca. drei Metern.

Die Kanalrohre haben langlebige Dichtungen, die viele Jahrzehnte halten sollen. Wo früher Teerstrickdichtungen verwendet wurden, die irgendwann verrotteten, gibt es jetzt Hightech.

Die Kanalrohre haben langlebige Dichtungen, die viele Jahrzehnte halten sollen. Wo früher sogenannte Teerstrickdichtungen verwendet wurden, die irgendwann verrotteten, gibt es jetzt zwei jeweils dreilippige Dichtungsringe . © Stefan Milk

Ein Endspurt auf der Baustelle, der wie ein Marathon ist

Mehrere hundert Meter Kanalisation rund um Kirche und Lutherplatz sind bereits gelegt worden. Diese letzten ca. 60 Meter sind sozusagen der Endspurt auf der Baustelle im Schatten der Margaretenkirche.

Ein Endspurt, der sich aber wie ein Marathon anfühlt, weil es täglich nur meterweise vorangeht. Deswegen wurde vorige Woche die Verlängerung der Vollsperrung des Lutherplatzes angekündigt – sie gilt nun voraussichtlich bis zum Ende des Jahres. „Die Arbeiten gehen aber auch noch nächstes Jahr weiter“, so Neuhaus. Zwar ist dann der Kanalbau abgeschlossen, der Straßenbau und der Abschluss der schon weitgehend erfolgten Neugestaltung des Lutherplatzes stehen noch aus.

Besonderheit: Der Asphalt wird dann mit einer Spezialfarbe gestrichen, damit er ins historische Gesamtbild mit der denkmalgeschützten Kirche passt. Das beigefarbene Gemisch besteht aus einem widerstandfähigen Polymerharz und wird nächstes Jahr in Abstimmung mit dem Westfälischen Denkmalamt aufgetragen.

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Bis zu 100 Jahre Ruhe in der dortigen Kanalisation

Jetzt sind erst einmal noch zwei Baugruben notwendig, bis die Otto-Prein-Straße erreicht ist. Dann sollte es mindestens in den nächsten 67 Jahren dort keine Kanalbaustellen mehr geben, denn so lange dauert die Abschreibung der neuen Kanalisation in den Büchern der Stadtentwässerung. „Doch die Rohre sollten deutlich länger halten“, so Neuhaus. Von 80 bis 100 Jahren geht man aus.

Und in der Zeit können die Glocken der Margaretenkirche wieder läuten, ohne dass sie gleich irgendwo einen Alarm auslösen.

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