„Ich habe endlich etwas verstanden“: Kostenlose Hausaufgabenbetreuung in Kamen

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Die Deutsch-Türkische Begegnungsstätte Kamen bietet eine kostenlose Hausaufgabenbetreuung an. Das Angebot richtet sich aber nicht nur an Schüler mit Migrationshintergrund.

Kamen

, 08.03.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Ich habe endlich etwas verstanden, konnte mich integrieren und meine Noten wurden besser. Ich habe meinen Realschulabschluss gemacht“, erzählt Melchaben Schaker. Die 19-Jährige ist vor sieben Jahren mit ihrer Familie aus dem Irak geflohen. Sie spricht mittlerweile fließend Deutsch.

Zu verdanken hat sie das der Deutsch-Türkischen Begegnungsstätte, die kostenlose Hausaufgabenbetreuung für Schüler anbietet. Ein Lehrer, der sich in dem Verein engagierte, habe sie und ihre Schwester damals im Bus angesprochen. Dafür ist Schaker heute noch dankbar. „Wir haben eine große Familie, wir hätten uns teure Nachhilfe nicht leisten können“, sagt sie. Die Hausaufgabenbetreuung in der Deutsch-Türkischen Begegnungsstätte hat ihr bis dahin verschlossene Wege geöffnet.

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Mittlerweile kann sie etwas von dem zurückgeben, was sie als junge Schülerin bekommen hat und arbeitet ehrenamtlich in der Hausaufgabenbetreuung an der Koppelteich-Sporthalle. Sie unterstützt Grundschüler zweimal die Woche bei ihren Aufgaben. Schaker ist nicht die einzige „Ehemalige“ in der Hausaufgabenbetreuung. Insgesamt hat sich das Team sehr verjüngt.

Deutsch-Türkische Begegnungsstätte sucht Ehrenamtler und Mitglieder

Nachdem der Verein gegründet worden war, waren es vor allem Lehrer, die Schüler mit Migrationshintergrund ehrenamtlich bei den Hausaufgaben unterstützten. Mittlerweile sind auch viele ehemalige Schüler wie Schaker im Team. Auch ihre Schwester ist in dem Verein aktiv.

Dennoch sucht Zehni Özkan, Vorsitzender des Vereins, händeringend Helfer – die am liebsten ehrenamtlich aushelfen. Einige der Betreuer sind zwar Studenten, die auch ein kleines Honorar bekommen. Viel kann sich Özkan aber nicht leisten. Dem Verein fehle es an Geld. Obwohl eine Mitgliedschaft nur drei Euro im Monat koste, wollten viele Eltern, deren Kinder betreut werden, nicht eintreten.

Ayse Düzgün, Melchaben Schaker und Nese Özkan (v.l.) sind in der Hausaufgabenbetreuung in Kamen aktiv.

Ayse Düzgün, Melchaben Schaker und Nese Özkan (v.l.) sind in der Hausaufgabenbetreuung aktiv. Sie selbst waren früher einmal selbst Schüler. Kenan Kilic kommt regelmäßig vorbei, um sich bei den Hausaufgaben helfen zu lassen. © Borys Sarad

Im Gegensatz zu Heinrich Rickwärtz-Naujokat, dem verstorbenen Mitbegründer des Vereins, hat Özkan keine Kontakte zu Lehrern bzw. ehemaligen Lehrern.

Einige von den ersten Ehrenamtlern sind aber freilich noch im Boot – zum Beispiel Rainer Nehls. Der 67-Jährige ist seit der Gründung im Jahr 1984 im Verein aktiv. Mittlerweile ist der Physik- und Mathelehrer pensioniert, in der Hausaufgabenhilfe gibt er sein Wissen zweimal pro Woche immer noch weiter.

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Rainer Nehls lernt selber etwas in der Hausaufgabenbetreuung

Bei ihm lernen jedoch nicht nur die Kinder etwas. „Hier sehe ich viel mehr, wo die Schwierigkeiten liegen. Das habe ich im Unterricht oft nicht mitgekommen“, erklärt Nehls. Als er als aktiver Lehrer in der Hausaufgabenbetreuung tätig war, habe ihm das unbewusst etwas über seine eigenen Schüler gesagt.

Er und die anderen Lehrer haben mittlerweile ihre festen Gruppen. Zu den Öffnungszeiten kämen mittlerweile immer Kinder, sagt Nehls. Von den Anfangszeiten kann er das nicht behauptet. „Ich saß auch manchmal alleine da und habe gewartet.“

Nese Özkans Vater ist Zehni Öskan, der Vorsitzende der Deutsch-Türkischen Begegnungsstätte. Der Verein hat sich mittlerweile verjüngt. Trotzdem werden weiterhin ehrenamtliche Helfer und Mitglieder gesucht. Von der Hilfe profitieren Kinder, die Unterstützung bei den Hausaufgaben brauchen.

Nese Özkans Vater ist Zehni Öskan, der Vorsitzende der Deutsch-Türkischen Begegnungsstätte. Der Verein hat sich mittlerweile verjüngt. Trotzdem werden weiterhin ehrenamtliche Helfer und Mitglieder gesucht. Von der Hilfe profitieren Kinder, die Unterstützung bei den Hausaufgaben brauchen. © Borys Sarad

Damals seinen die Kinder vor allem vor Prüfungen gekommen. Zwar ist die Hausaufgabenbetreuung auch heute vor Tests und Arbeiten besonders gut gefüllt, aber die Deutsch-Türkische Begegnungsstätte hat sich bei den Schülern längst herumgesprochen. Auch Melchaben Schakers‘ junge Geschwister kommen mittlerweile in die Betreuung.

Auch Integration findet während der Betreuung statt

Die Hausaufgabenbetreuung ist jedoch viel mehr als der Titel erahnen lässt. Denn nicht nur Rechenaufgaben und Vokabeln werden in den Räumen der Begegnungsstätte gelöst, sondern auch kulturelle Schwierigkeiten. Auch deshalb sei es wichtig, dass sich junge Leute engagieren, die mit den Schülern auf Augenhöhe sind, findet Nese Özkan, die Tochter des Vorsitzenden.

Die Deutsch-Türkische Begegnungsstätte Kamen befindet sich etwas versteckt Am Schwimmbad 5. Der Eingang befindet sich auf der rechten Seite der Koppelteich Sporthalle.

Die Deutsch-Türkische Begegnungsstätte Kamen befindet sich etwas versteckt Am Schwimmbad 5. Der Eingang befindet sich auf der rechten Seite der Koppelteich Sporthalle. © Borys Sarad

„Für Flüchtlinge wird mehr Hilfe benötigt, als nur bei den Hausaufgaben zu helfen.“ Es sei durchaus schon vorgekommen, dass man sich in der Betreuung über kulturelle Unterschiede ausgetauscht hat.

Kontakt und Infos

Hausaufgabenbetreuung und mehr

  • Die Deutsch-Türkische-Begegnungsstätte Kamen befindet sich Am Schwimmbad 5. Erreichen ist sie via E-Mail über info@dtb-kamen.de oder uner Tel. 02307 926417. Informationen gibt es unter www.dtb-kamen.de.
  • Die Öffnungszeiten sind montags bis donnerstags von 15 bis 17 Uhr (außer in den Schulferien oder an Feiertagen). Schüler jeden Alters sind in der Betreuung willkommen.
  • Der Verein sucht außerdem ehrenamtliche Helfer und Mitglieder.

Ein Mädchen aus Afghanistan sei ganz erstaunt gewesen, dass Özkan Kaffee trinkt. Dass in Deutschland jede Frau – egal ob verheiratet oder ledig – Kaffee trinken darf, wunderte sie. Auch Homosexualität sei ein Thema, das für viele Flüchtlinge tabu ist, über das aber aufgeklärt werden sollte. Die Aufklärung ist laut Özkan auch eine wichtige Aufgabe der Ehrenamtler. Denn obwohl es vor allem um die Hausaufgabenbetreuung geht, ist der Verein auch immer noch das, als was er gegründet wurde: Eine Begegnungsstätte.

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