Haus-Abriss an der Kirchstraße: „Das wäre ein herber Verlust!“

dzIm historischen Stadtkern

Der Streit um das Haus an der Kirchstraße geht weiter. Die Stadt will jetzt entscheiden, ob sie in Berufung gegen das Gerichtsurteil geht, das auch für die Heimatpfleger „überraschend“ ist.

Kamen

, 06.01.2020, 12:46 Uhr / Lesedauer: 2 min

Abriss oder kein Abriss? Die Frage, die sich für das historische Gebäude an der Kirchstraße stellt, scheint beantwortet, nachdem das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen die Stadtverwaltung nach jahrelangem Rechtsstreit dazu aufgefordert hat, den Abbruch zu genehmigen. Das Haus stand nicht unter Denkmalschutz, als es vor einigen Jahren den Besitzer wechselte.

Das Gezerre um das alte Haus ist trotz Richterspruchs möglicherweise noch nicht beendet. Im Laufe dieser Woche will die Stadt die Entscheidung treffen, ob sie Berufung einlegt gegen das Ende Dezember gefällte Urteil der Gelsenkirchener Verwaltungsrichter.

Auch die hiesigen Ortsheimatpfleger sind überrascht von dem Ausgang des Verfahrens, bei dem ein Fachgutachten des Westfälischen Denkmalamts, das sich für den Erhalt das Hauses aussprach, nicht griff.

Während die Eigentümer zunächst erleichtert waren, dass ihnen Recht zugesprochen wurde, könnte sich die Freude schmälern, wenn sich das Verfahren jetzt doch noch weiter in die Länge zieht.

Haus-Abriss an der Kirchstraße: „Das wäre ein herber Verlust!“

Die Kirchstraße vor etwa 100 Jahren. Vorn links erkennt man gerade noch ein Stückchen Gitter einer Außentreppe, wie sie für viele Kamener Häuser zwischen 1850 und 1935 typisch waren. Die Pauluskirche hieß z.Zt. dieser Aufnahme die „Größere Kirche“ und besaß noch die Turmuhr von 1839 (s. Ziffernblatt im Dreieck unten am Turmhelm). © Archiv

Ortsheimatpfleger: „Wichtiger Teil der Stadtgeschichte“

Die Ortsheimatpfleger um Karl-Heinz Stoltefuß schalten sich nun in die Diskussion ein. „Der Abbruch des Fachwerkhauses wäre ein herber Verlust für die historische Altstadt“, äußern sie in einer schriftlichen Stellungnahme, die sie an unsere Redaktion sandten.

Das Haus gehöre zum Bauensemble Kirchstraße, das einen wichtigen Teil Kamener Stadtgeschichte darstelle. Der Bereich liege im historischen Stadtkern, der um 1300 mit einem planvoll angelegten Straßennetz entstanden ist und die Stadtwerdung dokumentiert. Stoltefuß: „Der mittelalterliche Grundriss und seine heutige Bebauung haben einen großen historischen Zeugniswert.“

Haus-Abriss an der Kirchstraße: „Das wäre ein herber Verlust!“

Das Haus an der Kirchstraße 10 ist Gegenstand eines juristischen Streits zwischen der Stadt Kamen und dem Eigentümer. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen gab jetzt dem Eigentümer Recht, dass es finanziell nicht zumutbar sei, das Haus denkmalgerecht zu erhalten. © Stefan Milk

Urteil gegen ein Fachgutachten der Denkmalschützer

Das Urteil aus Gelsenkirchen bewertet Stoltefuß als „überraschend“. Es passiere nicht häufig, dass Denkmäler durch Richterspruch – gegen ein Fachgutachten des LWL-Denkmalamtes – aufgegeben werden müssten. „Wichtigster Gesichtspunkt bei der Beurteilung ist die Zumutbarkeit der Finanzierung für den neuen Eigentümer“, so Stoltefuß.

Werde die im Berufungsverfahren bestätigt, sehe es schlecht für die Stadt aus. „Dann kann der Eigentümer von der Stadt die Übernahme des Hauses verlangen, allerdings zum heutigen Verkehrswert“, so Stoltefuß mit Blick auf Paragraf 31 des nordrhein-westfälischen Denkmalschutzgesetzes.

Solche Situationen, so führt er aus, versuchten fast alle Kommunen wegen der schlechten Finanzlage zu vermeiden. „Es wird dann auf eine Berufung verzichtet und das Denkmal aufgegeben. Wir sind gespannt, wie sich die Stadt verhält!“

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Wie es möglich ist, sich unnötigen Ärger zu ersparen

Die Ortsheimatpfleger haben den Ratsfraktionen und der Stadtverwaltung jüngst einen Vorschlag vorgelegt, wie man solche Auseinandersetzungen künftig möglichst vermeiden kann. „Der Fall macht deutlich, wie wichtig es ist, die gesetzlichen Grundlagen zu einem umfassenden Denkmal- und Stadtbildschutz zu schaffen“, so Stoltefuß.

Bisher gebe es keine Gestaltungs-, Denkmalbereichs- oder Bausatzung, die die Entwicklung der historischen Altstadt steuern kann. Der Fall „Kirchstraße“ zeige, dass der Denkmalschutz nicht ausreiche, wenn er sich auf den Eintrag einzelner privater Baudenkmäler beschränke.

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Mittel aus dem Städtebauförderungsprogramm abrufen

Auf Grundlage einer Gestaltungssatzung wäre es indes möglich, Mittel aus dem Städtebauförderungs- und Denkmalschutzprogramm in Anspruch zu nehmen, um die bauliche Situation vor Ort zu verbessern. „Außerdem wäre es fair“, so ergänzt Stoltefuß, „wenn die Stadt den Bürgern durch entsprechende Pläne signalisiert, welche Planungsziele sie verfolgt.“

Dann könnte sich jeder, bevor er einen denkmalverdächtigen Altbau kauft, informieren und sich unnötigen Ärger ersparen.

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