Hans Tilkowski: Mit dem Fahrrad fuhr er zum Training beim SuS Kaiserau

dzTorwart-Legende

Hans Tilkowski hat Spuren in Kamen hinterlassen. Er wurde groß beim SuS Kaiserau, siegte mit dem BVB, umarmte Pelé und kassierte das Wembley-Tor. Zuletzt wurde das Sportlerhaus nach ihm benannt.

Kamen

, 06.01.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Das ehrt mich, und ich bin stolz. Die Sportschule war früher mein Zuhause. Jetzt kehre ich wieder nach Hause zurück.“

Der frühere Weltklassetorhüter Hans Tilkowski, der viele Unhaltbare gehalten hat, griff auch in der Wortwahl niemals daneben. Seine Glanzparaden liegen zwar Jahrzehnte zurück, ein ihm gewidmetes Glanzstück war aber zuletzt nicht nur für Torhüterhände handfest greifbar: Das „Haus des Sports“ wurde 2014 nach der Fußball-Legende benannt, wurde zum Hans-Tilkowski-Haus an der Jahnstraße.

Hans Tilkowski: Mit dem Fahrrad fuhr er zum Training beim SuS Kaiserau

Hans Tilkowski im Tor beim SuS Kaiserau, Anfang der 1950er Jahre auf dem alten Aschenplatz an der heutigen Jahnstraße. © Privat

Hans Tilkowski erinnerte sich immer gern an die sportliche Heimat

Hans Tilkowski erinnerte sich immer gern zurück an seine Zeit in Methler, als er in der Jugend noch für den SuS Kaiserau spielte. „Das war in den Jahren 1948 und 1949 – seitdem kenne ich die Sportschule“, sagte der ehemalige Fußballprofi bei einem seiner Gespräche mit unserer Redaktion.

Die drei Kilometer herüber aus seinem Heimatort Husen hatte er mit dem Fahrrad locker abgespult, dann folgte das Training auf der alten Kampfbahn, nördlich der Jahnstraße. „Das war natürlich kein Vergleich zu heute – und damals hatte die Sportschule wegen der NS-Vergangenheit auch noch keinen guten Ruf“, sagte er später.

Im Jahr 1941 waren die Zweckbauten zunächst für die Hitlerjugend errichtet worden, nach Kriegsende erwarb der FLVW die Gebäude.

Hans Tilkowski: Mit dem Fahrrad fuhr er zum Training beim SuS Kaiserau

Hans Tilkowski zeigt Fotos aus der Zeit als Jugend- und Amateurspieler. © Fischer

Die Sportschule Kaiserau war etwas Besonderes für den Torwart

Doch trotz des damals geschichtlich belasteten Standorts war die Sportschule für die jungen Athleten etwas Besonderes.

„Meine Lebenstorpfosten sind Glaubwürdigkeit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Respekt“
Hans Tilkowski

Nicht nur wegen der Infrastruktur mit den Trainingsmöglichkeiten. „Es gab dort auch Abendessen – da konnte man sich immer anschließen“, erinnerte sich Tilkowski, der in den Kriegsjahren auch in Kamen zur Schule gegangen ist. „Deswegen – ich habe viele Beziehungen zu Kamen“, sagte er, als 2013 bekannt wurde, dass er Namensgeber für einen neuen Teil des SportCentrums Kamen-Kaiserau wird.

2014, kurz vor dem WM-Finale in Brasilien, wurde das neue Haus eröffnet - und Tilkowski war dort oft zu Gast, um vor Besuchergruppen über sein vom Fußball offensiv bewegtes Leben zu berichten. Im Juni 2018 wurde er Ehrenmitglied des SuS Kaiserau. „Meine Lebenstorpfosten sind Glaubwürdigkeit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Respekt“, sagte er bei der Verleihung. „Meine Heimat sind sowohl Husen als auch Kaiserau.“

Hans Tilkowski: Mit dem Fahrrad fuhr er zum Training beim SuS Kaiserau

So schmeckten bei der Eröffnung des Hans-Tilkowski-Hauses Erfolg, Heimatverbundenheit und Sportsgeist. Den so viel beschriebenen Geist von Hans Tilkowski konnten die Besucher im Juli 2014 noch einmal verinnerlichen – ja, sich gar auf der Zunge zergehen lassen. © Stefan Milk

Auf dem Platz Gefahren erkennen, den Spielverlauf vorausahnen

Tilkowskis Vorzüge, so schreiben die Fußball-Historiker, waren seine Gelassenheit und Ruhe, die seine Souveränität ausmachten und sein Stellungsspiel: Gefahren erkennen, den Spielverlauf vorausahnen, sich selbst in die richtige Position bringen, mit einer extremen Sprungkraft Flanken abfangen.

Der frühere Torwart, so lobten Wegbegleiter auch später noch, verkörperte den traditionellen Fußball wie kaum ein anderer, war bodenständig geblieben und hielt eine Bindung zur Region, wie es im Profisport heute nur noch ganz selten vorkommt.

Und er hatte alles durchgemacht, was ein Sportlerleben ausmacht – historische Siege ebenso wie die legendäre Niederlage im WM-Finale 1966, als der Ball blitzartig unter die Latte knallte und dann irgendwo im Torlinienbereich aufschlug.

Das legendäre Wembley-Tor liefert bekanntlich auch heute noch Stoff für reichlich Diskussionen. Tilkowski hat darüber ein Buch geschrieben („Und ewig fällt das Wembley-Tor: Die Geschichte meines Lebens“).

Hans Tilkowski: Mit dem Fahrrad fuhr er zum Training beim SuS Kaiserau

Tor oder Nicht-Tor im Finale Deutschland gegen England bei der Fußball-WM 1966 am 30. Juli 1966 im Londoner Wembley-Stadion. Der vom englischen Stürmer Geoff Hurst (nicht im Bild) geschossene Ball knallt von der Latte auf den Boden. Der deutsche Torhüter Hans Tilkowski (vorn) schaut sich im Hechten um, Abwehrspieler Wolfgang Weber (l.) und der jubelnde englische Stürmer Roger Hunt schauen zu. © picture alliance / dpa

Wembley 1966: „Und ich sah es genau: Es war kein Tor!“

Das Finale 1966 wurde erstmals weltweit im Fernsehen übertragen, 400 Millionen Menschen sahen die Partie. Das Spiel gegen England verfolgten 96.924 Zuschauer im ausverkauften Wembley-Stadion. Mit jener Szene, die vor jedem WM-Turnier auch heute noch leidenschaftlich diskutiert wird.

Geoff Hurst knallte eine Flanke gegen die Querlatte, der an der Torlinie aufspringende Ball wurde von Wolfgang Weber ins Toraus geköpft. „Ich schaute über meine linke Schulter nach hinten und sah es genau: Es war kein Tor!“, äußerte Tilkowski, damalige Nummer 1 und späterer Botschafter des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes Westfalen. Doch der Schiedsrichter sah das nicht, er entschied auf Tor für England, ein vorentscheidendes.

Als Tilkowski von Pelé umarmt wurde

Tilkowski absolvierte für Borussia Dortmund zwischen 1963 und 1967 insgesamt 81 Bundesliga-Spiele. Mit dem BVB gewann er Torhüter den DFB-Pokal (1965) und den Europapokal der Pokalsieger (1966).

Aber auch Niederlagen prägten ihn, nicht nur jene im WM-Finale 1966, sondern auch die gegen Brasilien, als er zum Saisonende 1964/65 bei einem Freundschaftsspiel in Rio de Janeiro zwischen den Pfosten stand. Ein Spiel, das mit 0:2 gegen den damals amtierenden Weltmeister verloren ging.

Dabei zeichnete sich Tilkowski mit zahlreichen Glanzparaden aus.

Pelé, so schreiben Fußball-Historiker, sei nach dem Spiel auf den deutschen Torhüter zu gekommen, habe ihn umarmt und ihm gratuliert. Und die katzenhaften Reaktionen auf der Torlinie führte zu Schlagzeilen wie „Tilkowski, der Stern von Rio“ oder „Tilkowski in Rio wie ein Held gefeiert“.

Nach langer Krankheit ist Tilkowski am Sonntag im Alter von 84 Jahren gestorben.

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