Nicht nur in Kamen-Heeren, auch in der Stadtmitte gibt es Menschen, die alte Steine vor dem Vernichten retten. Auf einem scheinbar uralten Friedhof geht es um Grabsteine, die Geschichte(n) erzählen.

Kamen

, 08.08.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Er bildet die dritte Generation des Steinmetzbetriebs Determann, und wenn es um Steine geht, dann leuchten die Augen von Hans Determann wie die eines Kindes vor dem Weihnachtsbaum. Ein Faible hat er für Orts-, Heimat- und Friedhofsgeschichte – und daher erreicht das Strahlen sein gesamtes Gesicht, wenn es um einen besonderen Teil des Ausstellungsgeländes am Buschweg geht: „Das ist unser Friedhof“, sagt Hans Determann.

Auch alte Grabsteine der Familie Droste, einer bekannten Heerener Familie, hat Determann vor der Vernichtung gerettet.

Auch alte Grabsteine der Familie Droste, einer bekannten Heerener Familie, hat Determann vor der Vernichtung gerettet.

Tatsächlich stehen Besucher des parkartig angelegten Geländes plötzlich in einem Bereich, in dem sich der grob gepflasterte Weg mit gemulchten Rändern durch Efeu umrankte Beete schlängelt. Auch Passanten auf der Straße können diesen Teil direkt hinterm Zaun gut sehen, auch wenn das Schild, dass explizit auf die Bedeutung dieses Fleckens hinweist, derzeit erneuert wird.

Auf dem Heererener Friedhof sorgt sich Ortsheimatpfleger Karl-Heinz Stoltefuß darum, das Geschichte erzählende Denkmäler vernichtet werden. In der Stadtmitte hat Steinmetz Determann einen Weg gefunden, dem entgegen zu wirken.

Grabmale aus einer längst vergangenen Zeit

Genau wie auf alten Friedhöfen, steht auf seinem Firmengelände inmitteln von Bodendeckern, Ziergräsern und eben Efeu ein alter Grabstein neben dem anderen. Namen und Jahreszahlen zeugen davon, dass die Steine jahrzehntelang der Witterung ausgesetzt waren.

Die Formen sind aus heutiger Sicht ungewöhnlich, die Denkmale zum Teil riesig. Sie zeugen jedoch von der Wertschätzung der Familien ihren Verstorbenen gegenüber – und dass man besonderen Menschen auch besonders gedenken wollte.

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Schon Hans Determanns Vater brachte es nicht übers Herz, alte Grabsteine abzuräumen, wenn sich die Familien von ihrer Gruft trennten. Besondere Steine – von Persönlichkeiten, von exquisitem Handwerk, von herausragender Qualität – sicherte er auf dem alten Friedhof in Methler und stellte sie rund um die Kapelle neu auf. „So blieben die Steine erhalten, auch wenn es die Gräber nicht mehr gab“, erklärt Hans Determann.

Das Denkmal für den „Engel von Camen“: Marianne Schetter erhielt im Jahr 1857 keine schnöde Grabplatte, für sie musste es der Deckel eines Sarkophags sein.

Das Denkmal für den „Engel von Camen“: Marianne Schetter erhielt im Jahr 1857 keine schnöde Grabplatte, für sie musste es der Deckel eines Sarkophags sein. © Stephanie Tatenhorst

Gruft originalgetreu nachgebildet

Als er selbst 2003 von einer Familie angesprochen wurde, die einen besonderen Stein ihrer Familiengruft erhalten wollte, aber nicht wusste, wie, schaute er sich die Stelle vor Ort auf dem Kamener Friedhof an – und entschied, die ganze Grabanlage selbst für die Nachwelt zu sichern.

„Die sieht hier jetzt genauso aus wie damals auf dem Friedhof“, sagt Determann vor eben jenem Steinen stehend, die längst auf seinem Firmengelände lagern. Doch dass es auch noch der Stein einer ganz besonderen Frau war, den er da rettete, das erfuhr er erst später.

Gemeinsam mit den Urenkelinnen der Frau, die im Jahr 1857 verstorben war, recherchierte Hans Determann nämlich die Geschichte des Grabes. Dabei half die Familienchronik. Der Name Marianne Schetter sagte nach so vielen Jahren niemandem mehr etwas. Doch dem Sarkophag nach, der ihr Grab zierte, musste sie jemand besonderes gewesen sein. „Das ist keine Grabplatte mehr, das ist ganz besonderes Handwerk“, zollt Determann den damaligen Steinmetzen größten Respekt. Er selbst hat so einen Sarkophag nur einmal mitgestaltet – in der Meisterschule, um zu wissen, wie es geht.

Der Sarkophag gehörte dem Engel vom Camen

Doch Marianne Schetter hatte ihn wohl verdient. Zu Lebzeiten galt sie als „Engel von Camen“, wie die Stadt damals noch geschrieben wurde. Und ein Engel muss die Pfarrerstochter und Unternehmergattin wahrlich gewesen sein. „Ihr selbst ging es sehr gut, und so wollte sie anderen, denen es nicht so gut ging, helfen“, weiß Determann. Sie half Alten, Kranken und kinderreichen Familien, kümmerte sich aber auch um alleinerziehende Mütter und ehemalige Strafgefangene.

Alles tat sie aus einem christlichen Selbstverständnis heraus – und half nicht nur mit dem Geld ihrer Familie, sie packte auch selbst mit an, wenn es notwendig wurde. Als sie im Alter von 61 Jahren an einer Hirnhautentzündung starb, wurde sie unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in einem von der Stadt zur Verfügung gestellten Ehrengrab beigesetzt.

Julie Moellenhoff, die Tochter von Marianne, heiratete einen Hagener Kaufmann. Ihre Tochter Helene heiratete später Karl Hoesch aus der Stahl-Dynastie und Inhaber der „Alten Apotheke“ am Markt.

Julie Moellenhoff, die Tochter von Marianne, heiratete einen Hagener Kaufmann. Ihre Tochter Helene heiratete später Karl Hoesch aus der Stahl-Dynastie und Inhaber der „Alten Apotheke“ am Markt. © Stephanie Tatenhorst

Nachfahren sind bis heute bekannt

Die Namen der Nachfahren jener Marianne Schetter, die eine geborene Baedecker war, lassen viele jedoch stutzen: Die Tochter der Verlegerfamilie bekam drei Kinder, die in Kamen erfolgreicher Unternehmer wurden, die Enkelin heiratete in die Hoesch-Stahlindustrie ein. Die Alte Apotheke am Markt ist noch heute in Familienbesitz.

Ein Holzkreuz mit Jesus-Figur zwischen unzähligen Steinen. Das Kruzifix stammt von einem Essener Friedhof.

Ein Holzkreuz mit Jesus-Figur zwischen unzähligen Steinen. Das Kruzifix stammt von einem Essener Friedhof.

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Doch es sind nicht nur die Grabsteine dieser Familie, die Hans Determann gerettet hat. Seither sind noch etliche dazu bekommen. Ein großes, hölzernes Kreuz mit geschnitzter Jesus-Statue stand einst auf einem Essener Friedhof. Die einstige Besitzerin war nach dem Auslaufen der Grabstelle überzeugt, dass man ein Kruzifix nicht verbrennen dürfe – und stellte es bei sich unter. Bis sie Hans Determann traf, der es auf seinem „Friedhof“ wieder zur Geltung brachte.

Das Grabmal der Familie Schulze-Vaersthausen aus Overberge kam durch einen Sturmschaden zu Determann.

Das Grabmal der Familie Schulze-Vaersthausen aus Overberge kam durch einen Sturmschaden zu Determann.

Weitere Grabmale bekannter Persönlichkeiten

Daneben steht der Grabstein von Joachim Winter. „Das ist der Gründer von Wintershall“, weiß Determann. Auch das imposante Grabmal der Familie Schulze Vaersthausen aus Overberge steht nun bei Determann. „Das hatte einen Sturmschaden“, erklärt der.

Die einzelnen Gesteinsblöcke des Sockels waren ursprünglich nur mit flüssigem Blei verbunden worden. „Verdübelt hat man das damals noch nicht.“ Doch als die alte Verbindung Schaden nahm, restaurierte Determann die Steine und stellte sich standsicher wieder auf. Nun erhält er sie für die Nachwelt, die sie jederzeit – außerhalb der Öffnungszeiten durch den Zaun – betrachten kann.

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