Der Lehrer ist 17 und die Schüler 60 oder älter. Das klingt vielleicht ungewöhnlich, funktioniert aber. Die VHS-Smartphone-Kurse für Senioren sind unglaublich begehrt.

Kamen

, 14.03.2020, 13:13 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Bei meinem ersten Handy musste ich jemanden im Supermarkt fragen, wie man damit telefoniert. Es gibt ja keine Tasten mehr“, sagt Ingrid Hacheney. Die 68-Jährige hat zwar Computererfahrungen, aber mit dem Handy und dem gerade neu angeschafften Tablet läuft es noch nicht ganz so rund.

Aber da ist sie nicht die einzige. „Mein Sohn hat mir zwar schon viel gezeigt, aber ich bin hier, damit ich das auch behalte“, sagt Brigitte Bähr. Die 73-Jährige sitzt neben Hacheney im VHS-Kurs „Jonah erklärt es – Tablet, Smartphone und Co. für Rentner“. Auch Reiner Tubis hat schon Erfahrungen gesammelt, will durch den Kurs aber mehr Routine erlangen. „Bedienen kann man das Handy, aber man weiß nicht über alle Knöpfe Bescheid.“ Sein Sitznachbar nickt zustimmend.

Dr. Thomas Freiberger, Leiter der Vhs Kamen-Bönen, findet es gut, dass in der Volkshochschule Generationen zusammenkommen. Er ist offen dafür, dass auch junge Leute wie Jonah Hadt unterrichten.

Dr. Thomas Freiberger, Leiter der Vhs Kamen-Bönen, findet es gut, dass in der Volkshochschule Generationen zusammenkommen. Er ist offen dafür, dass auch junge Leute wie Jonah Hadt unterrichten. © Claudia Pott

Der Lehrer, der ihnen die „Knöpfe“ erklärt, könnte ihr Enkel sein. Jonah Hadt ist 17 Jahre alt und der jüngste Lehrer an der Volkshochschule Kamen-Bönen. Der Gymnasiast möchte auch im Berufsleben Lehrer werden. Das Unterrichten an der VHS bereitet ihn optimal auf diese Rolle vor – und bestätigt ihn in seiner Berufswahl. Durch das Unterrichten merke er, dass das wirklich sein Traum sei, sagt er.

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Doch nicht nur Hadt ist glücklich in seiner Lehrerrolle. Auch VHS-Leiter Dr. Thomas Freiberger ist zufrieden. Die Kurse bei Hadt sind stets ausgebucht, den Senioren macht es offensichtlich absolut nichts aus, sich etwas von einem so jungen Lehrer erklären zu lassen. Ganz im Gegenteil.

Kinder und Enkel haben oft wenig Zeit und Geduld, um das Handy zu erklären

„Bei meinem ersten Handy musste ich jemanden im Supermarkt fragen, wie man damit telefoniert. Es gibt ja keine Tasten mehr“
Ingrid Hacheney, 68

„Es ist eine gute Mischung: Er ist jung, aber gehört nicht zur Familie“, sagt Freiberger. Hadt ist offenbar genau das, was viele Senioren sich wünschen: Ein junger Lehrer, der sich mit der aktuellen Technik gut auskennt und die Geduld mitbringt, die Kinder und Enkel aus der eigenen Familie oft nicht haben.

Hadt wird im Mai 18 Jahre alt und ist damit wohl einer der jüngsten Volkshochschullehrer aller Zeiten. „Die Volkshochschulen leiden an Überalterung. Ich habe mich schon länger gefragt, wie ich den Generationenaustausch hinbekomme“, sagt Freiberger. Als da ein Lehrer des Gymnasiums einen seiner Schüler als Kursleiter vorschlug, kam ihm das gerade recht.

Zu Beginn der Stunde sollen sich die Senioren im WLAN der VHS anmelden.

Zu Beginn der Stunde sollen sich die Senioren im WLAN der VHS anmelden. © Claudia Pott

Im ersten Semester vergangenen Jahres bot Hadt den ersten Anfängerkurs an, doch schnell kamen dank der hohen Nachfrage Zusatzkurse hinzu. Mittlerweile gibt es noch einen Fortgeschrittenen- einen Profi- und einen Intensivkurs, außerdem ist ein Vortrag geplant, in dem Hadt die Teilnehmer berät, was für ein Gerät das Richtige für sie ist.

„Er ist sozusagen unser Rising Star“, sagt Freiberger. Und er selbst werde durch die Erfahrungen mit Hadt experimentierfreudiger. Eine 18-Jährige habe kürzlich einen Kroatisch-Schnupperkurs angeboten und ein 18-jähriger Schüler wird nächstes Semester über seine Reise zu den Star-Wars-Drehorten berichten – auf die Idee kam der Schüler durch Jonah Hadt.

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Senioren müssen sogar Hausaufgaben machen

Hadt soll und möchte der VHS erhalten bleiben – auch wenn er gerade sein Abitur macht und im kommenden Jahr wohl sein Lehramtsstudium in Dortmund antritt. Im Studium wird der angehende Lehrer dann vielleicht noch andere Lehrmethoden kennenlernen, die er mit seinen Senioren austesten kann.

Doch auch in seiner Zeit als VHS-Lehrer hat er sein Konzept immer weiter ausgearbeitet – und gibt mittlerweile sogar Hausaufgaben auf.

Lehrer Jonah Hadt geht durch die Reihen, um individuelle Tipps zu geben. Die Senioren helfen sich aber auch gegenseitig.

Lehrer Jonah Hadt geht durch die Reihen, um individuelle Tipps zu geben. Die Senioren helfen sich aber auch gegenseitig. © Claudia Pott

Die Senioren sollten zum Beispiel mit Hilfe des Smartphones herausfinden, wie lange sie mit dem Fahrrad von Kamen nach Dortmund brauchen. Etwa 1,9 Stunden hat eine Teilnehmerin herausgefunden. Doch sie muss Google kritisieren: „Das stimmt gar nicht. So schnell habe ich das noch nie geschafft! Google ist sportlich“ ruft sie. Die Stimmung im Kurs ist entspannt und die Rentner helfen sich viel gegenseitig. Diese Gruppendynamik ist von Hadt gewünscht und soll den Senioren beim Lernen helfen. „Sie sollen sich das gegenseitig erklären. Dann lernt man besser“, sagt Hadt.

Jonah Hadt steht dem Thema nicht skeptisch gegenüber, das hilft beim Lernen

Vhs Kamen-Bönen

Die Kurse

  • „Jonah erklärt es – Tablet, Smartphone und Co. für Rentner“, „Mit Jonah zum Smartphone- und Tablet-Profi (für Silversurfer mit Vorkenntnissen)“ und „Jonah erklärt es –Tablet und Smartphone komplett verstehen“
  • Informationen zu den Kursen gibt es via Tel. (02307) 9242 055, vhs.boenen@helimail.de oder auf der Internetseite www.vhs-kamen-boenen.de.
  • Einen Einstieg bietet auch die App, die Hadt für Senioren entwickelt hat. Sie ist im Android-App-Store zu finden und heißt „Senioren mit Smartphone – Einfach erklärt 2020!“. Die App ist kostenlos und werbefrei.

Sein Konzept hat sich bewährt und das könnte auch etwas mit seiner Herangehensweise an das Thema zu tun haben. Er habe von einem Seniorenkurs gehört, in dem der Lehrer, der nicht viel älter als die Senioren war, seine Schüler erst darüber informiert hat, wie gefährlich und schlecht vieles sei und dass überall Abo-Fallen lauern. „Ich mache es andersherum. Erst erkläre ich und wir probieren aus, dann sage ich, wo man aufpassen muss.“

Und auch er lernt übrigens etwas von seinen Senioren. „Sie erzählen mir etwas über alte Computertechniken. Das ist spannend, weil ich diese Zeit nicht erlebt habe.“ Und in solchen Momenten ist es dann vielleicht doch ein bisschen so, wie in einer großen Familie.

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