Die GSW sorgen in einer Art Krisenmodus dafür, dass Kamen, Bergkamen und Bönen nicht lahmgelegt werden. Die Techniker stehen dabei sprichwörtlich unter Strom: 130 Störfälle haben sie behoben.

Kamen

, 28.05.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ohne Strom geht nichts mehr. Kein Computer, keine Mikrowelle, kein Fernseher, kein Licht. Die Gemeinschaftsstadtwerke Kamen-Bönen-Bergkamen sind in Zeiten von Corona in eine Art Krisenmodus gewechselt. Falls ein Corona-Fall in dem Betrieb Quarantäne für eine ganze Abteilung auslöst, ist der örtliche Versorger trotzdem handlungsfähig. „Wir zählen zur kritischen Infrastruktur. Und die muss besonders geschützt werden“, sagt GSW-Sprecher Timm Jonas. Er steht vor dem Umspannwerk Fritz-Erler-Straße, wo der Strom aus Hochspannungsleitungen anlandet und dann in mehreren Schritten auf haushaltsverträgliche Spannungen gedrosselt und verteilt wird.

Video
GSW zur Versorgungssicherheit in Corona-Zeiten

Zweischicht-System an der Poststraße eingerichtet

Die Stadtwerke, örtlicher Versorger Nummer Eins, haben sich mit ihrer etwa 200 Mitarbeiter starken Belegschaft in Zeiten von Corona gewappnet. Die ca. 100 Kräfte, die im Verwaltungsgebäude an der Poststraße arbeiten, sind in zwei Schichten aufgeteilt worden und arbeiten zu unterschiedlichen Zeiten, sodass sie sich nicht begegnen. Die Arbeitszeiten im Zweischicht-System dauern von 6 bis 12.30 Uhr und 13 bis 19 Uhr.

Dazwischen wird das Gebäude gereinigt und desinfiziert. Was der Verwaltung Handlungsfähigkeit sichert, funktioniert in der Praxis der Monteure und Techniker indes nicht. „Wir greifen auf eine Art Inselbetrieb zurück“, sagt Netzmeister Dirk Krampe und deutet auf sein neues Büro im Umspannwerk im Kamener Norden, ein spartanisch ausgestatteter Werksraum mit nackten Wänden. „Aber immerhin“, lacht er und deutet auf einen Klapptisch. „Da steht die Kaffeemaschine sponsored by Mama!“

Monteur Julian Rüwald (r.) und Netzmeister Dirk Krampe besprechen in ihrem ungewöhnlichen Corona-Büro die anstehenden Arbeiten.

Monteur Julian Rüwald (r.) und Netzmeister Dirk Krampe besprechen in ihrem ungewöhnlichen Corona-Büro die anstehenden Arbeiten. © Marcel Drawe

Nicht weniger Arbeit in der Virus-Krise

Die Arbeit ist in der Virus-Krise für die 60 Mitarbeiter der technischen GSW-Abteilung nicht geringer geworden. Jetzt haben sie sich auch noch an vier Standorten aufgeteilt, jeweils mindestens mit einem Meister und vier Monteuren. Die Standorte sind, wie gesagt, im Umspannwerk Kamen. Dazu im Heizwerk Bergkamen, im Blockheizkraftwerk an der Gesamtschule und im Lager, Netz- und Messstellenbetrieb an der Wilhelm-Bläser-Straße.

„Nach der Umstellung sind alle Automatismen erst einmal weggefallen. Man muss jetzt doppelt und dreifach überlegen, wie man vorgeht“, berichtet Krampe. Was beispielsweise vorher gleichzeitig auf Baustellen abgearbeitet wurde, wird jetzt nacheinander abgewickelt. „Ist der Tiefbauer weg, können die Leute kommen, die Gas und Wasser anschließen.“ Begegnungsverkehr unerwünscht.

Monteur Julian Rüwald zeigt auf dem Plan, wonach sich die Monteure und Techniker orientieren. Auf dem „GSW-Stadtplan“ können sie erkennen, wo die Leitungen liegen, linksseitig oder rechtsseitig der Straßen.

Monteur Julian Rüwald zeigt auf dem Plan, wonach sich die Monteure und Techniker orientieren. Auf dem „GSW-Stadtplan“ können sie erkennen, wo die Leitungen liegen, linksseitig oder rechtsseitig der Straßen. © Marcel Drawe

Zu 130 Störfällen ausgerückt: Viel Arbeit für die GSW-Ersthelfer

Das erfordert mehr Kommunikation. Das Arbeitspensum ist aber nicht geringer geworden. So rückten die Monteure und Techniker seit Beginn der Pandemie Mitte März zu 130 Störfällen in den Bereichen Strom, Wasser, Gas aus. Sie verlegten 3,5 Kilometer Kabel, davon 2,2 Kilometer Niedervolt für normale Haushaltsanschlüsse und 1,3 Kilometer 10 kV-Mittelspannung. Dazu legten sie 300 Meter an sogenannten Niederdruck-Gasleitungen. Und sorgten an zahlreichen Baustellen, sowohl für Häuslebauer als auch für Gewerbetreibende, dafür, dass sie ans Netz angeschlossen wurden: 21 bei Strom, 28 bei Gas und 21 bei Wasser.

In Blick ins GSW-Umspannwerk an der Fritz-Erler-Straße in Kamen.

In Blick ins GSW-Umspannwerk an der Fritz-Erler-Straße in Kamen. © Marcel Drawe

Weniger Strom vor allem aus der Wirtschaft abgenommen

Dass in den Krisenzeiten weniger Strom benötigt wird, merken auch die GSW. „Vor allem die Firmen benötigen weniger“, erläutert Timm Jonas. „Die Produktionsanlagen sind weniger ausgelastet, geschlossene Märkte brauchten kein Licht“, blickt er zurück auf die Zeit, als die Läden zeitweise dicht waren.

Der branchenbezogene Absatzrückgang insbesondere bei Sonnenstudios, Fitnesscentern, Friseurbetrieben, Einzelhandel, Gastronomie, Schulen und Kindergärten sei kurzzeitig etwa bei ca. 80 Prozent gewesen. „Durch einen zusätzlichen Kaffee im Homeoffice kann man die Industrie freilich nicht auffangen“, bestätigt Netzmeister Krampe.

Beim Stromabsatz insgesamt liegen die GSW für März etwa im Bundesdurchschnitt, wo der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) einen Rückgang von 9,3 Prozent ermittelt hat.

Im Umspannwerk an der Fritz-Erler-Straße wird der aus Hochspannungsleitungen ankommende Strom haushaltsgerecht portioniert und weitergeleitet.

Im Umspannwerk an der Fritz-Erler-Straße wird der aus Hochspannungsleitungen ankommende Strom haushaltsgerecht portioniert und weitergeleitet. © Marcel Drawe

Von Höchstspannung, Hochspannung und Mittelspannung

Und so kommt der Strom nach Kamen: 400 Kilovolt (kV) oder 400.000 Volt werden als Höchstspannung bezeichnet. So viel fließt durch die Hochspannungsleitungen des Übertragungsnetzbetreibers „Amprion“, der mit seinen Überlandleitungen deutschlandweit Städte versorgt. An der Übergabestelle Gersteinwerk/Unna fließt die Energie in die Leitungen der Westnetz GmbH, ein deutscher Verteilnetzbetreiber für Strom und Gas mit Sitz in Dortmund. Dort wird die Spannung von 400 kV auf 110 kV, sprich, 110.000 Volt, gedrosselt, was als Hochspannung bezeichnet wird.

Die 110 kV kommen ebenso über Hochspannungsleitungen an der Fritz-Erler-Straße an, wo sie mit einem rechtwinkligen Knick in die Tiefe geführt werden. In den wuchtigen Transformatoren, die die Größe von Reisebussen haben, wird die Spannung noch einmal gedrosselt – auf Mittelspannung, die nur noch 10 kV (10.000 Volt) beträgt. Von dort geht der Strom in das Netz der Stadtwerke, wo er in alle Himmelsrichtungen davon fließt.

110 kV kommen über Hochspannungsleitungen an der Fritz-Erler-Straße an, wo sie mit einem rechtwinkligen Knick in die Tiefe geführt werden. In den wuchtigen Transformatoren, die die Größe von Reisebussen haben, wird die Spannung noch einmal gedrosselt

110 kV kommen über Hochspannungsleitungen an der Fritz-Erler-Straße an, wo sie mit einem rechtwinkligen Knick in die Tiefe geführt werden. In den wuchtigen Transformatoren, die die Größe von Reisebussen haben, wird die Spannung noch einmal gedrosselt © Marcel Drawe

Jetzt lesen

Strom wird in Ortsnetzstationen bedarfsgerecht portioniert

Bevor dieser Strom in der Steckdose endet, wird er in den kleinen Ortsnetzstationen, die oftmals am Wegesrand stehen, auf 1 kV (1.000 Volt) gedrosselt und sozusagen bedarfsgerecht portioniert. 681 Netzstationen gibt es, über die der Strom an etwa 115.000 Einwohner geliefert wird. Rund drei Millionen Euro investieren die GSW jährlich in ihr Stromnetz. Für sie ist der Betrieb des 2000 Kilometer langen Netzes auch ein strategischer Faktor; wer Strom verteilt, möchte ihn auch verkaufen. Das Stromnetz bildet damit sozusagen das Rückgrat des Unternehmens.

Das Stromnetz ist 2.000 Kilometer lang und hat hat 681 Netzstationen. Über 60.000 sogenannte Stromlieferstellen, die mit einem Zähler versehen sind, wird für etwa 115.000 Einwohner Strom verteilt.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Senkung der Mehrwertsteuer
Kunden und Händler in Kamen profitieren von Steuersenkung: Vor allem Teures ist gefragt
Hellweger Anzeiger Kultur in Corona-Zeiten
Technik wie bei „Wetten dass...“: Bei Kamener Kneipenkwiz guckten auch England und USA zu
Hellweger Anzeiger Baustelle
Ärger über Dauerbaustelle an Dortmunder Allee: Gewerbetreibende am Buschweg werden unruhig
Hellweger Anzeiger Natur- und Insektenschutz
Wilde Randstreifen in Kamen: Immer öfter gewollt, aber teils gefährlich