Grabstein von Staatsminister Biernat auf Heerener Friedhof – zum Wegwerfen zu schade

dzIdee eines Schaugartens

Selbst Staatsminister Biernats Grabstein ist in der Ecke für mineralischen Abfall gelandet. Als einer von vielen – für die sich Ortsheimatpfleger Karl-Heinz Stoltefuß auf dem Heerener Friedhof mehr Aufmerksamkeit wünscht.

von Werner Wiggermann

Kamen, Heeren-Werve

, 28.07.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

In einer gut verborgenen Ecke des Heeren-Werver Friedhofs lagern alte Grabsteine. In Stücke gehauen, bereit für die Entsorgung. Die Namen sollen nicht mehr lesbar sein, wenn sie im Container zur Brechanlage auf der Deponie in Werve gefahren und dann wieder zu neutralem Baustoff werden. Mit ihnen verschwinden letzte Erinnerungen an Menschen, die das Leben im Ort einst geprägt haben – und manchmal nicht nur im Ort. Ein schwarzer polierter Granitblock, schon halb verdeckt von anderen Steinen, teilt das Schicksal der abgeräumten Monumente: „Staatsminister Hubert Biernat“ steht darauf. Das Grab, in dem der legendäre sozialdemokratische NRW-Innenminister, Regierungspräsident und Landrat ruht, ist abgeräumt und für Besucher ohne ortskundige Führung nicht mehr zu finden. Wie so viele andere Gräber auf diesem Friedhof, wie so viele auf vielen anderen Friedhöfen.

Abgeräumt und In der Ecke gelandet: Der Grabstein von Hubert Biernat.

Abgeräumt und in der Ecke gelandet: Grabstein von Hubert Biernat, einst Regierungspräsident und NRW-Innenminister. © Werner Wiggermann


Nach 30 Jahren wird meistens abgeräumt

Woche um Woche verschwinden so Zeugen der Ortsgeschichte. Spurlos. Letzte Erinnerungsstücke, die an verstorbene Mitbürger jetzt nicht mehr erinnern. Meistens werden die Steine abgeräumt, wenn eine Grabstelle 30 Jahre nach der letzten Bestattung auf ihr von der jeweiligen Familie aufgegeben wird. Die Erben sind dann verpflichtet, die Grabstelle in neutralem Zustand zu übergeben – der Stein wird zur Last. Selbst Grabsteine, die hohe Handwerkskunst verraten, die künstlerisch und historisch erheblichen Wert besitzen, landen letztlich auf dem Müll, berichtet Friedhofsgärtner Jürgen Starke. Nur wenige Mitbürger nehmen die Steine mit nach Hause, um sie als Andenken an einen lieben Verwandten im Garten aufzustellen. Auch Jürgen Starke hat schon einige Steine vor dem Abtransport bewahrt und in einem stillen Winkel des Friedhofes aufgestellt.

Das Mahnmal für die russischen Zwangsarbeiter erinnert an die dunkelste Zeit des Stadtteils und seiner Zeche.

Das Mahnmal für die russischen Zwangsarbeiter erinnert an die dunkelste Zeit des Stadtteils und seiner Zeche.


Hinweise auf schlimmste Zeiten

Ein Akt der Gnade, der ganz im Sinne von Ortsheimatpfleger Karl-Heinz Stoltefuß ist. Für ihn ist der fast 150 Jahre alte Friedhof an der Heerener Straße ein bedeutsames Archiv. Mal wird der Besucher auf die besonders schlimmen Zeiten des Stadtteils hingewiesen. Zum Beispiel durch die Gräber sinnlos gegen Kriegsende geopferten Leben verblendeter „Hitler-Jungen“ – oder durch das Mahnmal für die russischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen auf der Zeche nicht überlebt hatten.

Zur Person

Hubert Biernat

Hubert Biernat (1907 bis 1967) gilt als einer der bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte des Kreises Unna. Der gebürtige Heerener, ein gelernter Kaufmann, war u.a. Leiter der Kreisagentur der Westfälischen Rundschau, Landrat in Unna, Regierungspräsident in Arnsberg und Innenminister in Düsseldorf.

Denkmalschutz für einen Engel

Mal drücken Steine aber auch bodenständiges Selbstbewusstsein und Respekt der Erben für wirklich erfülltes Leben aus. „Je mehr alte Grabsteine erhalten bleiben, umso interessanter und aussagekräftiger ist der Friedhof hinsichtlich Historie und Bestattungskultur“, meint Stoltefuß. An einigen Grabstellen, die über mehrere Generationen belegt wurden, kann Stoltefuß Interessantes aus der Familiengeschichte berichten. Dabei weist er gern auf die Grabstelle der Familie Klothmann hin, die vom Bauernhof an der Bergstraße stammt. Hier sind mittlerweile die Verstorbenen aus vier Generationen beerdigt. Ein Engel aus Marmor, bereits bei Anlage der Begräbnisstätte im Jahr 1837 aufgestellt, spendet den Trauernden auch heute noch Trost. Stoltefuß will für diese Grabstelle Denkmalschutz beantragen. Damit wäre wenigstens ein eindrucksvoller Zeuge für die Nachwelt gesichert. Einer von vielen, die eigentlich gesichert werden sollten.

Jürgen Starke zeigt Karl-Heinz Stoltefuß sein Lager für rettenswerte Steine.

Jürgen Starke zeigt Karl-Heinz Stoltefuß sein Lager für rettenswerte Steine. © Werner Wiggermann


Schaugarten könnte die Botschaft der Grabsteine bewahren

Wenigstens mit einer fotografischen Dokumentation möchte Ortsheimatpfleger Karl-Heinz Stoltefuß der Friedhofsverwaltung Hinweise auf viele erhaltenswerte Grabmonumente geben. Er überreichte an Jürgen Starke jetzt ein entsprechendes Speichermedium mit 50 Aufnahmen, das alte und neue Grabsteine zeigt, deren besonderer Wert in der künstlerischen und historischen Aussage besteht.

Bei Beseitigung dieser Steine sollen Kunstexperten beim Bauamt des Evangelischen Kirchenkreises zukünftig über die weitere Verwendung entscheiden. Stoltefuß denkt an einen Schaugarten, in dem die Grabsteine, versehen mit einer Beschilderung, aufgestellt werden.

Platz ist auf dem Heerener Friedhof reichlich vorhanden. Weil sich immer mehr Familien für ein Urnengrab entscheiden.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Kita und Schule betroffen
Nach Testpanne in Bayern: Familien im Kreis Unna wussten nichts von Infektion
Hellweger Anzeiger Schmähung gegen SPD
Beleidigende Aufkleber und Einschüchterungsversuch: Wahlkampf geht unter die Gürtellinie
Hellweger Anzeiger Goldschmied und Künstler
Gregor Telgmann und seine Quelle: Schöpfer des Kamener Marktbrunnens gestorben