Gebet für einen Bergmann: „Bricht die Strecke, halt den Stein“

dzBergbau in Kamen

Tief unter Tage war man im Angesicht der Gefahren gottesfürchtig. Milli Bäcker aus Wasserkurl erinnert sich, wie die Familie für ihren Vater gebetet hat. „Er kam immer unversehrt wieder.“

Kamen

, 29.10.2018, 13:38 Uhr / Lesedauer: 2 min

Milli Bäcker ist 80 Jahre alt, kann sich aber noch gut an ihre Kindheit erinnern, in der der Bergbau Tag für Tag präsent war. Die Frau aus Wasserkurl, die unsere Serie über den Bergbau interessiert verfolgt, hat nach vielen, vielen Jahrzehnten nicht vergessen, was die Familie einst gebetet hat, wenn es Zeit war, zu Bett zu gehen. „Mein Vater, Josef Schröder, hatte Wechselschicht. Er musste demnach auch oft abends einfahren“, berichtet sie. 44 Jahre lang führte er auf der nahen Zeche, zu der die Arbeiter der Kaiserauer Sektionen strömten, ein hartes Leben unter Tage, brach mühsam den Stein, spürte die Vibrationen der Eisenschläge, atmete den Kohlenstaub – wie schon zuvor sein Vater.

Sechs Kinder hatte Mutter Elisabeth zu versorgen. Milli war die jüngste der Rasselbande. „Es war immer sehr bewegend, wenn wir das Gebet am Abend gesprochen haben. Es wird mir immer im Gedächtnis bleiben“, sagt sie heute. Für sie ist es wichtig, ihre Erinnerung weiterzugeben. Und so rezitiert die das Gebet für unsere Leser noch einmal. Sie sagt: „Lieber Gott/ Wir flehen zu Dir/ Beschütze den Vater/Für und für/ Da unten in dem tiefen Schacht/Und gib auf seine Schritte acht/ Sende treue Engel ihm zur Hut /Und segne alles, was er tut/ Bricht die Strecke/ Halt den Stein/ Lass ihn bald zuhause sein /Er uns kleidet /Er uns nährt/ Mühevoll unter Tage fährt /Amen.“

Die Grubenlampe ihres Vaters und die Heilige Barbara, eine Geborgenheit ausstrahlende Statuette der Schutzpatronin, hat Milli Bäcker noch immer bei sich in der Stube stehen. Die Gebete, so ihre Überzeugung, haben ihre Wirkung nicht verfehlt. „Er kam immer unversehrt wieder. Ich war immer dankbar darüber.“ Der Bergbau habe früher auch den Alltag der Kinder geprägt. „In jedem Haus wohnte ja ein Bergmann.“ Und so war die Arbeit ihres Vaters auch immer etwas Rätselhaftes, weil sie sich nicht wirklich vorstellen konnte, wie es unter Tage aussieht. Das holte sie später nach. Bei einer Grubenfahrt auf Zeche Gneisenau. Auch das ist schon wieder einige Zeit her, 35 Jahre.

Gebet für einen Bergmann: „Bricht die Strecke, halt den Stein“

Ein ökumenischer Gottesdienst zum Auftakt. Die jährlichen Barbarafeiern des Bergwerks Ost in der Stadthalle, hier die Feier im Jahr 2008, sind nun Teil der Geschichte. © Stefan Milk

Bekannt sind einige Gebete der oft gottesfürchtigen Knappen, die einst nicht nur unter beschwerlichen Bedingnungen, sondern auch großen Gefahren schufteten und im Gebet Kraft schöpften. Neben Unfällen und Missbildungen von Knochen und Gelenken gehörten vor allem auch chronische Erkrankungen der Atemwege zu den häufigsten Erscheinungen. Ein Gebet vor der Anfahrt lautete: Wir richten eh‘ wir niederfahren/ Den Blick zu Dir o Gott empor/ O woll uns Herr getreu bewahren/ Lass wiederkehren uns nach hier/Schließ auf den Stollen Deiner Liebe/ Den finstren Schacht in dem wir bauen/ Schirm uns vor Ort und im Betriebe/ Lass fromm und treu uns Dir vertrauen/ Herr segne Streben, Schacht und Stollen/ Bewahre uns vor Flut und Brand/ Herr, dem wir treu gehören wollen/ Du hast die Welt in Deiner Hand.“ Schutzpatronin der Bergleute ist bekanntlich die Heilige Barbara. Sie wurde der Legende nach von ihrem eifersüchtigen Vater wegen ihrer Schönheit in einen Turm gesperrt. Als sie zum Christentum konvertierte, ließ er sie verfolgen. Nach der Flucht durch eine Felshöhle schüttelte sie die Verfolger ab. Seitdem ist Barbara die Schutzpatronin der Bergleute.

Für Milli Bäcker bleibt die Zeit von einst präsent, auch wenn sie anmutet, wie aus einer anderen Welt. Und bricht die Strecke, halt den Stein.

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