Michael Wilde vom „Kümper‘s“ am Marktplatz in Kamen: „Die Coronahilfen sind nicht so unbürokratisch, wie Scholz sagt.“ © Marcel Drawe
Traditionslokal am Marktplatz

Gastwirt zur Lockdown-Verlängerung: „Corona-Hilfen sind bürokratischer, als Scholz sagt“

Der Lockdown ist verlängert, Lokale bleiben geschlossen. Michael Wilde vom Kümper‘s begrüßt zwar die Hilfsprogramme, muss aber feststellen: Die November-Hilfe ist immer noch nicht da.

Es ist kurz vor Mittag, aber bevor Michael Wilde sich gleich an den Herd von „Kümper’s Bar Restaurant“ stellt, um das Mittagessen für den Außer-Haus-Verkauf vorzubereiten, ist noch etwas Zeit. Zeit genug um zu erzählen, welche Erfahrungen er als Gastronom mit den Corona-Hilfen des Staates gemacht hat.

„Die Hilfen sind bürokratischer, als Scholz sagt“, meint Wilde. Bundesfinanzminister Olaf Scholz hatte im Januar gesagt: „In der akuten Phase der Schließung im letzten Monat haben wir entschieden, schnell, unbürokratisch und mutig zu handeln.“

Restaurants und Gaststätten sind bereits seit November geschlossen, nur der Außer-Haus-Verkauf ist erlaubt. Wilde macht deshalb nur einen Bruchteil seines normalen Umsatzes. Grundsätzlich begrüßt er die verschiedenen staatlichen Hilfen. „Ich bin dankbar, dass wir in einem sozialen Staat leben“, sagt er. Seine Kritik macht er an zwei Punkten fest.

Was die sogenannte Überbrückungshilfe angeht, musste er feststellen, dass sie durch den „Kostenaufwand“ zu einem großen Teil aufgefressen werden. Denn um einen Missbrauch zu verhindern, ist die Einschaltung eines Steuerberaters, Wirtschaftsprüfers, Buchprüfers oder Rechtsanwalts erforderlich. Als Beispiel nennt Wilde, dass er 1800 Euro bekommen habe, davon aber 1200 Euro an den Steuerberater gegangen seien. Dem Steuerberater sei hier kein Vorwurf zu machen. Die Überbrückungshilfe ist ein Zuschuss bei coronabedingten Umsatzrückgängen.

Zweitens gibt es noch die außerordentliche Wirtschaftshilfe des Bundes Unternehmen, Betriebe, Selbstständige, Vereine und Einrichtungen, die wegen der Coronaschutz-Maßnahmen schließen mussten. Derzeit wartet Wilde auf die sogenannte Novemberhilfe. „Sie ist immer noch nicht angekommen“, sagt er. Beantragt hat er sie im Dezember bei der Bezirksregierung Arnsberg, nur eine Bewilligung per E-Mail sei bislang eingetroffen.

Aus einer Übersicht des Bundesfinanzministeriums geht hervor, welche Hilfen Unternehmen beantragen können, um durch die Corona-Krise zu kommen. © BMFI © BMFI
Stichwort

Corona-Hilfen

Einen Überblick über die Corona-Hilfen in NRW gibt es auf der www.wirtschaft.nrw/coronahilfe und beim Bundeswirtschaftsministerium unter www.ueberbrueckungshilfe-unternehmen.de

  • November- und Dezemberhilfe: Unternehmen können Zuschüsse von 75 Prozent ihres entsprechenden durchschnittlichen Umsatzes im November bzw. Dezember 2019 bekommen, tageweise anteilig für die Dauer des Corona-bedingten Lockdowns. Bis zu einer Summe in Höhe von 5.000 Euro können Soloselbständige den Antrag direkt stellen. Bei höheren Summen muss ein Steuerberater die Beantragung übernehmen.
  • Überbrückungshilfe II: Die Überbrückungshilfe II umfasst die Fördermonate September bis Dezember 2020. Die maximale Förderung beträgt 50.000 Euro pro Monat. Bei Unternehmen bis zu fünf Beschäftigten beträgt der maximale Erstattungsbetrag 3.000 Euro pro Monat, bei Unternehmen bis zu zehn Beschäftigten 5.000 Euro pro Monat.
  • Überbrückungshilfe III: Wird für die Fördermonate ab Januar gezahlt. Die maximale Fördersumme pro Monat steigt laut Bundeswirtschaftsministerium auf bis zu 1,5 Millionen Euro pro Unternehmen. Einheitliches Förderkriterium ist ein Umsatzeinbruch von mindestens 30 Prozent. Zur Überbrückungshilfe III gehört auch eine Neustarthilfe für Soloselbständige.
  • Überbrückungshilfe Plus: Diese stellt zusätzliche Hilfen für Solo-Selbstständige, Freiberufler und im Unternehmen tätige Inhaber von Einzelunternehmen und Personengesellschaften mit höchstens 50 Mitarbeitern in NRW bereit.

Der Sprecher Bezirksregierung, Christoph Söbbeler, erklärt, dass bereits zahlreiche Abschlagszahlungen erfolgt seien. Es gebe automatisierte Prozesse, aber auch „Fälle, wo man händisch drübergucken muss“. Wer durch ausbleibende Zahlen in eine akute finanzielle Klemme kommt, soll sich erneut an die Behörde wenden. „Es gibt eine Rücksprachemöglichkeit“, so Söbbeler.

Steuerberater fordern Beschleunigung

Steuerberater in Westfalen-Lippe bestätigen den Eindruck, dass Hilfen bei den Empfängern nur schleppend ankommen. Präsident Volker Kaiser aus Soest appellierte vorige Woche in einem gemeinsamen Brief mit seinem rheinischen Amtskollegen Karl-Heinz Bonjean ans NRW-Finanzministerium, „wieder zum unbürokratischen Verfahren aus dem vergangenen Frühjahr zurückzukehren und die Hilfen insgesamt zu beschleunigen.“

Nachbesserungen bei der Überbrückungshilfe III für die Monate ab Januar sind derweil angekündigt. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sagte: „Wir werden die Überbrückungshilfe III drastisch vereinfachen und auch bei der Höhe noch eine Schippe drauflegen.“ NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) geht das nicht weit genug, er forderte weiteres Nachjustieren bei der Höhe von Abschlagszahlungen.

Mindestens fünf volle Schließungsmonate

Restaurants und Gaststätten in NRW mussten aus Coronaschutz-Gründen bereits vom 23. März bis 10. Mai 2020 schließen. Der zweite Lockdown folgte ab 2. November 2020 und wurde zuletzt bis zum 14. Februar 2021 verlängert. Für Kümper’s-Chef Wilde bedeutet das, dass er absehbar bereits fünf volle Monate keinen regulären Umsatz machen konnte und kann; dazu noch die übrigen Monate der Pandemie, in denen sich zum Beispiel Sitzplatz-Beschränkungen oder ein verändertes Ausgehverhalten der Gäste auf den Umsatz auswirkten. „Ich habe mich kleiner gesetzt“, sagt der Gastwirt über die persönlichen Konsequenzen. Er habe auch Mitarbeitern kündigen müssen. Ein Netzwerk von Freunden helfe ihm durch die Krise, indem sie ohne Entgelt die Essenslieferungen übernehmen. Auch dem Vermieter sei er sehr dankbar.

Auf Lockdown bis Mai innerlich eingestellt

Nun ist es aber Zeit, die Mittagszeit ruft und der Kümper’s-Chef erwartet die nächsten Bestellungen von seiner „Corona Lockdown Karte“, die noch einmal erweitert wurde. Für Gerichte wie „Schwarze Riesentortellonis“ oder „Kümpers Chicken Burger“ steht er selbst in der Küche, weil er den Koch wegen des Lockdowns in Kurzarbeit schicken musste. Wilde wirkt entschlossen, alle Turbulenzen durchzustehen, und antwortet auf die Frage, wie lange denn der Lockdown wohl noch dauert: „Bis Mai!“

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1973, aufgewachsen im Sauerland, wohnt in Holzwickede. Als Redakteur seit 2010 rund ums Kamener Kreuz unterwegs, seit 2001 beim Hellweger Anzeiger. Ab 1994 Journalistik- und Politik-Studium in Dortmund mit Auslandsstation in Tours/Frankreich und Volontariat bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund, Lünen, Selm und Witten. Recherchiert gern investigativ, zum Beispiel beim Thema Schrottimmobilien. Lieblingssatz: Der beste Schutz für die liberale Demokratie ist die Pressefreiheit.
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Carsten Fischer
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