Emotionale Belastung: Flüchtling soll Ausweis in der Botschaft des Landes abholen, aus dem er floh

dzIntegration

Azad Khosravi soll in der iranischen Botschaft seinen Ausweis abholen. Für ihn ist das unvorstellbar, weil er mit dem Land eigentlich nichts mehr zu tun haben möchte. Er steckt in der Zwickmühle.

Kamen

, 07.03.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Azad Khosravi steckt in einer Zwickmühle, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Auch sein Integrationshelfer Andreas Otto ist ratlos. Er will dem Flüchtling helfen, weiß aber nicht wie. So verflixt ist die Lage, in der Khosravi sich derzeit befindet.

Der 48-Jährige möchte arbeiten gehen, hat aber keinen Ausweis. Den Ausweis brauche Khosravi, um arbeiten gehen zu können, sagt Andreas Otto. Dafür, dass der Flüchtling, der seit drei Jahren in Kamen lebt, keinen Ausweis hat, gibt es eine Erklärung: Khosravi ist ausreisepflichtig, sein Asylantrag wurde abgelehnt. Zurück ihn den Iran möchte er nicht mehr. Aus Angst vor dem Regime, das ihn zehn Jahre hinter Gittern brachte. „Unschuldig“, wie er sagt.

Jetzt lesen

Doch das ist nicht alles, was seine Lage so kompliziert macht. Denn Khosravi könnte sich einen internationalen Ausweis besorgen. Doch um an diesen Ausweis zu kommen, muss er in die iranische Botschaft nach Berlin und ihn dort persönlich abholen. Die Botschaft ist zwar nicht der Iran, doch für den Flüchtling macht das offenbar keinen so großen Unterschied.

Er möchte auf keinen Fall dorthin. „Wer geht denn zur Botschaft des Landes, das ihn verfolgt“, sagt sein Integrationshelfer Otto. Er versteht seinen Schützling. „Das ist eine emotional schwer tragbare Situation“, sagt Otto.

Viele abgelehnte Asylbewerber weigern sich, die Botschaft ihres Herkunftslandes aufzusuchen

Nicht nur das Betreten der Botschaft, sondern auch die Angst davor, abgeschoben zu werden, sobald er einen Ausweis besitzt, halten Khosravi davon ab, nach Berlin zu fahren. Gleichzeitig kommt er mit dem Geld, das ihm gekürzt wurde, kaum aus. Er lebt von 150 Euro im Monat, sagt er. Der Grund für die Kürzung des Geldes sei, dass er durch die Verweigerung, seinen Ausweis abzuholen, seiner „Mitwirkungspflicht“ nicht nachkomme, erklärt Otto.

Der Kamener Flüchtling ist nicht der einzige, der sich in einer solchen Situation befindet. „Dass insbesondere abgelehnte Asylsuchende sich – zum Teil wegen subjektiver Befürchtungen – weigern, die Botschaft ihres Herkunftslandes aufzusuchen, ist nicht selten“, erklärt eine Sprecherin aus dem Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes NRW.

Jetzt lesen

Demnach müssen sich im Asylverfahren abgelehnte Ausländer wie Khosravi um die Passbeschaffung bemühen. „Hierzu ist in der Regel eine persönliche Vorsprache bei der Botschaft oder dem Konsulat des Heimatlandes erforderlich.“

Ausländern, die als Asylberechtigte anerkannt wurden oder denen die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt wurde, stelle die zuständige Ausländerbehörde einen Reiseausweis für Flüchtlinge aus, womit die Passpflicht erfüllt werde, heißt es aus dem Ministerium. Während des laufenden Asylverfahrens müsse sich niemand einen Pass besorgen.

Khosravi hilft diese Auskunft freilich wenig. Er ist bereits zweimal gegen die Ablehnung seines Asylantrages angegangen. Beide Male entschieden die Behörden jedoch, dass er ausreisen muss. Und dafür soll er sich einen Pass in der Botschaft besorgen.

Damit er das nicht persönlich tun muss, könnte Khosravi höchstens versuchen, einen Bevollmächtigen damit zu beauftragen. Ob das möglich ist, entscheide allerdings das das Herkunftsland, so die Sprecherin des Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration.

Azad Khosravi ist nicht alleine. An seiner Seite sind sein Flüchtlingshelfer Andreas Otto (r.) und Mohsen Haiasi (l.).

Azad Khosravi ist nicht alleine. An seiner Seite sind sein Flüchtlingshelfer Andreas Otto (r.) und Mohsen Haiasi (l.). Haiasi spricht besser Deutsch und unterstützt seinen Freund bei der Kommunikation . © Claudia Pott

Azad Khosravi nimmt kein Geld von seinem Helfer an

„Das ist menschenrechtlich nicht okay, dass die aus einem Land fliehen, und sich dann dort einen Pass holen müssen“, findet Otto. Er habe Khosravi schon Geld angeboten, aber der Flüchtling möchte das Geld nicht annehmen. „Das ist gegen seine Würde. Sie haben ihren Stolz“, weiß Otto. Otto akzeptiert die Kultur seiner Flüchtlinge. Er drängt sich nicht auf und hält sich aus Respekt zurück. Deshalb weiß er auch nicht genau, warum Khosravi ins Gefängnis gekommen ist und was er dort durchlitten hat. Otto möchte nicht, dass sein Schützling das durch Erzählungen noch einmal durchlebt.

Jetzt lesen

Der Integrationshelfer findet es unfair, dass Khosravi nicht arbeiten darf. „Es ist eine Belastung für ihn, nur zu Hause zu sitzen und nichts für die Wirtschaft tun zu dürfen. Und das, nachdem er einen Weg ins Ungewisse angetreten hat, dabei viel Geld verloren und sein Leben aufs Spiel gesetzt hat.“ Warum ausgerechnet Khosravi nicht arbeiten und nicht bleiben darf, ist für den Flüchtling und seinen Integrationshelfer offenkundig sehr schwer nachzuvollziehen. Otto will Khosravi weiter beistehen. Zusammen wollen sie eine Lösung finden. Einfach wird das sicherlich nicht.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Für wichtige Hinweise
Corona-Bürgerdienste für Senioren: Die Informationen landen direkt im Briefkasten
Hellweger Anzeiger Coronavirus
In der Krise wachsen: Fernunterricht der Musikschule ermöglicht Freiheit und Eigenständigkeit