Fliesen-Fiasko am Bahnhof Kamen: Retten, was noch zu retten ist

dzMutmaßlicher Denkmalfrevel

Im Drama um die herausgerissenen historischen Bodenfliesen am denkmalgeschützten Bahnhof Kamen blieb bislang offen, wie alt der Belag ist. Nun ist klar: Die Fliesen sind so alt wie das Empfangsgebäude selbst.

Kamen

, 06.12.2019, 16:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

Für die Handwerker war es eine Baustelle wie jede andere auch: Als die Bauarbeiter die Wartehalle des Bahnhofs Kamen für den Einbau eines neuen „DB Service Store“ vorbereiteten, rissen sie nach den Regeln ihres Fachs auch den Bodenbelag bis zu einer Tiefe von 20 Zentimetern heraus. Darunter kamen bunt gemusterte Fliesen und Mosaike zum Vorschein, die zum Entsetzen von Ortsheimatpflegern in einem Bauschutt-Container vor dem denkmalgeschützten Empfangsgebäude landeten.

Deutsche Bahn ist kooperativ

Zwei Wochen nach dem Fliesen-Fiasko an dem Gebäude aus der Schinkel-Schule steht fest, dass der Denkmalschutz des Bahnhofs Kamen eine Lücke hat. Im Stadtrat hat Dr. Uwe Liedtke von der Unteren Denkmalbehörde am Donnerstag bekannt gegeben, dass ab sofort auch wesentliche Teile des Inneren des Empfangsgebäudes vorläufig unter Schutz gestellt sind. Bislang galt dies nur für die äußere Hülle, sodass die Deutsche Bahn bzw. ihre Auftragnehmer die Fliesen herausreißen durften, ohne dies mit der Denkmalbehörde abzustimmen. Wenn es überhaupt einen Denkmalfrevel gab, war er also erlaubt. Mit der Bahn ist nun abgesprochen, dass Teile des noch verbliebenen Bodens fachgerecht abgedeckt werden; zwei Quadratmeter bleiben sichtbar. Das Bahnhofsmanagement Dortmund sei „sehr kooperativ und denkmalpflegerischen Belangen gegenüber aufgeschlossen“, hieß es.

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Fliesen sind 165 Jahre alt

Was bei der Bekanntgabe der Unterschutzstellung im Stadtrat zunächst unklar blieb: wie alt die Fliesen denn nun sind. Das stellte Liedtke einen Tag nach der Ratssitzung durch die Pressestelle des Rathauses klar. „Die Fliesen stammen aus der Bauzeit des Bahnhofs um 1854“, sagte Stadtsprecher Peter Büttner. In der Ratssitzung hatte Liedtke zwar von einem „bauzeitlichen Fliesenboden“ gesprochen, aber ohne eine konkrete Bauzeit zu nennen. So blieben abgesehen von fachsprachlichen Missverständnissen mehrere Interpretationsmöglichkeiten: Denn der Bahnhof wurde 1854 fertiggestellt, 1906 um eine Vorhalle erweitert und im Lauf seiner Geschichte mehrfach umgebaut.

Nun steht fest: Die herausgerissenen Fliesen sind nicht nur schützenswert, sondern ungefähr 165 Jahre alt und damit so alt wie das Baudenkmal selbst. Kurz nach Bekanntwerden des Fliesenfunds vor zwei Wochen hatte die Untere Denkmalbehörde, alarmiert von Ortsheimatpflegern, festgestellt, dass die Fliesen „nicht denkmalgeschützt“ sind.

Fliesen-Fiasko am Bahnhof Kamen: Retten, was noch zu retten ist

Herausgerissene Fliesen aus dem Bahnhof Kamen stammen laut Unterer Denkmalbehörde aus der Bauzeit des Bahnhofs Kamen, also um 1854. © Carsten Fischer

Souvenirjäger sichern sich historische Fliesen

Souvenirjäger haben sich bereits einzelne Bruchstücke aus dem offenen Bauschuttcontainer gesichert. Die Bauarbeiten am Bahnhof sollen am Montag weitergehen. Ein Teil des historischen Fliesenbodens wird integriert, so wie von Fachleuten des westfälichen Denkmalamts vorgeschlagen. Dazu hatte Liedtke am Donnerstag erklärt: „Von wesentlicher Bedeutung war in diesem Zusammenhang, dass wieder ein barrierearmes Niveau des Bodens erreicht werden muss. Der alte bauzeitliche Boden liegt deutlich tiefer. Zusätzliche Stufen bzw. Höhenunterschiede mussten perspektivisch vermieden werden. In dem östlichen Anbau des Gebäudes wird der dort vorhandene Fliesenboden geschützt und weiterhin sichtbar erhalten.“

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