Die zweijährige Emma (Name geändert) wurde am Bahnhof Kamen von einer Flasche aus einem Partyzug getroffen. Ihre Mutter hat jetzt erzählt, wie die Familie das Unglück erlebt hat und wie es dem Kind heute geht.

Kamen

, 20.12.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Angenommen, ein Zug rauscht durch einen Bahnhof. Falls der Zug nur 100 km/h fährt, dann fliegt in jeder Sekunde genau ein Waggon an den wartenden Reisenden vorbei. In einer Sekunde legt der Zug umgerechnet 28 Meter zurück. Nach wenigen Augenblicken ist der Zug schon wieder aus dem Blick verschwunden.

Am Allerheiligentag fährt ein Partyzug mit neun Waggons aus Köln nach Norddeich-Mole. Mehr als 500 feiernde Menschen sind an Bord, es fließt reichlich Alkohol. Eine Whiskyflasche ist irgendwann geleert, und die Zugfenster lassen sich öffnen. In dieser Situation trifft ein Mann an Bord eine gravierende Fehlentscheidung, die ein zweijähriges Mädchen fast das Leben kosten wird. Er wirft die Flasche aus dem Fenster.

Vater wollte mit Tochter „Züge gucken“

Draußen ist gerade Sebastian L. mit seiner zweijährigen Tochter Emma* unterwegs. Sie wollen an diesem Freitagmorgen „Züge gucken“, so wie sie es schon oft gemacht haben. Es ist ein Spaß, die Loks und Waggons heran- und wieder wegfahren zu sehen. Diesmal weckt ein ICE, der außerplanmäßig am Bahnhof Kamen gehalten hat, die Neugier des Vaters. Von dem dunkelroten Partyzug, der heranfährt, weiß er nichts.

In dem Moment, als die Flasche aus dem Fenster fliegt, geht Sebastian L. gerade die Treppe zum Bahnsteig hoch, wie die Polizei später berichten wird. Es sind wenige Sekunden und ein unglaublicher Zufall, der das Leben der Familie L. auf einen Schlag durcheinanderbringt. Die fliegende Flasche prallt gegen ein Hindernis, dann gegen den Kopf des Mädchens auf dem Arm ihres Vaters. Ein Schockmoment, der plötzlich hereinbricht.

Die kleine Emma wird durch das Wurfgeschoss lebensgefährlich verletzt. Umstehende bekommen das Unglück mit, und Ersthelfer sind zur Stelle. Jemand wählt den Notruf. Emma wird in eine Kinderklinik gebracht. Ärzte retten das Leben der Zweijährigen in einer dreistündigen Notoperation. Sie hat einen offenen Schädelbruch erlitten.

Flaschenwurf aus Partyzug: Mutter des verletzten Mädchens dankt Helfern

Gestoppter Partyzug am 1. November im Bahnhof Greven. Die Polizei notierte die Personalien aller Reisenden. © picture alliance/dpa

Zweijährige ist wieder fidel

Knapp zwei Monate nach dem Unfall wirkt die kleine Emma wieder so fidel und redselig wie vorher. Die Zweijährige spielt mit einem Plüschtier, während ihre Mutter Claudia L.* davon erzählt, wie dankbar die Familie allen Ersthelfern und Unterstützern ist. „Wir bedanken uns bei allen Leuten für ihr Engagement. Es haben uns viele liebe Worte erreicht, die uns Kraft gegeben haben“, sagt die 39-Jährige im Namen der Familie.

„Sie ist ein starkes Kind, und es geht ihr gut.“
Die Mutter

In den Dank schließen die Eltern unter anderem die beteiligten Ersthelfer, Ärzte und Polizisten ein, aber auch die zahlreichen Spender. Die Kriminalpolizei und die Bundespolizei hatten mit großem Aufwand ermittelt. Der Partyzug musste auf der Weiterfahrt nach Norddeich-Mole einen Zwangsstopp in Greven einlegen, sodass die Beamten auf der Suche nach dem Täter die Personalien aller Reisenden notieren konnten.

Mitglieder eines Kegelclubs aus Kirchhundem im Kreis Olpe haben an Bord des Partyzugs rund 3500 Euro gesammelt. Initiator Michael H. wollte das Geld nach seinen Worten „ohne viel Brimborium“ der Familie zukommen lassen, was mithilfe des Partyzug-Veranstalters Müller Touristik aus Münster und Geschäftsführer Bernd Niemeyer geklappt hat.

Noch einmal 250 Euro kommen von den Sportschützen Heeren-Werve, die unter anderem im Rahmen des „Heerener Adventskalenders“ Geld zusammengelegt haben. Claudia L. bedankte sich vorigen Dienstag persönlich bei einem Besuch im Vereinsheim bei Geschäftsführer Günter Kunert und den Mitgliedern. Emma bekam einen Plüsch-Pandabären geschenkt.

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Das Mädchen hat die Operation nach Worten ihrer Mutter gut überstanden und konnte das Krankenhaus bereits nach einer Woche wieder verlassen. „Sie ist ein starkes Kind, und es geht ihr gut“, sagt sie. Über die lange Operationsnarbe auf dem Kopf sind dichte Haare gewachsen.

Doch für die Eltern bleibt eine Ungewissheit, weil die Ärzte gesundheitliche Folgeschäden nicht ausschließen können. „Uns ist deshalb wichtig, dass Emma in Zukunft gut abgesichert ist. Deshalb haben wir das Spendengeld auf einem Konto hinterlegt“, sagt Claudia L. Zum Schutz von Emma möchte die Familie anonym bleiben. „Sie soll nicht die traurige Berühmtheit vom Kamener Bahnhof bleiben.“

Flaschenwurf aus Partyzug: Mutter des verletzten Mädchens dankt Helfern

Diesen Pandabären haben die Sportschützen Heeren-Werve dem Mädchen geschenkt, das am Bahnhof Kamen von einer Flasche aus einem Partyzug getroffen wurde. © privat

Mutter: Keinen Hass gegen den Flaschenwerfer

„Ich habe keinen Hass gegen den Mann.“
Mutter über den Flaschenwerfer

Die Eltern bangten am Krankenbett um ihre Tochter, während der bis dahin noch unerkannte Flaschenwerfer ein Partywochenende in Norderney verbrachte. Erst zwei Tage nach dem Vorfall, auf der Rückfahrt des Partyzugs am 3. November, gab sich der Übeltäter zu erkennen. Zunächst redete sich der 31-Jährige, der in Moers wohnt, heraus. Die Flasche sei ihm beim Hantieren mit Gepäck unbeabsichtigt aus dem Fenster gefallen.

Diese Version nahm er am Tag darauf bei der Polizei zurück und gab zu, die Flasche absichtlich geworfen zu haben. Die Ermittlungen der Polizei wegen fahrlässiger Körperverletzung stehen nach Angaben der Staatsanwaltschaft Dortmund inzwischen vor dem Abschluss.

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Einen persönlichen Kontakt zwischen der Familie und dem 31-Jährigen hat es bislang nicht gegeben, und die Familie lässt offen, ob sie dies zulassen möchte. „Ich habe keinen Hass gegen den Mann“, sagt Claudia L. „Er hat Scheiße gebaut und muss dafür gerade stehen.“ Anwälte sind eingeschaltet.

Für die kleine Emma bleibt die Eisenbahn weiterhin eine Attraktion, genauso wie Traktoren und Flugzeuge. „Sie geht immer noch gerne zum Bahnhof“, sagt ihre Mutter. „Angst vor Zügen hat sie nicht.“

*Namen der Eltern und des Kindes geändert
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