Wem gebe ich zuerst die Hand? Wie verhalte ich mich am Telefon? Viele Azubis haben offenbar Schwierigkeiten, auf diese Fragen die richtigen Antworten zu finden. Ein Kniggekurs soll es richten.

Kamen

, 28.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Irgendwann hatten es die Chefs bei Vahle satt. Auszubildende stürmten in Büros von telefonierenden Vorgesetzten, boten Kollegen keine Hilfe an und waren nur auf den pünktlichen Feierabend fixiert, waren in Situationen überfordert, bei denen sowohl der Chef als auch externe Gäste begrüßt werden mussten. Die Konsequenz: ein Kniggekurs speziell für Azubis.

Erst hatte der Kamener Hersteller von Energie- und Datenübertragungssystemen diesen Kurs bei einem externen Anbieter in Auftrag gegeben, nun führt er ihn selbst aus, wie Tino Behrendt, Teamleiter im Bereich Versand und Verantwortlicher für den Kniggekurs, erzählt. „Wir vermitteln dabei Werte, wir Grüßen uns hier zum Beispiel mit Handschlag“, sagt Behrendt.

In dem etwa vierstündigen Kurs, den die Azubis nach Ausbildungsstart durchlaufen müssen, geht es um Fragen wie „Was ziehe ich an, wenn ich Kundenkontakt habe?“, „Welche Hierarchie muss ich bei Begrüßungen einhalten?“ oder „Wie lange dauert ein erster Eindruck?“

„Eigentlich bin ich höflich“

„Sieben Sekunden!“, antwortet Jennifer Hufer auf die letzte Frage. Die 19-Jährige hat ihre Ausbildung zur Industriekauffrau bei Vahle im August begonnen und den Kurs bereits absolviert. „Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich ein sehr höflicher Mensch bin“, sagt Hufer, „ich habe dann aber dennoch viel gelernt.“ Gerade eine Übung zu Abständen, die man bei fremden Menschen einhalten sollte, sei ihr im Kopf geblieben. Viele Leute fühlen sich unwohl, wenn ihnen fremde Menschen zu sehr auf die Pelle rücken. Klar sei so etwas den meisten, doch es sei dennoch gut, sich solche Dinge mit Übungen noch einmal bewusst zu machen.

Das findet auch Lars Rasel, der seine Ausbildung zum Fertigungsmechaniker ebenfalls im August gestartet hat. „Ich wusste erst gar nicht, was Knigge bedeutet“, sagt der 17-Jährige, dem gute Manieren sehr wichtig sind. Auch er dachte, dass er den Kurs eigentlich nicht mehr braucht, „doch dann war ich doch positiv überrascht“, erzählt Rasel. Er hat zum Beispiel gelernt, dass man sich bei der Annahme von Telefonaten immer den Namen und die Nummer des Anrufenden notieren sollte.

Nicht einfach wegducken

„Wir orientieren uns immer an Beispielen aus dem richtigen Leben“, sagt Behrendt. Auch wenn es natürlich wichtig sei, zu wissen, wie man sich im Beisein des Chefs oder eines Kunden zu verhalten hat, stehe auch der Umgang mit den eigenen Kollegen im Vordergrund. „Ich sage immer: Man soll mitdenken und sich einbringen“, so Behrendt.

Wenn man zum Beispiel mit seiner Arbeit fertig ist, gilt es als höflich, den Kollegen seine Hilfe anzubieten, anstatt an der Stechuhr dem Feierabend aufzulauern. Auch der Umgang mit Fehlern will gelernt sein: „Mir ist es viel lieber, wenn die Leute offen zu ihren Fehlern stehen und das auch mitteilen.“ Wenn Leute sich einfach wegducken und hoffen, dass niemand etwas merkt, sei der Schaden oftmals viel größer.

„Heute sind viele ja Schlüsselkinder“, sinniert Behrendt über die Gründe der mutmaßlich schwindenden Manieren der heutigen Jugendlichen, „die Eltern müssen arbeiten, die Kinder machen sich ‘ne Pizza im Ofen fertigt, setzen sich an den Computer.“

Den Eindruck, dass die Manieren heute abnehmen, teilen auch Hufer und Rasel. „Der Blick auf andere Menschen fehlt einfach“, sagt Hufer. Rasel erinnert sich etwa an freche Fünftklässler an der Gesamtschule. „Da halte ich mir die Hände an den Kopf. Die rempeln und verhalten sich nach dem Motto: ‚Ich mache, was mir gefällt‘.“ Die beiden jungen Azubis halten den Kurs deshalb für eine gute Einrichtung. „Für mich sind Manieren sehr wichtig, ich möchte mich ja immerhin auch selbst gut präsentieren können“, sagt Hufer.

„Der Respekt ist weiterhin da, er wird nur anders ausgedrückt“

Dass die Manieren bei Auszubildenden von Jahr zu Jahr schlechter werden, kann Petra Fallenberg, Ausbildungsleiterin bei der Kamener Stadtverwaltung, nicht bestätigten. „Erziehung bringen die Auszubildenden eigentlich alle mit, manche aber mehr und manche eher weniger“, sagt Fallenberg. Doch auch sie weiß zu berichten, dass sich Auszubildende über die Jahrzehnte verändert haben.

Feinschliff für Auszubildende bei hauseigenem Kniggekurs

Flachere Hierarchien als früher gibt es bei Ausbildungsleiterin Petra Fallenberg. Ihre Azubis Jan Striewski (l.) und Lars Klasing dürfen bei ihr auch Kritik äußern. © Stefan Milk

„Früher hat man zum Beispiel nicht sofort das Wort ergriffen, man war eher zurückhaltender“, sagt die Ausbildungsleiterin. Das liege etwa an Veränderungen in der Gesellschaft, Hierarchien und das Verhalten gegenüber Respektspersonen habe sich stark geändert. Die Hierarchien seien flacher, die Atmosphäre sei lockerer geworden, Meinung und Kritik werden eher zugelassen, als es noch vor einigen Jahrzehnten der Fall gewesen sei. „Der Respekt ist weiterhin da, er wird nur anders ausgedrückt“, meint Fallenberg.

Eine weitere Veränderung hat sie bei dem Bildungsgrad der Bewerber beobachtet. Heute finde sich das Abitur in viel mehr Lebensläufen als früher, obwohl das für die ausgeschriebenen Ausbildungsstellen gar nicht immer nötig sei. „Ich glaube das liegt auch daran, wie die anderen Schulformen in der Gesellschaft wahrgenommen werden“, meint Fallenberg. Früher habe etwa der Realschulabschluss in den Augen der Gesellschaft noch einen Wert gehabt, heute versuchen aber viel mehr junge Menschen, das Abitur zu erreichen. Ermuntern möchte sie deshalb gerade Menschen mit Haupt- und Realschulabschlüssen. Wenn eine Ausbildungsstelle ein Abitur nicht zwingend erfordert, seien die Chancen für diese Menschen nicht zwangsläufig schlechter.

  • Tipps für Auszubildende vom Kniggekurs-Leiter Tino Behrendt:
  • Verantwortung und Eigeninitiative an den Tag legen,
  • sich dem Anlass entsprechend vernünftig kleiden,
  • Bitte und Danke nicht vergessen,
  • Augenkontakt bei Gesprächen halten,
  • auf einen festen, aber nicht zu starken Händedruck bei Begrüßungen achten,
  • Menschen generell mit Respekt und Wertschätzung behandeln,
  • auf die Kollegen achten und Hilfe anbieten.
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