Der Bürgersteig war bloß eine Schotterpiste: Jutta Frank macht die Stadt Kamen für eine Stolperfalle auf der Baustelle für den neuen Heerener Ortskern verantwortlich – und bekommt eine Ablehnung. Sie hätte besser aufpassen müssen.

Kamen, Heeren-Werve

, 12.12.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Links- oder rechtsherum? Das Baustellen-Labyrinth im Ortskern von Heeren-Werve kann sich plötzlich ändern. Passanten gehen nicht über ordentliche Bürgersteige, sondern über grobe Schotterflächen und durch Gassen aus rot-weißen Absperrbalken. Wo es bislang bei Beschwerden über unwegsames Gelände blieb, ist nun der Fall einer verunglückten Fußgängerin bekannt geworden.

Fehltritte auf der Baustelle für die Neue Mitte

Jutta Frank aus Bergkamen wurde das raue Terrain auf einem provisorischen Gehweg zum Verhängnis. Die 65-Jährige strauchelte auf den Schottersteinen vor einer Arztpraxis und schlug kopfüber hin. Bei dem Sturz zog sie sich blutende und schmerzhafte Verletzungen zu, und ihre Jacke wurde unbrauchbar. „Ich bin nach drei Schritten böse gestürzt“, sagt sie. Facharzt Ulrich Buschmann aus Bergkamen diagnostiziert drei Tage später: Oberschenkel, Ellenbogen und Schulter links geprellt, dazu Hautabschürfungen und blaue Flecken. „Ich habe vier Tage lang flachgelegen“, sagt das Unfallopfer.

Was die Frührentnerin wütend macht, ist die Reaktion der Stadt Kamen auf eine Schadensanzeige. Nachdem Frank die Stadtverwaltung für den Schaden mitverantwortlich machte, weil die Baustelle nicht ordentlich gesichert sei, hat sie nun ein ablehnendes Schreiben der GVV-Kommunalversicherung aus Köln erhalten. „Das ist eine Frechheit“, sagt sie. „An der Stelle hätten doch Bretter liegen müssen, damit die Fußgänger dort sicher hergehen können.“

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Fehltritt auf der Baustelle für die Neue Mitte: Verletzte Fußgängerin geht leer aus

So sah die Unfallstelle Anfang November aus – in Höhe der Arztpraxis Dr. Jansen & Dr. Zimmer an der Märkischen Straße 6. Inzwischen ist der Bereich neu gepflastert. © privat

Es ist Montag, 4. November, gegen 17.15 Uhr. Jutta Frank kommt vom Arzt, als sie kurz nach dem Verlassen des Geschäftshauses an der Märkischen Straße 6 über eine Unebenheit auf der Schotterpiste stolpert. Bevor sie auf den Boden schlägt, fängt sie sich noch reflexartig ab. „Es hat mir auf dem Schotter den Fuß weggezogen“, sagt sie. Das liege eindeutig an dem mangelhaften Belag. Denn trotz einer Knieprothese sei sie prinzipiell gut zu Fuß.

An dem Belag ist nichts auszusetzen, findet hingegen die GVV-Kommunalversicherung: „Zwar handelt es sich um eine Baustelleneinrichtung mit einem groben Schotterbelag“, schreibt sie Frank einen Monat nach dem Unfall. „Dieser Belag ist jedoch völlig üblich und begründet an sich noch keine Verletzung einer Verkehrssicherungspflicht.“

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Die Neue Mitte in Heeren-Werve

Auf der Baustelle für die sogenannte Neue Mitte an der Märkischen Straße in Heeren-Werve schreiten die Bauarbeiten voran. Während an einigen Stellen schon das neue Pflaster liegt, sind andere noch geschottert.
12.12.2019
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Baustelle für die Neue Mitte Heeren-Werve: Der Platz an der Märkischen Straße. Hier ist schon das neue Pflaster zu erkennen.© Borys Sarad
Baustelle für die Neue Mitte Heeren-Werve: Der Platz an der Märkischen Straße. © Borys Sarad
Baustelle für die Neue Mitte Heeren-Werve: Der Platz an der Märkischen Straße.© Borys Sarad
Baustelle für die Neue Mitte Heeren-Werve: Der Platz an der Märkischen Straße.© Borys Sarad
Baustelle für die Neue Mitte Heeren-Werve: Neu gepflasterter Bereich vor der Bäckerei Brand.© Borys Sarad

Eine Verkäuferin der Bäckerei Brand bekommt den Sturz mit. Sie sagt später, dass die Passantin nicht das erste Opfer der Schotterpiste sei. Frank rappelt sich hoch, ordnet ihre Kleidung, als ihr Mann Heiko Klein-Frank erscheint, der nach dem Arztbesuch auf sie gewartet hat. Seine unter Schock stehende Frau weint. Die Eheleute beschließen trotzdem, einen geplanten Besuch bei „Premium Optics“ an der Mittelstraße nicht ausfallen zu lassen. „Sie kam blutend rein, sah ganz aufgelöst aus und hat was zu trinken bekommen “, sagt Optikermeister Thorsten Vieweg. Er hört wegen der Baustelle derzeit viele Klagen der Kunden über Umwege und dass die Geschäfte unter der Baustelle litten. „Aber anders geht es nicht“, sagt er. Vor seinem Geschäft sei vor rund zehn Jahren umgebaut worden, dort hätten Bretter gelegen.

Fehltritt auf der Baustelle für die Neue Mitte: Verletzte Fußgängerin geht leer aus

Blutbefleckte Jacke von Jutta Frank nach einem Sturz an der Märkischen Straße in Heeren-Werve. © privat

Jutta Frank hätte besser aufpassen müssen, das meint sinngemäß die GVV-Kommunalversicherung. „Fußgängern ist es in solchen Baustellenbereichen zuzumuten, über einen solchen Belag zu gehen. Ggfs. ist die Gehweise und -geschwindigkeit den gegebenen Umständen anzupassen. Mit gewissen baustellenbedingten Beeinträchtigungen hat ein Fußgänger grundsätzlich zu rechnen und hat diese zu tolerieren“, heißt es in dem Schreiben an das Unfallopfer. „Wir bitten um Verständnis, dass wir aufgrund dessen eine Regulierung nicht in Aussicht stellen können.“

Mit dem Fall konfrontiert, bat Stadtsprecher Peter Büttner am Donnerstag um Geduld. Es würden noch „detaillierte Informationen unter anderem von unserer Bauleitung sowie von der Bauleitung des ausführenden Unternehmens“ benötigt. „Auch über den Schadensfall von Frau Frank möchten wir uns zunächst ein detailliertes Bild des Vorgangs machen.“

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Schlagloch- und Stolperfallen-Opfer melden sich immer wieder bei der Stadt Kamen und fordern Schadenersatz. Seit 2016 bis September 2019 wurden nach eigenen Angaben insgesamt 26 Schadenfälle aus dem gesamten Stadtgebiet im Rathaus gemeldet. Meist werden die Ansprüche abgelehnt. Zuletzt war der Fall einer Autofahrerin bekannt geworden, die 3000 Euro für ein Reifenkiller-Schlagloch auf dem Nordring forderte.

Sturzopfer Jutta Frank hofft, dass die Stadt sich noch kulant zeigt und ihr bei der beschädigten Jacke entgegenkommt. Für die Versicherer ist der Fall hingegen schon klar. „Nach eingehender Prüfung der Sach- und Rechtslage gehen wir vorliegend nicht von einer Haftungsverpflichtung unseren Mitglieds aus.“

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