Die Familienbande Kamen ist landesweit ein Vorzeigeprojekt. Die Initiative denkt nun aber über die Flucht aus Kamen nach. Grund: Das Siegel „Familienzentrum“ bleibt ihr weiter verwehrt.

Kamen

, 27.02.2020, 12:38 Uhr / Lesedauer: 3 min

Verdruss bei der Familienbande Kamen: Das soziale Vorzeigeprojekt, das mit mehreren Landespreisen dekoriert ist, denkt über den Wegzug aus Kamen nach. Grund: Bei der neuen Runde zum Ausbau von Familienzentren geht die Einrichtung an der Bahnhofstraße leer aus.

„Das ist für uns eine Katastrophe. Egal, wo wir hinkommen, werden wir für unsere Arbeit als Familienzentrum gelobt, weil wir diese Arbeit seit Jahren leisten. Doch dann müssen wir leider sagen: Wir sind gar kein Familienzentrum“, kritisiert Vorsitzende Tanja Brückel, die sich von der Stadtverwaltung geschnitten fühlt.

Politische Gründe schließt Brückel, die als parteilose Kandidatin im Bürgermeisterwahlkampf gegen die jetzige Bürgermeisterin Elke Kappen angetreten war, nicht aus.

Familienbande bietet zahlreiche Angebote rund um die Familie

Die Familienbande bietet in ihrem Mehrgenerationenhaus und Mütterzentrum zahlreiche Angebote rund um die Familie an. Eine zusätzliche Finanzspritze über jährlich 20.000 Euro, die das Siegel „Familienzentrum“ mit sich bringt, würde die Arbeit, so Brückel, an der Bahnhofstraße nachhaltig stärken. „Unsere Kräfte leisten monatlich 100 Stunden im Ehrenamt – mit einem jährlichen Gegenwert von 18.000 Euro“, hat sie errechnet. „Doch Leute, die hier für nichts arbeiten, kann man so auf Dauer leider nicht halten.“

Für den Festakt zur Verleihung des Karl-Kübel-Preises für herausragende Projekte zur frühkindlichen Bildung drehte im Jahr 2014 ein Berliner Filmteam im Auftrag der gleichnamigen Stiftung in Kamen. Die Familienbande wurde kurze Zeit später  in der Frankfurter Paulskirche für ihre Arbeit ausgezeichnet.

Für den Festakt zur Verleihung des Karl-Kübel-Preises für herausragende Projekte zur frühkindlichen Bildung drehte im Jahr 2014 ein Berliner Filmteam im Auftrag der gleichnamigen Stiftung in Kamen. Die Familienbande wurde kurze Zeit später in der Frankfurter Paulskirche für ihre Arbeit ausgezeichnet. © Roman Grzelak

Zuschlag wohl für „Gänseblümchen“ und „Brausepulver“

Den Zuschlag zum Ausbau als Familienzentrum sollen die Awo-Kitas „Brausepuler“ und „Gänseblümchen“ erhalten, die im neuen Haus an der Wasserkurler Straße künftig Betreuung im Verbund anbieten. Die Entscheidung soll am Dienstag, 3. März, im Jugendhilfeausschuss (Beginn 18 Uhr, Sitzungssaal II, Rathaus) gefällt werden.

Für Jugendamtsleiter Johannes Gibbels, der den Beschlussvorschlag der Stadt als Empfehlung für die Ausschussmitglieder vorbereitet hat, wäre der Zuschlag für Methler nur logisch: „Wir sind ergebnisoffen in die Auswahl gegangen. Dass wir die Familienbande bewusst geschnitten haben, davon kann überhaupt keine Rede sein.“

Ein wichtiges Entscheidungskriterium sei gewesen, dass es in Kamen bereits fünf Familienzentren gibt – in Methler gibt es mit dem Kifaz der Ev. Gemeinde Methler bisher lediglich ein Familienzentrum.

Seit 2006 gibt es das Modell des Familienzentrums

Seit 2006 gibt es das Modell des Familienzentrums in NRW. In dem Jahr hatte die Awo-Kindertagesstätte „Atlantis“ den Zuschlag für das Pilotprojekt des Landes erhalten, eines von landesweit 178 Familienzentren zu werden, was 2007 geschah. In den Jahren darauf folgten die DRK-Kita Monopoli (2008), der Ev. Kindergarten „Kifaz“ Methler (2008), die Awo-Villa „Lach und Krach“ (2009), der Ev. Kindergarten Kämerstraße (2011), der Kath. Kindergarten am Bollwerk (2013) und der Awo-Kindergarten „Flohkiste“ (2017).

Seitdem steht dort auf der Tagesordnung: Mehr Sprachförderung, mehr Ausbildung der Erzieherinnen, ein vernetztes Beratungsangebot und eine bessere Vermittlung für die Tagespflege.

Die Kita Familienbande, umweltbewusst: Wenn die Solaranlage arbeitet, dann rollen die roten Kugeln durch die besondere Anzeige. Im Januar wurde die Solaranlage um dieses Detail erweitert.

Die Kita Familienbande, umweltbewusst: Wenn die Solaranlage arbeitet, dann rollen die roten Kugeln durch die besondere Anzeige. Im Januar wurde die Solaranlage um dieses Detail erweitert. © Marcel Drawe

Hausaufgabenbetreuung, Trauerbegleitung und Stricktreff

In den ersten Jahren des neuen Kindergarten-Zeitalters war es der Familienbande noch nicht möglich, Familienzentrum zu werden, weil es dort noch keinen Kindergarten gab. Den gibt es erst seit 2012.

Der zurzeit zweizügige Kindergarten, der im neuen Kindergartenjahr ab August dreizügig wird, hat sich erstmals 2015 für den Ausbau zum Familienzentrum bemüht, wie Brückel sagt. „Damals gab es keine Kontingente von der Landesregierung. Man signalisierte uns aber, dass wir bei der nächsten Runde dabei sind“, so Brückel.

Daraus wurde nichts. Die Enttäuschung im Hause, so Brückel, sei riesig. „Es gibt vom Land eine Checkliste, was Familienzentren leisten müssen. Von den 94 Kriterien erfüllen wir bereits jetzt schon 92“, sagt sie. Egal ob Hausaufgabenbetreuung, Trauerbegleitung oder Stricktreff. „Die Vielfalt hier ist groß. Das ist doch die Idee von Familienzentren.“

Das Café der Familienbande soll das Herzstück des Hauses bilden. „Es ist der offene Treff, der Möglichkeit bietet Kontakte zu knüpfen, Informationen auszutauschen, sich über aktuelle Angebote des Vereins oder anderer Anbieter aus Kamen und Umgebung zu informieren“, so die Familienbande über ihr Angebot.

Das Café der Familienbande soll das Herzstück des Hauses bilden. „Es ist der offene Treff, der Möglichkeit bietet Kontakte zu knüpfen, Informationen auszutauschen, sich über aktuelle Angebote des Vereins oder anderer Anbieter aus Kamen und Umgebung zu informieren“, so die Familienbande über ihr Angebot. © Stefan Milk

Familienbande könnte bei der nächsten Runde dabei sein

Johannes Gibbels kann die Enttäuschung der Familienbande zwar verstehen. Doch die Entscheidung, so sagt er, sei aufgrund klarer Kriterien und Bedarfe gefallen. „Wir haben in Kamen-Mitte fünf Familienzentren, die man fußläufig erreichen kann“, verweist er auf die Angebote in der Nachbarschaft. „Da hat sich das Pendel Richtung Methler verschoben.“

Er schließt nicht aus, dass die Familienbande bei der nächsten Runde berücksichtigt wird. „Es wird neue Runden geben“, sagt er. Auch die sonstige Zusammenarbeit sei gut, eng und verknüpft. Dabei verweist er auf den bevorstehenden Ausbau der Kita auf drei Gruppen.

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Umzug nach Unna, Dortmund oder Hamm denkbar

Die Familienbande hat überregional Bekanntheitsgrad errungen. 2012 erhielt sie sozusagen den Oscar für Familienbildungsarbeit mit dem Gewinn des Karl-Kübel-Preises. 2015 folgte ein zweiter wichtiger Preis: Der Inklusionspreis NRW. Mit dem Engagementpreis des Landes Nordrhein-Westfalen landete die Familienbande 2016 den nächsten „Big Point“.

Die vorbildliche Arbeit könnte in Kamen nun ihr Ende finden. Brückel fragt in aller Deutlichkeit: „Warum nicht Unna, Hamm oder Dortmund? In anderen Städten wird derlei Arbeit geschätzt und gefördert. Wenn uns woanders jemand ein Gebäude anbietet: Warum nicht?“

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