Die frühere Kamener Vizebürgermeisterin Bettina Werning hat ihr Schweigen gebrochen und einen Hunderttausende Euro schweren Betrug gestanden. Im Strafprozess richtete sie auch Worte an ihre Familie und bat um eine milde Strafe.

Kamen, Dortmund

, 03.12.2019, 13:04 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mit einem Geständnis ist in Dortmund der Untreueprozess gegen die frühere Kamener Vizebürgermeisterin Bettina Werning fortgesetzt worden. Ihrer Familie gab die Angeklagte ein feierliches Versprechen.

Zweieinhalb Jahre hatte sich Bettina Werning auf diesen Tag vorbereitet. Den Tag, an dem sie in aller Öffentlichkeit zugeben musste, versagt zu haben. „Es hat keinen Tag gegeben, an dem ich nicht an die Sache gedacht habe“, sagte die Angeklagte vor dem Dortmunder Landgericht. „Ich spüre die Auswirkungen meines Handelns immer. Aber das nehme ich hin als Teil meiner Strafe.“

Als Buchhalterin Geld in die eigene Tasche umgeleitet

„Ich kann nicht glauben, dass ich das getan habe.“
Die Angeklagte

Bettina Werning hat an ihrem Arbeitsplatz in der Lohnbuchhaltung eines Kamener Elektrofachhandels jahrelang in die eigene Tasche gewirtschaftet. Mehr als 700.000 Euro flossen seit 2007 zu Unrecht auf ihr eigenes Konto. Der angeklagte, weil noch nicht verjährte Schaden beläuft sich immer noch auf rund 470.000 Euro

Wenn die 58-jährige auf diese Zeit zurückblickt, glaubt sie manchmal, eine andere Person zu sehen. „Ich kann nicht glauben, dass ich das getan habe“, sagte sie den Richtern am Dienstag unter Tränen. „Es kommt mir vor, als wäre es jemand anderes gewesen, aber ich weiß ja, dass ich es war.“

Griff in die Firmenkasse fiel nicht auf

Alles begann im Jahr 2007. Bettina Werning lebte damals allein mit ihren beiden Töchtern. Viel Geld hatte sie nicht zur Verfügung. Doch mit dem Unterhalt ihres Ex-Mannes und dem Kindergeld ging es irgendwie jeden Monat doch weiter. Und dann kam der Moment, an dem sie in der Firma merkte, dass einem Mitarbeiter durch ein Versehen statt 1500 Euro Weihnachtsgeld 15.000 Euro ausgezahlt worden waren. Niemand habe etwas bemerkt, so Werning. Der Fehler sei erst aufgefallen, als sich der ehrliche Angestellte von selbst gemeldet habe.

In der Buchhalterin reifte da ein Verdacht. Sollte es möglich sein, klammheimlich das eigene Gehalt aufzubessern, ohne dass dieser Griff in die Firmenkasse auffallen würde? Sie startete einen ersten Versuch, schlug ihrem Nettogehalt von rund 750 Euro mal eben über 4000 Euro zusätzlich obendrauf, ging mit der Sammelüberweisung für alle monatlichen Löhne zum Chef – und sah zu, wie dieser alles ohne Prüfung abzeichnete.

Jetzt lesen

Angeklagte: „Es wurde am Ende fast zu einer Sucht“

„Am Ende wurde es deshalb fast zu einer Sucht, weil es mir so einfach gemacht wurde.“
Die Angeklagte

Von einem Tag auf den anderen hatte die alleinerziehende Mutter plötzlich Geld. Sie konnte sich und ihren Töchtern endlich mal wieder etwas leisten. Deshalb schlug sie im nächsten Monat wieder zu. Und wieder und wieder und wieder. Jedes Mal, wenn sie eine betrügerische Überweisung durchbekommen hatte, setzte sie sich an ihren Computer, brachte die Dateien wieder in Ordnung, druckte das vermeintlich korrekte Formular aus und heftete es ordnungsgemäß ab. Wer auf die Untreuehandlungen aufmerksam werden wollte, hätte sich schon die Mühe machen müssen, ganz tief ins System einzudringen. Und das tat lange Zeit niemand. „Am Ende wurde es deshalb fast zu einer Sucht, weil es mir so einfach gemacht wurde“, sagte sie am Dienstag.

Keine Luxusartikel angeschafft

Bettina Werning ist eines wichtig: Luxusartikel, Immobilien oder Autos will sie niemals angeschafft haben. „Das Geld war immer einfach so weg. Es ist mir wie Sand durch die Hände geronnen“, sagte die 58-Jährige. Natürlich will sie zwischenzeitlich immer mal wieder daran gedacht haben, das Geld zurückzahlen zu müssen. Irgendwann habe sie sogar angefangen, Lotto zu spielen, um mit einem Großgewinn alles wieder gutzumachen. Doch natürlich gelang das nicht.

Und so steht die ehemalige Vizebürgermeisterin heute vor den Trümmern ihres Lebens – privat, beruflich und gesellschaftlich. Nach Auffliegen des Betrugs hatte sie den Rücktritt von allen politischen und kirchlichen Ehrenämtern erklärt.

Jetzt lesen

„Ich werde euch niemals wieder so enttäuschen“

„Ich werde euch niemals wieder so enttäuschen.“
Die Angeklagte

Weinend bat sie vor Gericht alle Betroffenen um Vergebung. Ihrer Familie versprach sie dabei: „Ich werde euch niemals wieder so enttäuschen.“ Denn das sei ohnehin das Schlimmste an dem Skandal: Dass sie ihn nicht alleine ausbaden könne, sondern andere mit hineingezogen habe. Auch ihre früheren Chefs bat Werning um Verzeihung. „Für den gewaltigen Schaden, den ich sicher nie wieder gutmachen kann. Und für das missbrauchte Vertrauen.“

Die Richter haben der Angeklagten signalisiert, dass am Ende des Prozesses durchaus noch eine Bewährungsstrafe stehen könnte. Diesen Faden griff Bettina Werning am Dienstag auf. „Ich bitte um eine milde Strafe“, sagte sie. „Ich möchte mich bewähren, ich möchte zeigen, dass ich es besser machen kann.“

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Kriminalität
Untreue-Prozess gegen Ex-Vizebürgermeisterin: Ein Fünftel des Schadens wiedergutgemacht
Hellweger Anzeiger Gericht
Über Fuß gerollt: Junger Mann ohne Führerschein und mit falschem Nummernschild erwischt
Hellweger Anzeiger Datenschutz
Peinliche Datenpanne am Amtsgericht Kamen: Persönliche Daten ungeschwärzt verschickt
Meistgelesen