Diese Woche wird der erste konkrete Architekten-Entwurf für einen Bäder-Neubau in Kamen präsentiert. Die Vorgeschichte begann vor vier Jahren mit einem mahnenden Appell des Bad-Betreibers.

Kamen

, 04.11.2018, 19:14 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es begann mit einer gewaltig klingenden Zahl, die der Chef der Gemeinschaftsstadtwerke Kamen-Bönen-Bergkamen in den Raum stellte: Jochen Baudrexl präsentierte im November 2014 das Ergebnis eines technischen Gutachtens der Beratungsfirma Constrata: 28 Millionen Euro würde es demnach kosten, den Sanierungsstau in sechs Frei- und Hallenbädern in Kamen und in Bergkamen sowie in der Eishalle in Bergkamen zu beheben und so den langfristigen Weiterbetrieb der Freizeiteinrichtungen zu sichern. Die Botschaft des obersten Badbetreibers: Die GSW können sich die Verluste in ihrer Freizeitsparte in Höhe von bis zu sieben Millionen Euro jährlich auf Dauer nicht mehr leisten, ohne ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu gefährden.

Warnruf mit Konsequenzen

Der eindringliche Warnruf führte in der Konsequenz dazu, dass Bürgermeister, Ratspolitiker und Wassersportler in Kamen und Bergkamen in eine Diskussion über den Neubau von Bädern einstiegen. Dennoch dürfte der GSW-Chef heute über den Bäderkurs der drei Eignerkommunen nur unwesentlich schlauer geworden sein als vor vier Jahren. Denn die „klaren Vorgaben, in welche Richtung es gehen soll“, die er damals von den Eigentümern des kommunalen Unternehmens einforderte, sind bislang allenfalls unscharf zu erkennen. Einen Beschluss, der sich unmittelbar positiv auf das Bäderdefizit auswirkt, gibt es bis heute nicht.

Klar ist, was nicht kommt

Klar ist immerhin, was es nicht geben wird: ein interkommunales Zentralbad für Kamen und Bergkamen, von Bergkamens Bürgermeister Roland Schäfer (SPD) am Standort des heutigen Wellenbads in Bergkamen befürwortet, aber von seinem damaligen Amtskollegen Hermann Hupe (SPD) abgelehnt. Die Zentralbad-Idee – eine konsequente Weiterentwicklung des interkommunalen GSW-Gründungsgedankens – wäre laut einem Gutachten der Unternehmensberatung Altenburg aus dem Jahr 2015 bedarfsdeckend machbar. Der Kostenpunkt: rund 21 Millionen Euro. Das Zentralbad stieß auf Widerspruch von Wassersportvereinen und Schulen, die es unpraktikabel finden, wenn sich verschiedene Gruppen eine Wasserflächen teilen müssen. Das Riesenprojekt wurde von der SPD in Kamen und Bergkamen gar nicht erst auf die Tagesordnung der Stadträte gesetzt. Zuletzt tauchte die Zentralbad-Idee noch einmal im Kamener Bürgermeister-Wahlkampf 2018 auf – ohne erkennbare Chance auf eine Realisierung.

Kamen weiter als Bergkamen

Die Kamener sind indessen der Antwort, was statt eines Zentralbads kommt, näher als die Bergkamener. Der Kamener Stadtrat erwartet am Dienstag, 6. November, in einer gemeinsamen Sondersitzung des Haupt- und des Schul-/Sportausschusses die Vorlage eines ersten Architekten-Entwurfs für den Neubau eines Ganzjahresbads auf dem Gelände des heutigen Freibads Kamen. Auf Beschluss des Stadtrats im Sommer 2017 hatten die GSW im Frühjahr 2018 das Architekturbüro Geising & Böker aus Vechta mit der Entwurfsplanung beauftragt. Fast ein Jahr lang beugten sich dieselben Architekten, die auch das Solebad Werne entworfen hatten, über die Blaupausen und arbeiteten Kamener Vorgaben ein. An diesem Montag nun soll das Ergebnis zunächst nichtöffentlich im GSW-Aufsichtsrat präsentiert werden, bevor es Dienstag öffentlich wird.

Während in Kamen schon ein Architekt geliefert hat, konnte die GSW für das eigenständige Bergkamener Projekt noch keinen Architekten beauftragen. In der Nachbarstadt dauern die Diskussionen über ein Bad- und Betreibermodell – unter Umständen auch ohne die GSW – noch an. Es geht in Bergkamen in Richtung eines Freizeitbads mit größerer Anziehungskraft, während in Kamen ein mögliches „Sesekebad“ vor allem das Schul- und Vereinsschwimmen großzügig bedienen soll.

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Kamen auf dem Weg zu einem neuen Schwimmbad

Drei Gutachten haben sich schon mit der Zukunft der Bäderlandschaft in Kamen befasst. Hier ein Überblick über die wichtigsten Stationen der Neubau-Planung.
04.11.2018
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4. November 2014: GSW-Jochen Baudrexl präsentiert ernüchternde Zahlen: Die grundhafte Sanierung aller Bäder in Kamen und Bergkamen sowie der Eishalle Bergkamen würde 28 Millionen Euro kosten. Wie soll es weitergehen?© Borys Sarad
2. September 2015: Gutachter Dietmar Altenburg legt ein modulares Bäderkonzept für Kamen und Bergkamen vor. Es enthält vier „Handlungsalternativen“ für Kamen und drei für Bergkamen sowie ein Zentralbadkonzept. Die Kamener Alternativen sind: 1. Bestandserhalt aller Bäder, 2. Ausbau Hallenbad zum Ganzjahresstandort, 3. Neubau Hallenbad/Erhalt Freibad, 4. Neubau eines Kombibads Kamen. Altenburg warnt: Ein Kombibad für Kamen sei „massiv teurer“ als ein gemeinsames Zentralbad für Kamen und Bergkamen.© Marcel Drawe
8. März 2016: Der Hauptausschuss des Stadtrats beschließt das Ergebnis einer Standortanalyse. Die Empfehlung: Der Neubau eines Ganzjahresbads („Kombibads“) soll auf dem heutigen Gelände des Freibads Kamen erfolgen. Das Gelände des heutigen Hallenbads scheidet aus Platzgründen aus.© Carsten Fischer
8. November 2016: Gutachter Wolfgang Debus von der Beratungsfirma GMF stellt vier mögliche Varianten für ein Kombibad vor: Variante 1 ist die Basisvariante, ohne großes Schwimmerbecken im Außenbereich. Variante 2 verfügt über ein zusätzliches 50-Meter-Becken im Außenbereich. Variante 3 verfügt über ein 25-Meter-Außenbecken. Variante 4 verfügt innen statt über ein 25-Meter-Becken über ein auf Wasserballer zugeschnittenes 33,3-Meter-Becken. Favorit ist die „2“.© Marcel Drawe
22. Februar 2017: Bürger fürchten im Fall der Eröffnung eines neuen Ganzjahresbads in Kamen die Schließung von Stadtteilbädern. Bei einer Ratssitzung überreichen Mitglieder der Bürgerinitiative zur Rettung der Kleinschwimmhalle Heeren-Werve fast 3000 Protest-Unterschriften an Bürgermeister Hermann Hupe.© Stefan Milk

Unterschiedliches Tempo

Nicht nur das Tempo, in dem die Nachbarstädte vorgehen, ist unterschiedlich, sondern auch die Interessen sind nicht hundertprozentig deckungsgleich. Denn millionenschwere Neubaupläne stellen das bisher geltende Solidarprinzip der drei Stadtwerke-Partner bei der Abdeckung der Bäderverluste auf die Probe. Die Kommunen erhalten von der GSW jährlich eine Gewinnausschüttung von rund 1,5 Millionen Euro. Die Gewinne auf dem Energiemarkt werden dazu mit den Verlusten in der Freizeit- und Bädersparte verrechnet.

Solidarprinzip auf Prüfstand

Bis zu 18 Euro Zuschussbedarf entstehen pro Bad-Besucher – bei insgesamt 380.000 Besuchern jährlich. Bislang werden die Verluste der einzelnen Einrichtungen laut Paragraf 5 des GSW-Konsortialvertrags nicht den jeweiligen Kommunen zugerechnet. Das heißt: Leistet sich eine Kommune ein besonders verlustträchtiges oder kostspieliges Bad, tragen die Partner dies bislang mit. Die Neubaupläne sprengen diese Übereinkunft nun, sodass der Konsortialvertrag umgeschrieben werden muss. Das gab es noch nicht, als die GSW vor knapp zehn Jahren einen Bäder-Neubau in Bönen realisierten.

Wenn das gemeinsame Ziel lautet, die Ergebnisse der GSW-Freizeiteinrichtungen wirtschaftlich zu verbessern und dabei die Nutzergruppen größtmöglich zu berücksichtigen, geht das nicht ohne einen Spagat. Die Rechnungen der GSW legen nahe, dass der Neubau des Kamener Ganzjahresbads wirtschaftlich nur dann einen Sinn ergibt, wenn die übrigen Bäder – in Kamen das Hallenbad Kamen-Mitte, die Kleinschwimmhalle Heeren-Werve und das Hallenbad Methler – geschlossen werden.

Intensiver Bürgerprotest

Doch diese Rechnung ist ohne die Menschen gemacht, für die Stadtteilbäder ein wichtiges Stück gesellschaftlichers Leben im Ort bedeuten – für Kursteilnehmer, Vereinssportler und Kinder, die schwimmen lernen. In Heeren-Werve kämpft eine Bürgerinitiative, die Vertreter unterschiedlicher politischer Strömungen vereint, für die Rettung der Kleinschwimmhalle in der Astrid-Lindgren-Schule. Eine Schließung wie 2011 im Fall des Heerener Freibad soll verhindert werden. CDU, Linke und Grüne sind gegen die Schließung. Die SPD kann und will keinen Weiterbetrieb über 2020 zusagen, wie der damalige Fraktionschef Michael Krause 2017 auf Druck der Bürgerinitiative erklärte.

Bademantel übergestreift

Für den Protest streifen die Mitglieder auch schon mal den Bademantel über – zum Beispiel im Frühjahr 2017, als Bürgermeister Hupe am Rande einer Ratssitzung 2381 Protest-Unterschriften überreicht bekam. In dieser Ratssitzung ging es um ein Gutachten der Bäder-Beratungsfirma GMF, in dem mögliche Varianten für das Kamener Ganzjahresbad beschrieben sind. Die Investitionskosten wurden einschließlich 25-Meter Innenbecken mit sechs Bahnen und 50-Meter-Außenbecken auf rund 17,632 Millionen Euro geschätzt. Ob diese Schätzung noch zu halten ist, wird der Termin in dieser Woche zeigen.

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In der nunmehr vierjährigen Planungszeit für das neue Ganzjahresbad hat es nicht nur drei Gutachten gegeben, sondern auch manche unerwartete Wendung. Als Bürgermeister Hermann Hupe im März 2014 erklärte, dass alle vier Wasserflächen in Kamen für den Vereins- und Schulsport unverzichtbar seien und dass er dem Rat „auch in Zukunft keine Vorlage vorlegen“ werde, die eine „Schließung eines Kamener Bads beinhaltet“, galt das als gewagte Festlegung. Da ahnte noch niemand, dass sich Hupe 2018 vorzeitig aus dem Bürgermeisteramt verabschieden würde.

Seiner Nachfolgerin Elke Kappen (SPD) obliegt es nun, einen Neubau-Beschluss einzuleiten und später vielleicht Schließungen im Rat zu beantragen. „Ich werde mich im Rahmen der Planungen für eine neue Bäderlandschaft dafür einsetzen, dass die Voraussetzungen für Wassersport treibende Vereine in Kamen gut bleiben“, hatte Kappen im Wahlkampf erklärt.

Bade-Bürgermeister Hupe

Hupe ist zwar jetzt kein Bürgermeister mehr, bleibt aber inoffiziell so etwas wie der Kamener Bade-Bürgermeister. Denn sein GSW-Aufsichtsratsmandat hat der Altbürgermeister behalten – und kann so in dem Kontrollgremium weiter den Kümmerer für den Schwimmsport spielen. Die SPD soll nicht versucht haben, Hupe das Amt auszureden, was wohl auch damit zu tun hat, dass die Genossen im unberechenbaren Fahrwasser der Bäderplanung einen erfahrenen Lotsen gut gebrauchen können, der kommende Klippen gut umschifft.

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