Die alte Apotheke darf dank der Profi-Restauratoren aus Münster alt bleiben. Sie machen im ehemaligen VHS-Haus erstaunliche Entdeckungen in den unzähligen Holzschubladen der Apothekerschränke.

Kamen

, 08.01.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

In modernen Küchen darf der sogenannte Apothekerschrank, der kompakt viele Ablageflächen bietet, nicht fehlen. Im ehemaligen VHS-Haus an der Straße „Am Geist“, wo sich im Erdgeschoss die Alte Apotheke befindet, kann man sehen, wie ein richtiger Apothekerschrank aus alter Zeit aussieht.

Die massiven Holzschränke haben unzählige Schubladen, nicht viel größer als eine Zigarrenschachtel. Anke Dreyer, Restauratorin des Westfälischen Denkmalamts in Münster, inspiziert sie am Mittwoch ganz genau.

Und macht dabei eine erstaunliche Entdeckung: „Das sind Schubladen für Pigmente – damit wurden vor über hundert Jahren Farben angemischt. Damals sind die Maler dafür noch in die Apotheke gegangen“, sagt sie.

Restauratorin Anke Dreyer begutachtet das Holzfurnier der historischen Schublade. In der Alten Apotheke haben die Arbeiten zum Umbau zu einem Schmerzzentrum begonnen. Über den Zwischenstand informieren sich (v.l.) Kai Sporea, Andreas Dörlemann, Mats Gärtner, Ingelore Peppmeier, Helmut Gärtner und Michael Nosiadek.

Restauratorin Anke Dreyer begutachtet das Holzfurnier der historischen Schublade. In der Alten Apotheke haben die Arbeiten zum Umbau zu einem Schmerzzentrum begonnen. Über den Zwischenstand informieren sich (v.l.) Kai Sporea, Andreas Dörlemann, Mats Gärtner, Ingelore Peppmeier, Helmut Gärtner und Michael Nosiadek. © Stefan Milk

Allein zwei der Schränke haben 582 Schubladen

Allein zwei der Schränke haben 582 durchnummerierte Schubladen - insgesamt sind es wohl über tausend. Rot sind die Farbspuren in der Schublade mit dem Etikett „Minium“. Aufgrund seiner intensiven Farbe wurde das bleihaltige Mineral schon seit der Antike als Rotpigment verwendet – wegen seiner Giftigkeit heute allerdings nicht mehr. Auf den Schildern weiterer Farbpigmente stehen „Lithargyrum, Oxalium und das purpurne Tritic venenata. „Da ist auch ein Zinkgelb in der Ecke“, sagt Dreyer. Die Pigmente sind früher mit Öl oder Wasser, zuweilen auch mit Eigelb vermengt worden als Bindemittel.

Die historischen Schränke sollen nun schonend aufgearbeitet werden. „Sie werden vor allem gesäubert“, so Eigentümer Michael Nosiadek. „Wir werden da wenig eingreifen. Die alte Patina, die gehört einfach dazu.“

Anke Dreyer prüft mit geschultem Blick, in welchen Zustand sich der historische Schrank befindet. „Die Schränke in dem Raum stammen aus unterschiedlichen Zeiten - manche sind später dazu gestellt worden“, sagt sie.

Anke Dreyer prüft mit geschultem Blick, in welchen Zustand sich der historische Schrank befindet. „Die Schränke in dem Raum stammen aus unterschiedlichen Zeiten - manche sind später dazu gestellt worden“, sagt sie. © Stefan Milk

Löcher im Schrankholz für eine gute Luftzirkulation

Die Schränke, die teilweise seit der Erbauung im Jahr 1895 in dem denkmalgeschützten Haus stehen, sind für die Restauratorin etwas ganz Besonderes. Denn ganz so oft sieht man solche Einbauten nicht. „Diese Apotheke ist in ihrer Gesamtheit eine Seltenheit. So etwas Bewahrenswertes haben wir sonst meist nur noch in alten Kirchen und Schlössern“, sagt Dreyer.

Mit einer Taschenlampe leuchtet sie die Schubladenschächte aus, entdeckt loses Furnier und Luftlöcher, die die damaligen Schreinermeister für eine permanente Luftzirkulation eingearbeitet haben, damit das Holz nicht fault.

Mithilfe der Denkmalschützerin aus Münster wird nicht nur für die alten Möbel ein Konzept erarbeitet, wie der historische Schatz früherer Baukultur bewahrt werden kann. Bis zum kleinen Turm auf dem Dach reicht die prüfende Analyse. Vermutlich bis in die zweite Jahreshälfte wird die grundlegende Denkmalsanierung andauern.

Investor Michael Nosiadek auf dem Dachboden vor freigelegten Wände mit Ziegeln und Lehmputz. Das Haus wird in diesem Jahr denkmalgerecht saniert.

Investor Michael Nosiadek auf dem Dachboden vor freigelegten Wände mit Ziegeln und Lehmputz. Das Haus wird in diesem Jahr denkmalgerecht saniert. © Stefan Milk

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„Isomed“ zieht nach der Sanierung ins Gebäude ein

Initiiert hat die Sanierung der Investor Michael Nosiadek, der auch schon das Gebäude gegenüber, in dem die Galerie „Zeitlos“ beheimatet ist, umgebaut hat. Aus früheren Büroräumen sind dort mehrere Wohnungen entstanden.

Im vorigen Jahr hat er auch das ehemalige VHS-Haus von der Stadt erworben, um es jetzt denkmalgerecht zu modernisieren.

Dann wird der Kamener Gesundheitsdienstleister „Isomed“, der in Kamen zwei Reha-Standorte betreibt, dort einziehen und die Schmerzklinik „Alte Apotheke“ eröffnen. „Wir haben jetzt überall die Wände und Decken freigelegt, um zu gucken, wie die Bausubstanz ist“, sagt Isomed-Geschäftsführer Helmut Gärtner.

Die ist zwar gut, aber es gibt dennoch so viel Arbeit, wie es ein Haus, das 135 Jahre alt ist, erwarten lässt.

Frei gelegtes Fachwerk, an dem noch Stroh klebt, das den Lehmputz halten sollte. Im Turmzimmer unter dem Dach soll ein Verwaltungsraum für den Gesundheitsdienstleister „Isomed“ entstehen.

Frei gelegtes Fachwerk, an dem noch Stroh klebt, das den Lehmputz halten sollte. Im Turmzimmer unter dem Dach soll ein Verwaltungsraum für den Gesundheitsdienstleister „Isomed“ entstehen. © Stefan Milk

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Ein Angstbalken mitten im Holz-Mikado

Die alten Holztreppen liegen jetzt unter Malerfolie, die Wände sind von Tapeten befreit. Unter ihnen erkennt man leicht gebrannte Steinziegel, teilweise mit Lehm verputzt.

Im Dachgeschoss wird der alte Turm von einem Gewirr an Balken gestützt. „Wenn man sich damals nicht sicher war, dass es hält, hat man noch einen Balken dazu gesetzt“, deutet Nosiadek auf das Balken-Mikado. „Zu dem schrägen Balken dort, den man wohl zur Sicherheit angebracht hat, sagt man auch Angstbalken“, sagt er schmunzelnd.

Der Raum mit der aparten Turmlage soll ein Isomed-Verwaltungszimmer mit kleiner Besprechungsecke werden. Das freigelegte Fachwerk, an dem noch Stroh klebt, wird zur Hälfte erhalten.

Viel Arbeit also noch in dem historischen Haus. Nosiadek: „Wir werden hier in einer Sechs-Tage-Woche arbeiten, um das zu schaffen.“

Genaue Mobiliar-Inspektion mit der Tschenlampe. Die Luftschlitze, so Anke Dreyer, sind wichtig, um die Möbel entsprechend zu belüften.

Genaue Mobiliar-Inspektion mit der Tschenlampe. Die Luftschlitze, so Anke Dreyer, sind wichtig, um die Möbel entsprechend zu belüften. © Stefan Milk

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