Eine Corona-Schutzimpfung mit dem Wirkstoff von Biontech/Pfizer wird vorbereitet. Einige Senioren im Haus Volkermann waren bereits impfbereit, aber dann schloss das Gesundheitsamt sie wegen eines Covid-19-Ausbruchs in ihrer Wohngruppe von der Impfung aus. © dpa (Symbolbild)
Coronaschutz-Impfung

Enttäuschung im Seniorenheim: Impftermin geplatzt, weil Mitbewohner infiziert sind

Mehrere Pflegeheim-Bewohner waren zur Covid-19-Impfung angemeldet, aber das Gesundheitsamt verhinderte die Spritze, nur weil Zimmernachbarn infiziert waren. Zurück bleiben enttäuschte Angehörige.

Die Seniorin, 82, war kurz davor, gegen Covid-19 geimpft zu werden. Aber obwohl die demenzkranke Frau in einem Pflegeheim wohnt und damit eine Voraussetzung für die Impfung erfüllt, wurde ihr die Spritze vorenthalten.

Ulrike Mattern, 55, ist die Tochter der alten Dame, die im Haus Volkermann in Kamen untergebracht ist und beim Impftermin in der vorigen Woche ausgelassen wurde. Sie betont, dass ihre Mutter in der Einrichtung der Unnaer Spies-Gruppe „hervorragend“ betreut wird. Was sie wundert: Nicht nur ihre Mutter, sondern auch einige andere Bewohner hätten keine Schutzimpfung bekommen. Dies hänge wohl damit zusammen, dass es im Haus Volkermann einen Covid-19-Ausbruch gebe. Allerdings sei ihre Mutter gar nicht mit dem Virus infiziert, sodass sie sich frage, unter welchen Bedingungen denn Impfungen ausfallen und wie nun verfahren werde, damit die Impfung nachgeholt werden kann. „Mir ist daran gelegen, dass meine Mutter schnell einen Schutz bekommt“, sagt sie.

Bekannt ist, dass Menschen keine Spritze bekommen, wenn medizinische Gründe gegen eine Impfung sprechen. Dazu zählt auch eine aktive Corona-Infektion. Aber welche Vorgehensweise gilt für die Impfärztinnen und -ärzte des Heimes, wenn im Haus oder in einer Wohngruppe oder beim Zimmernachbarn Corona-Infektionen auftreten?

Aus Sicht des Robert-Koch-Instituts „liegen derzeit keine Gründe vor, die Impfung nicht auch in Senioren- und Altenpflegeheimen anzubieten, in denen zeitgleich einzelne Covid-19-Fälle auftreten bzw. vor Kurzem aufgetreten sind“. Die Infektionsschutzbehörde nennt auf ihrer Internetseite sogar gute Gründe, dann erst recht zu impfen.

„Aufgrund der Wirksamkeit der Impfung, die sich innerhalb von 7-14 Tagen nach 1. Dosis ausbildet, können vermutlich in solchen Einrichtungen – gerade bei protrahiert (verzögert, Anm. d. Red.) verlaufenden Covid-19-Ausbrüchen – eine relevante Anzahl an Fällen und auch an Todesfällen verhindert bzw. schwere Krankheitsverläufe abgemildert werden“, heißt es in einer Frage-Antwort-Liste zur Schutzimpfung. Die bisher verfügbaren mRNA-Impfstoffe zeigten auch bereits nach der ersten Impfstoffdosis „eine Effektivität hinsichtlich der Verhinderung von Covid-19“. Die bislang vorliegenden Daten gäben auch keinen Hinweis darauf, dass die Impfung nach bereits unbemerkt durchgemachter Sars-CoV-2-Infektion eine Gefährdung darstelle.

Warum also wurde die Mutter von Ulrike Mattern nicht geimpft? Sebastian Ahlers, Leiter des Hauses Volkermann, äußert sich nicht zu konkreten Bewohnern, bestätigt aber, dass es in einer Wohngruppe mit 30 Menschen einen Covid-19-Ausbruch gebe. Vier Beschäftigte und acht Bewohner seien positiv getestet worden. Daraufhin habe das Gesundheitsamt diese Wohngruppe unter Quarantäne gestellt. Dies sei mit „bestimmten Vorgaben“ verbunden, so Ahlers. Sprich: Das Gesundheitsamt entschied, die Bewohner der Gruppe nicht zu impfen. Darauf angesprochen, wie diese Entscheidung mit den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts zu vereinbaren sei, erklärt der Heimleiter, dass es offenbar verschiedene Auffassungen gebe.

Es bleiben nun rund 30 ungeimpfte Bewohner und ihre Angehörigen – und die Sorge, dass der Zug abgefahren ist und schnell kein Nachholtermin kommt. „Wir sehen das so, dass sie im Anschluss noch die Möglichkeit bekommen sollen, geimpft zu werden“, meint Heimleiter Ahlers. Ob und wann nachgeimpft wird, wisse er noch nicht. Die Entscheidung dazu liege nicht beim Heim. Wichtig sei ihm, dass die betroffenen Menschen „nicht vergessen“ werden. Eventuell können die Senioren ja noch geimpft werden, wenn für alle schon geimpften Personen in etwa zwei Wochen die zweite Runde der Corona-Impfungen ansteht.

Dass Bewohner wie die Mutter von Ulrike Mattern ausgelassen wurden, rechtfertigt das Kreisgesundheitsamt nach Worten seines Sprechers Volker Meier mit einer „unklaren Lage zum vorgesehenen Zeitpunkt der Impfung“. Damit gemeint sind „diverse positiv getestete Bewohner und Mitarbeiter sowie noch ausstehende PCR-Testergebnisse“. Ob es erforderlich ist, Termine aufgrund eines Ausbruchs zu verschieben, werde jeweils im Einzelfall durch das Gesundheitsamt entschieden. Zu einer solchen Verschiebung könne es kommen, wenn „in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang mit einem geplanten Impftermin das tatsächliche Ausmaß eines Ausbruchsgeschehen nicht sicher abgeschätzt werden kann“. Dieses Vorgehen sei auch so mit der ärztlichen Leitung des Impfzentrums Unna abgestimmt. „Liegen lediglich einzelne Covid-Fälle in einer Einrichtung vor, können die Impfungen in der Regel wie geplant stattfinden“, so Meier. Von „einzelnen Fällen“ ist auch in den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts die Rede.

Noch kein Nachholtermin bekannt

Beim Impfzentrum Unna gibt es zum Umgang mit solchen Fällen und zu Nachholtermin-Regelungen keine Auskunft. Der Facharzt und stellvertretende ärztliche Leiter des Impfzentrums Unna, Wolfgang Dryden, erklärt, dass „Entscheidungen im Rahmen bestehender oder neuer Coronainfektionen und deren Nachverfolgung in die Kompetenz des Gesundheitsamts fallen“. Das Gesundheitsamt verweist darauf, dass für Nachholtermine die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) zuständig sei, also Ärzte wie Dryden. Die demenzkranke Mutter von Ulrike Mattern bleibt derweil ungeschützt – trotz Corona-Fällen in ihrer Wohngruppe.

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1973, aufgewachsen im Sauerland, wohnt in Holzwickede. Als Redakteur seit 2010 rund ums Kamener Kreuz unterwegs, seit 2001 beim Hellweger Anzeiger. Ab 1994 Journalistik- und Politik-Studium in Dortmund mit Auslandsstation in Tours/Frankreich und Volontariat bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund, Lünen, Selm und Witten. Recherchiert gern investigativ, zum Beispiel beim Thema Schrottimmobilien. Lieblingssatz: Der beste Schutz für die liberale Demokratie ist die Pressefreiheit.
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Carsten Fischer
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