Energiebörse unter Strom: So treibt sie den Preis nach oben

dzHöhere Strompreise

Preiserhöhungen für 60.000 Kunden der Gemeinschaftsstadtwerke Kamen-Bergkamen-Bönen. Im Konkurrenzkampf mit großen Energieversorgern setzen GSW auf Treuebonus statt Wechselprämien.

Kamen

, 19.11.2018, 17:52 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Strompreis steigt. Nicht nur bei Kamens größtem Energieversorger, den Gemeinschaftsstadtwerken Kamen-Bergkamen-Bönen (GSW). Sondern bei zahlreichen Anbietern auf dem seit 1998 liberalisierten Energiemarkt – das liegt vor allem an der Preisexplosion an der Strombörse in Leipzig (EEX), wo sich der Einkaufspreis fast verdoppelt hat.

Eine Entwicklung, die bis auf die Stromzähler in Kamen durchschlägt. „Unsere Kunden werden bei einem Aufschlag von etwa 6,5 bis 8 Prozent liegen – je nachdem, wie viel Strom man bezieht“, sagt Jochen Baudrexl, Geschäftsführer der örtlichen Stadtwerke. Der Brutto-Arbeitspreis, der pro Kilowattstunde (kWh) abgerechnet wird, steigt zum 1. Januar kommenden Jahres von 24,45 Cent auf 25,88 Cent. Das sind 1,43 Cent mehr pro kWh. Und der Brutto-Grundpreis, der pro Monat abgerechnet wird, steigt um 1,79 Euro auf 8,93 Euro (bisher 7,14 Euro). Bei einem Jahresverbrauch von 3000 kWh für eine dreiköpfige Familie würde der Verbraucher 42,9 Euro mehr für den bezogenen Strom zahlen, dazu 21,48 Euro mehr für den Grundpreis, was einen Gesamtaufschlag von 64,38 Euro ergibt.

„Keine guten Nachrichten“

Baudrexl weiß, dass das „keine guten Nachrichten sind“, wie er selbst sagt. Er kennt auch die handelsüblichen Reaktionen, die es nach derlei Preiserhöhungen gibt. Als größtes heimisches Unternehmen gerät man da schnell unter Rechtfertigungsdruck.

Beispielsweise durch Verbraucherschützer, die berechtigterweise zum regelmäßigen Preisvergleich anregen. Die GSW liegen mit ihrem Tarif „Fashion“ nicht vorn, sondern eher im Mittelfeld, wenn man beispielsweise auf die Vergleichsbörse „Check24“ blickt. Von 121 dort gelisteten Angeboten findet man die GSW zurzeit im Mittelfeld auf Platz 60, geht man von jenem Jahresverbrauch über 3000 Kilowattstunden aus. Strom gibt es woanders zum Teil deutlich billiger. Dafür punkten die GSW mit Ortsnähe, zusätzlichen Serviceangeboten, sind Arbeitgeber und Auftraggeber für die heimische Wirtschaft und Betreiber von Freizeiteinrichtungen. Ein Faktor, der zur Kundenbindung beiträgt. Die Marktdurchdringung in Kamen, Bergkamen und Bönen liegt bei 88 Prozent. Das sind etwa 60.000 Kunden. „Natürlich gibt es immer ein gewisses Potenzial an Wechslern. Aber es kommen auch viele wieder zurück, die woanders keine guten Erfahrungen gemacht haben“, so Thomas Gaide, Centerleiter Vertrieb und Beschaffung.

„Preis unangemessen“

Die letzte Erhöhung beim Strom ist mit dem Jahr 2013 schon einige Jahre her. Kostentreiber für die neue Preisrunde ist vor allem der Stromgroßhandelspreis, der an der EEX gehandelt wird. Lag der Preis für eine Megawattstunde Strom im Jahr 2017 noch bei durchschnittlich 33,51 Euro, liegen die Prognosen für 2019 bei 50,56 Euro und mehr.

Dabei macht der Einkaufspreis für Strom lediglich ca. 22 Prozent des Endpreises für den Kunden aus. Die Steuern betragen etwa 23 Prozent und das Netzentgelt, was für die Durchleitung des Stroms fällig wird, ebenso viel. Einen großen Posten mit über 30 Prozent bilden die Umlagen, darunter die EEG-Umlage zur Förderung der Erneuerbaren Energien. Die Umlage für das Jahr 2019 beträgt 6,405 Cent je Kilowattstunde. Das ist ein Rückgang von 5,7 Prozent.

Auf weit über die Hälfte des Strompreises haben die Stadtwerke demnach keinen Einfluss. Für Baudrexl der Zeitpunkt, eine Forderung zu stellen: „Es wird Zeit, dass Stromsteuer und Umlagen zurückgefahren werden.“ Im Vergleich zu europäischen Nachbarländern sei der Strompreis in Deutschland „unangemessen“.

Baudrexl ist sich der Konkurrenz der zahlreichen Stromanbieter, zu denen man mit wenigen Klicks im Internet wechseln kann, bewusst. Die einen werben mit Sofort-Boni, die anderen mit Neukundenboni oder Erstwechselboni. Manche bieten selbst Hotelgutscheine an. „Das sind Boni, die nur honorieren, dass der Kunde jetzt kommt, um in diesem Jahr eine Senkung zu erhalten.“ Oftmals würden, so schildert der GSW-Chef, mit diesen Boni erst einmal Defizite geschrieben, um sie später mit höheren Preisen wieder wettzumachen. „Viele Neukundenboni sind lediglich Lockmittel, die den Kunden blenden und den wahren Preis überdecken“, sagt er. Trotzdem könne man sich der Entwicklung nicht entziehen. „Wir haben uns gefragt, wie wir dagegenhalten können“, sagt er. Das wolle man mit einem Treuebonus leisten, der sich von Jahr zu Jahr erhöhe. Von 10 Prozent auf den Grundpreis im Jahr 2019 bis 25 Prozent im Jahr 2023. Mit dem fünf Jahre laufenden Programm könnten die Kunden im ersten Jahr 26,42 Euro sparen und im letzten Jahr 66,05 Euro. Erstmals würde der Rabatt über die Jahresrechnung für das kommende Jahr wirksam. Bisherige Treue allerdings wird nicht belohnt. Das Programm gilt nur für die Zukunft.

Das Strompreis-Paradoxon

Die steigenden Strompreise, so Baudrexl, könne man als Energiewirtschaftler nicht nur negativ sehen. „Eigentlich ist es paradox, dass das auch positiv ist. Denn im Angesicht der niedrigen Preise konnten bisher nur die Betreiber von unökologischen, abgeschriebenen Braun- und Steinkohlekraftwerken mithalten. Jetzt aber werden auch moderne Kraftwerke wieder benötigt.“ Die Stadtwerke sind wie berichtet Anteilseigner am Trianel-Gas- und Dampfkraftwerk (GuD) Hamm. Dort werden zwar aus Kamen keine Strommengen mehr abgenommen, trotzdem gilt es als Symbol für den Wandel auf dem Energiemarkt. Einige Zeit standen die Turbinen still, weil der Strom, der dort produziert wurde, zu teuer war. Jetzt brummen sie wieder.

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