Empörte Zwischenrufe aus dem Publikum: Anna Schäfer überzeugt als Terror-Opfer

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Aus der Rolle der betroffenen Hinterbliebenen machte das Stück „Aus dem Nichts“ am Samstagabend in der Konzertaula deutlich, wie rechtsradikale Gewalt und Versagen des Rechtsstaats wirken.

von Werner Wiggermann

Kamen

, 03.11.2019, 14:13 Uhr / Lesedauer: 2 min

Erst geschieht der Mord, dann der Rufmord. „Aus dem Nichts“ bricht Katjas Welt zusammen. Statt Beistand nach dem Verlust von Ehemann und Kind erfährt die junge Frau Schuldzuweisungen – selbst von der eigenen Mutter. Der Staat, der ihr Gerechtigkeit schaffen sollte, wird ihr zum Feind. Nur im Publikum findet sie Verständnis.

„Aus dem Nichts“, der von der Konzertdirektion Landgraf inszenierte Politthriller hätte am Samstag in der Konzertaula ein zahlreicheres Publikum verdient gehabt. Denn das Stück nach dem Kinofilm von Fatih Akin forderte Mitdenken über unseren Rechtsstaat und das Lernen daraus unwiderstehlich heraus.

Unwiderstehlich vor allem wegen Anna Schäfers Katja-Interpretation, in der das Unmaß des Leids nachfühlbar und in seinen Ursachen transparent wurde.

So waren sogar empörte Zwischenrufe zu hören, als im Prozess gegen die Täter das Recht den Opfern nicht mehr gerecht zu werden schien.

Eine sicher nicht unbeabsichtigte Publikumsreaktion. Denn das Stück basiert auf realen Zusammenhängen aus den NSU-Morden und dem skandalösen Versagen der Ermittlungsbehörden und großen Teilen der Presse.

Möglich, ja sehr wahrscheinlich, dass Fiktion und Wirklichkeit eine fruchtbare Verbindung in den Köpfen der Zuschauer eingingen. Dass dabei auch rechtsradikal motivierte Verbrechen aus jüngerer Zeit in die Bühnenhandlung verwoben wurden, war da nur konsequent.

Wegweisende Doppelrollen

Was die Wirklichkeit gemeinhin nicht so leisten kann, wie es die Bühne vermag, zeigten unter anderem die Rollen von Christian Meyer und Martin Molitor.

Als Vater des Mörders einerseits und als linientreu in die falsche Richtung ermittelnder Kommissar andererseits maß Molitor überzeugend den Spielraum menschlicher Anteilnahme und den des Rechtsbewusstseins aus.

Als „Staatssekretär“ belehrte Meyer gegen Ende des Stücks über den angeblichen Primat der Politik vor dem Gesetz. Zum Beispiel, wenn der Name eines verbrecherischen V-Manns vor Gericht nicht genannt werden darf.

Eine Erklärung mit erheblichem Provokations-Potenzial fürs Publikum, das seine volle Wirkung wohl nur in der zugespitzten Situation auf der Bühne erreicht. Zumal wenn eine verzweifelte Katja im Hintergrund mit den Folgen des ausgehöhlten Rechts weiterleben muss.

Das Unmaß des Leidens ist dann nur noch in Dunkelheit und Stille zu ertragen - bis das Publikum den rechten Zeitpunkt zum Einsetzen des Schlussapplauses gefunden hat.

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