Ein Koloss landet auf der Autobahn

Bauarbeiten an der A2

Es sind keine Außerirdischen, die hier landen. Ein Koloss schwebt ein. Es handelt sich um spektakuläre Millimeterarbeit auf der Autobahn: Ein 150 Tonnen schwerer Längsträger wird für das Brückenbauwerk an der Seseke eingeschwenkt.

Kamen

, 29.07.2018, 16:08 Uhr / Lesedauer: 3 min
Ein Koloss landet auf der Autobahn

Zentimeter für Zentimeter wird der Stahlträger herabgelassen. Jetzt stellt sich heraus, ob das Bauteil im Werk tatsächlich maßgenau angefertigt wurde. © Stefan Milk

Mitten in der Nacht ist es taghell über der Seseke. Kraftvolle Scheinwerfer, meterhoch aufgebockt, werfen gleißendes Licht auf die Brückenbaustelle an der Autobahn 2. Die Szenerie erinnert an Spielbergs Film „Unheimliche Begegnung der dritten Art“. Doch es sind keine Außerirdischen, die hier landen. Ein Koloss schwebt ein.

Ein Koloss landet auf der Autobahn

Und passt! Die Stahlbauexperten haben die Länge des Trägers auf den Zentimeter, besser: auf den Millimeter genau angefertigt. Jetzt kann er verschraubt werden. © Stefan Milk

Träger 50 Meter lang

Mystisch ist es nicht, einen Tag nachdem in der Blutmond-Nacht die hohen Mobilkräne rechts und links der Seseke postiert worden sind. Betriebsamkeit herrscht hier unter den Fachkräften der Baufirmen und des Landesbetriebs „Straßen.NRW“. Sie wollen einen bedeutenden Schritt zur Fertigstellung der Mega-Baustelle leisten. Die 50 Meter langen Längsträger, im Fachjargon „Stahlhohlkästen“ genannt, sollen über den Fluss gelegt werden. Das ist Zentimeterarbeit, nein, nahezu Millimeterarbeit mit Bauteilen, die pro Stück etwa 150 Tonnen wiegen. Schwerstarbeit auch für Arbeiter? „Ja, natürlich“, sagt Burkhard Leusmann, Bauüberwacher des Landesamts „Straßen NRW“, der die Bauarbeiten von Anfang an begleitet hat.„Doch für die Mitarbeiter ist das Routine. Aus dem Fertigungswerk kommen alle paar Wochen solch große Bauteile. Und noch weitaus längere.“ Mit 50 Metern Länge ist man in der taghellen Seseke-Nacht aber gut dabei.

Die Schwertransporter kommen planmäßig um 21 Uhr an. Gekommen sind sie aus Hamm-Uentrop, wo die Träger zwischengelagert wurden. Die Fahrzeuge rollen gegen die Fahrtrichtung – die Spur nach Oberhausen muss dafür gesperrt werden. Sofort staut sich der auf zwei Spuren verengte Verkehr. Man sieht staunende Autofahrer, die langsam an der Baustelle vorbei rollen, als die schweren Bauteile hoch in der Luft stehen. Vielleicht doch eine unheimliche Begegnung...

Nicht aber für die Bauarbeiter, die Handgriff für Handgriff abspulen, nachdem sich der erste Stahlträger Stück für Stück auf die Widerlager zubewegt. „Das muss schon genau passen. Wenn nicht, dann würden die Stahlträger auf störenden Bauteilen falsch aufliegen“, so Leusmann. Doch das passiert nicht. Die Konstrukteure haben genau gemessen, die Stahlbauer auch. Genau arbeiten auch die Kranführer, die den Brocken noch am Haken haben. Auf 50 Meter Länge ist nicht mehr viel Luft, als sich die Enden auf die beiden Widerlager, die die Last tragen werden, senken. Dann setzen sie auf. Passt!

Ein Koloss landet auf der Autobahn

Nur mit zwei Haken an jeder Seite wird der 150 Tonnen schwere Koloss befestigt. Danach geht er in den Schwebezustand. © Stefan Milk

Dutzende Stahlbolzen

Für jedes Brückenbauteil haben die Baustellenplaner drei Stunden Einbauzeit einkalkuliert. Dutzende Stahlbolzen, jeder so lang wie ein Unterarm, sind schon im Werk eingesetzt worden, sie werden der Konstruktion zusätzliche Stabilität zu verleihen. Am Ende folgen die beiden Endquerträger, deren Einbau weniger Zeit beansprucht.

Es wird schon fast wieder hell, als alles an seiner Stelle sitzt. Über Stunden war die taghelle Nachtbaustelle auch aus der Ferne zu sehen. Am Sonntagmorgen zieht sie einige Schaulustige an, die vom Sesekeweg aus Fotos mit dem Smartphone machen. Nicht zum ersten Mal: Die Betonarbeiter hatten vor Monaten schwere Arbeit verrichten müssen, als die Widerlager auf jeder Seite der Seseke errichtet worden sind. Mit sogenannten Tiefbohrmaschinen, die wie Krane meterhoch aufragen, hatten sie sich im Frühjahr tief in den Boden gearbeitet, um eine Bohrpfahlwand zu setzen. Diese besteht auf beiden Seiten der Brücke aus 25 Betonbohrpfählen, jeweils 15 Meter lang und mit einem Durchmesser von 1,5 Metern: Auch das waren geeignete Motive für westfälische Baustellenromantiker.

Zwei Jahre Gesamtbauzeit

Die Baustelle ist eine von zweien, die an der A2 für neue Brücken sorgen werden. Wie berichtet wird auch über der Straße „Am langen Kamp“, nur wenige hundert Meter entfernt, die Autobahnbrücke erneuert. Zwei Jahre Gesamtbauzeit sind einkalkuliert, für jede Fahrtrichtung ein Jahr. Im April hatten die Abrissarbeiten über der Seseke begonnen. An einer Brücke, die mit „Sesekebach“ eigentlich einen falschen Namen trägt. Denn die Seseke ist bekanntlich kein Bach, sondern ein Fluss.

Das spielt in diesen Tagen der schweren Bautätigkeit indes keine Rolle. Die Arbeiten werden fortgesetzt, auch wenn sie in der nächsten Zeit nicht so spektakulär sein werden. „Auf die Stahlträger werden Platten aus Beton gesetzt“, so Leusmann. „Auf diese Platten kann dann die Fahrbahn betoniert werden.“

Ein Fahrbahn, die im kommenden Jahr wieder den Verkehr der A2 tragen soll – und dann wohl für Jahrzehnte kein weiterer Landeplatz für Kolosse, unheimlich oder nicht, sein wird.

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