Die neue Serie „Das Boot“ weckt Erinnerungen an den Navigator Heinz Lethaus, der den U-Boot-Krieg erlebt hat. Zu Lebzeiten war es ihm wichtig, über die Schrecken des Krieges zu berichten.

Kamen

, 10.01.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Das achtteilige Serien-Event „Das Boot“ um eine junge, unerfahrene deutsche U-Boot-Besatzung, die 1942 von La Rochelle aus zu ihrer ersten Feindfahrt aufbricht, weckt Erinnerungen an den im Jahr 2012 im Alter von 96 Jahren verstorbenen Kamener U-Boot-Navigator Heinz Lethaus.

Das, was in dieser Woche im ZDF ausgestrahlten Filmdrama nachgespielt wird und früher in der Kult-Serie mit Jürgen Prochnow, Herbert Grönemeyer und Martin Semmelrogge dargestellt wurde, hat Lethaus einst selbst erlebt.

Mit vielen dramatischen Situationen. Lethaus, der in Methler Uhrmachermeister und Optiker war, war es zu Lebzeiten ein Bedürfnis, über die prägenden Erlebnisse des schonungslosen Krieges zu berichten, damit die Kriegsschrecken nicht in Vergessenheit geraten.

Die Szenen der Versenkung seines U-Bootes „U 93“ spielten sich in seinem Kopf immer wieder ab. So sehr, dass die dramatischen Stunden wie ein Film vor seinen Augen abliefen.

Die Geschichten sind bei Familie Lethaus immer noch präsent. Sein Sohn, der ebenso Heinz Lethaus heißt und ein Optik-Fachgeschäft in Methler führt, sagt. „Ich hatte jüngst erst Kontakt zu dem Sohn des ersten U-Boot-Kommandanten meines Vaters, Claus Korth.“

Ein Kamener im U-Boot-Krieg: „Wir hatten uns schon vom Leben verabschiedet“

Wasser schäumt, der Bug senkt sich zum Sturztauchen. Heinz Lethaus rettete sich so im Zweiten Weltkrieg vor Wasserbomben mit der U93 bis in 280 Meter Tiefe. „Wir hatten uns innerlich schon vom Leben verabschiedet.“ Verabschiedet hatten sich auch seine Angehörigen von ihm. Nach der Versenkung der U93 mit einer Todesanzeige (oben links). © Archiv

Nach Versenkung aufgenommen wie Kameraden

Besonders an seinen Geburtstagen, so sagte Lethaus‘ Vater bei verschiedenen Treffen im Gespräch mit unserer Redaktion, wurde ihm immer wieder bewusst, dass er während der Wirren des Zweiten Weltkrieges eigentlich zum zweiten Mal geboren wurde: Als er nach der Versenkung der U93 am 15. Januar 1942 im Atlantik von der Mannschaft des britischen Zerstörers „Hesperus“ gerettet wurde.

Anderthalb Stunden lang hatte Lethaus mit einem Tauchretter im kalten Atlantik-Wasser ausgehalten, als er schließlich an Bord gezogen wurde.

Ohne den Krieg verherrlichen zu wollen, ohne falsche Sentimentalität, ohne Schlachten-Romantik, erinnerte sich Lethaus noch gut an die erste Begegnung mit den Feinden, auf die das Nazi-Regime den Hass geschürt hatte. „Wir wurden aufgenommen, als wenn wir ihre Kameraden gewesen wären.“

Ein Kamener im U-Boot-Krieg: „Wir hatten uns schon vom Leben verabschiedet“

Festlicher Empfang der U93 mit zwei Besatzungen in St. Nazaire. Heinz Lethaus hatte beachtlichen Anteil an der Rettung von 49 Matrosen des Bismarck-Versorgungsschiffs „Belchen“. © Archiv

„Take it easy boys, you today and we tomorrow“

Die Briten zogen den Deutschen das Lederzeug und Stiefel aus, gossen ihnen kaltes Wasser über und rubbelten sie warm. „Wir wurden in Wolldecken eingewickelt und nebeneinander aufs Unterdeck gelegt.“ Sportlich fair sagten die Briten: „Take it easy boys, you today and we tomorrow“ (Nehmt es leicht, Jungs. Ihr wart heute dran, wir sind‘s morgen).

Diese, im unmenschlichen Schlachtengetümmel nahezu unübliche „Ritterlichkeit“, wie es Lethaus nennt, hatte die Besatzung der U93 zwei Jahre zuvor – am 3. Juni 1941 – dem Bismarck-Ölversorgungstanker „Belchen“ südwestlich von Grönland erwiesen.

Ein Kamener im U-Boot-Krieg: „Wir hatten uns schon vom Leben verabschiedet“

Heinz Lethaus war Navigator der U93 und erlebte viele Schattenseiten, die ein Krieg haben kann. Aber er erlebte auch Glücksmomente, beispielsweise die Rettung von Schiffsbrüchigen und die eigene Rettung nach der U-Boot-Versenkung. © Archiv

Mit dem U-Boot Schiffbrüchige aufgenommen

Die britischen Zerstörer „Aurora“ und „Kenia“ hatten das Versorgungsschiff versenkt; als die U93 zum Schauplatz der Zerstörung kam, „war vom Tanker nichts mehr zu sehen – bis auf die Schiffbrüchigen in Rettungsbooten, auf Planken und mit Schwimmwesten“, erinnerte sich Lethaus, der 1947 aus fünfjähriger Kriegsgefangenschaft unter anderem in Kanada nach Methler zurückgekehrt war.

Lethaus weiß, dass es für seinen Kommandanten Claus Korth ein unvermeidlicher, aber schwerer und weitreichender Entschluss war, die Schiffbrüchigen aufzunehmen – denn mit 100 Mann insgesamt war das U-Boot nicht mehr kriegstauglich.

Lethaus erinnerte sich, dass der Kommandant alle von der Brücke schickte, nur ihn nicht, und ihn mit großen Augen ansah: „Sollen wir die Besatzung aufnehmen?“ Lethaus hatte genickt und „Ja“ gesagt. Darauf habe Korth mit einem Sprechrohr gerufen: „Ihr kommt alle nach Hause!“

Ein Kamener im U-Boot-Krieg: „Wir hatten uns schon vom Leben verabschiedet“

Eine Szene aus dem achtteiligen Serien-Event über eine junge, unerfahrene deutsche U-Boot-Besatzung, die 1942 von La Rochelle aus zu ihrer ersten Feindfahrt aufbricht. © pa/obs/Copyright: ©N.M. Konietz

„Du A‘loch!“ Vom Leitenden Ingenieur zusammen gestaucht

Doch Gegenwind blies Lethaus gleich nach der Aufnahme der Belchen-Besatzung ins Gesicht: Der Leitende Ingenieur habe sich verzweifelt die Haare gerauft und ihn gewaltig zusammengestaucht: „Du A‘loch – wie sollen wir überhaupt noch tauchen?“

Lethaus wuuste noch, dass er erwidert habe: „Wozu sind Sie denn Ingenieur– das können Sie doch wohl berechnen.“ Und in der Tat, die U93 tauchte und kam am 16. Juni 1941 im Hafen von St. Nazaire an.

Nur wenig mehr als ein halbes Jahr später dann erfolgte die Versenkung der U93, nachdem die Hesperus erstmals ihr neues Radargerät eingesetzt und einen gezielten Rammstoß vollbracht hatte.

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Nach der Versenkung für tot erklärt

Nach der Versenkung des U-Boots am 15. Januar 1942 im Atlantik war Lethaus für tot erklärt worden. Erst als Heinz Lethaus den Nachlass seiner 1962 verstorbenen Mutter studierte, fand er in ihren Dokumenten seine eigene Todesanzeige. „Meine Mutter war damals entsetzt, als sie von der Versenkung hörte. Und die Trauer war groß, als Oberstudiendirektor Nathe offiziell kondolierte“, berichtete Heinz Lethaus von alten Erzählungen.

Bevor er 1947 aus der Kriegsgefangenschaft nach Methler zurückkehrte („Ich musste ein ganz neues Leben beginnen“), hatte die Mutter doch noch einen Hinweis auf den Verbleib ihres Sohnes bekommen. „Der Heinz lebt“, hatte ihr ein Bergmann aus Kaiserau gesteckt.

Der hatte heimlich den „Feindsender“, die britische BBC, abgehört, wo die Namen von Kriegsgefangenen durchgegeben wurden.

Erst drei Monate später erhielt seine Mutter eine offizielle Lebensnachricht vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Genf.

Als „Letzte Feindfahrt der U93“ in die Geschichte eingegangen

Der Tag, bevor Heinz Lethaus in Kriegsgefangenschaft geriet, ging als „Letzte Feindfahrt der U93“ in die Geschichtsbücher der Kriegsveteranen ein. Als dritter Wachoffizier war Lethaus für die Navigation des 500 Tonnen schweren und mit 44 Mann besetzten U-Bootes verantwortlich gewesen.

Die Erinnerungen an die Versenkung ließen den damaligen Berufssoldaten, der 1934 bei der Marine anheuerte, nicht los. Mit sechs U-Booten, so Lethaus, habe man einem britischen Nahrungsmittel-Geleitzug aufgelauert.

Als „Fressgeleitzug“ hatten die deutschen Soldaten ihn damals spöttisch tituliert. Unrühmliche Aufgabe war, möglichst viele der 24 britischen Schiffe, die aus dem Mittelmeer durch die Straße von Gibraltar dampften, zu versenken.

Als Admiral Dönitz den Befehl „Ran wie die Wölfe“ gab, die Mündungsklappen der vier Torpedorohre bereits geöffnet waren, verging der U 93-Besatzung plötzlich Hören und Sehen.

„Plötzlich waren wir inmitten von schwerem Artilleriefeuer.“ Der Jäger wurde zum Gejagten. Der britische Zerstörer „Hesperus“ setzte zum Rammstoß an. Die U93 hatte in finsterer Nacht ihre Torpedos an der Wasseroberfläche abfeuern wollen.

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U-Boot mit einem neuen Radargerät erfasst

„Wir konnten und wollten nicht verstehen, warum wir entdeckt worden waren.“ Lethaus stand als Navigator vor einem Rätsel. Noch lange nach dem Vorfall. Durch Vermittlung der BBC gab es 2002 einen nicht für möglich gehaltenen Kontakt zu Duncan Knight, einem pensionierten Kapitän der britischen Royal Navy.

Dieser war tatsächlich 1942 als 1. Offizier zunächst an der Versenkung des U-Bootes und der anschließenden Rettung der Besatzung beteiligt gewesen. Man lud ihn mit seiner Frau zu einem der regelmäßig stattfindenden Besatzungstreffen ein, wo er als Ehrengast begrüßt wurde.

So konnten sich die Kameraden 60 Jahre nach ihrer Rettung noch einmal persönlich bedanken. Dabei erfuhren sie dann von dem Engländer: „U93 war das erste U-Boot, das wir mit einem neuartigen Radargerät haben orten können.“ Die Veranstaltung fand in Nürnberg statt und sogar das Bayerische Fernsehen berichtete über dieses ungewöhnliche freundschaftliche Treffen der ehemaligen „Feinde“.

Ein Kamener im U-Boot-Krieg: „Wir hatten uns schon vom Leben verabschiedet“

Die Theaterfassung von Lothar Günther Buchheims Roman-Welterfolg „Das Boot“ war im Jahr 2014 auf Theaterbühnen zu sehen. Die Rolle des Kommandanten des Unterseebootes U 96 spielt Hardy Krüger junior. © lobinger hilda

Dem Rammstoß noch ausgewichen

Dem Rammstoß der Hesperus konnte der „Kaleu“, der Kommandant, durch „geschicktes Manöver“, so Lethaus bewundernd, noch ausweichen. Mehrere Wasserbomben indes verfehlten das Ziel nicht. „Wir wurden tauchunfähig.“ Als das U-Boot im Sinken begriffen war, kam der Befehl: „Alle Mann außenbords!“ Während die Mannschaft ins Wasser sprang, musste Lethaus auf Befehl hin in den Rumpf. „Ich hatte den genauen Standort auf der Seekarte festzustellen, musste ihn an den Admiralstab funken.“ Gut erinnern konnte er sich an Kameraden, die in Todesangst das Boot verließen, „in ihrer Panik hatten viele den Tauchretter vergessen.“

Dann sprang auch Lethaus ins Wasser - mit seinem Tauchretter, den er im Turm vorgefunden hatte. Anderthalb Stunden trieb er im Wasser, bevor ihn die Engländer retteten.

Ein Tag sozusagen als zweiter Geburtstag

Die Hesperus stoppte, schaltete die Scheinwerfer ein, um die Versenkungsstelle nach Schiffbrüchigen abzusuchen und ließ mehrere Ruderboote zu Wasser, um die Deutschen zu retten. „Alle meine Kameraden konnten gerettet werden - bis auf sechs, die beim Beschuss umkamen.“

Heinz Lethaus nahm in seinem Leben nach dem Krieg immer mal wieder die Todesanzeige in die Hand. „Für mich war dieser Tag sozusagen mein zweiter Geburtstag.“

Die Serie „Das Boot“ ist abrufbar in der ZDF-Mediathek: www.zdf.de/serien/das-boot. Die Folgen sind dort abrufbar bis zum 5. April.
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