Ein Jahr als Bürgermeisterin aktiv. Was ist gut und was ist schlecht gelaufen? Elke Kappen stellt sich den Fragen der Redaktion. Neu eingeführt in ihrer Amtszeit: die Bürgersprechstunde.

Kamen

, 08.08.2019, 17:17 Uhr / Lesedauer: 4 min

Eine Stichwahl bringt die Entscheidung. Mit 54,3 Prozent gewinnt Elke Kappen (SPD) die Bürgermeisterwahl vor Tanja Brückel, die als parteilose Kandidatin von CDU, Grünen, FDP und Freien Wählern aufgestellt wurde. Etwas über ein Jahr ist seither vergangen. Und Elke Kappen wirkt erholt.

Das liegt aber nicht an ihrer Amtsführung, sondern daran, dass sie gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt ist. Ein Jahr im Amt. Zeit, um eine Zwischenbilanz zu ziehen. „Es ist ja nicht so, dass ich nicht gewusst hätte, was auf mich zukommt“, sagt sie auf die Frage, wie sie das erste Jahr als Stadtoberhaupt erlebt hat und verweist auf ihre langjährige Arbeit als Sozialdezernentin.

„Es ist ja nicht so, dass ich nicht gewusst hätte, was auf mich zukommt“
Bürgermeisterin Elke Kappen

Zwischen Publikumswirksamkeit und ungeschickter Außendarstellung

Die publikumswirksame Eröffnung des Sesekeparks. Das volksfestartige 50. Stadtjubiläum. Gleich zwei Ereignisse mit positiver Strahlkraft, die zum Amtsantritt als Nachfolgerin von Hermann Hupe Rückenwind verleihen. Dann das zähe Ringen um die Schwimmbadlösung und eine ungeschickte Außendarstellung beim Verkauf des denkmalgeschützten VHS-Hauses, als die Modalitäten, unter welchen Bedingungen das stadtprägende Gebäude veräußert werden sollte, unklar blieben.

Die Bürgermeisterin bleibt ruhig, als sie mit dem Vorwurf konfrontiert wird. „Was den Prozess der Kommunikation angeht, da werde ich mir Gedanken machen“, räumt sie ein. „Dennoch: Wir bemühen uns zwar um größtmögliche Transparenz, die wir herstellen können. Aber wenn dadurch Projekte gefährdet werden könnten, dann gucken wir sehr genau, was wir preisgeben.“ Das Schicksal des Hauses habe ihr sehr am Herzen gelegen. „Das gibt man nicht leichtfertig her.“

Ein Jahr Bürgermeisterin Elke Kappen: Was sich geändert hat, was geblieben ist

„Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die gilt auch für eine Bürgermeisterin“, sagt Elke Kappen mit Verweis auf die wenige Zeit, die für Familie und Freunde bleibt. © Marcel Drawe

Die nahbare Person geblieben, die man in Kamen kennt

Seitdem die frühere Sozialdezernentin, die 2016 aus Werne ins Kamener Rathaus kam, die Zügel in der Hand hat, hat sich an den Rahmenbedingungen der Verwaltungsarbeit wenig geändert. „Sie ist schwer zu gestalten, weil die Haushaltslage sehr schwierig ist. Doch das hat mich nicht überrascht.“

Überrascht hat sie vielmehr damit, dass sie über ihre im Pavillon auf dem Willy-Brandt-Platz angebotene Bürgersprechstunde die nahbare Person geblieben ist, die man in Kamen durch mehrere Ehrenämter kennt. Zwar hat sie jüngst das Amt der Presbyterin in der Ev. Kirchengemeinde Kamen aufgegeben. In der Kinderchorarbeit ist sie aber weiter aktiv. Am jüngsten Heiligabend sang sie mit im Kirchenchor und beteiligte sich an der Kollekte, als sie mit dem Klingelbeutel von Kirchenbank zu Kirchenbank ging. Eine Bürgermeisterin, hemdsärmelig, wenn sie keine Bluse tragen würde.

Ein Jahr Bürgermeisterin Elke Kappen: Was sich geändert hat, was geblieben ist

Ein Jahr im Amt. Zeit, um eine Zwischenbilanz zu ziehen. „Es ist ja nicht so, dass ich nicht gewusst hätte, was auf mich zukommt“, sagt Bürgermeisterin Elke Kappen. © Marcel Drawe

Die wenigen freien Zeiten „muss man sich erkämpfen“

Die wenigen freien Zeiten, die für derlei Aufgaben bleiben, so sagt sie, müsse man sich in dem Job erkämpfen. „Aber die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die gilt auch für eine Bürgermeisterin“, sagt sie. „Das Amt möchte ich gut ausfüllen. Das geht aber nur, wenn man die Zufriedenheit nicht verliert, Familie und Freunde nicht vernachlässigt.“

Womöglich ist das im ersten Amtsjahr noch nicht ganz gelungen. „Eine Herausforderung, weil man am Anfang viele Menschen treffen möchte, denen man vorher noch nicht begegnet ist.“ Ansonsten, so betont sie, begreife sie die Arbeit in der Verwaltungsspitze als Teamarbeit. Dabei setzt sie auch auf Teams, die dezernatsübergreifend agieren. Die Zeiten, in denen Akten von rechts nach links auf andere Schreibtischen gewuchtet wurden, seien vorbei. „Wir haben 500 Mitarbeiter für etwa 45.000 Einwohner. Man muss manchmal darauf hinweisen, was von Jedem an Arbeit umgewälzt wird.“

So schön ist Kamen! Rückmeldungen bis ins Rathaus

Und das, so merkt sie an, durchaus mit einer weiter wachsenden Arbeitsverdichtung. „Der Aufgabenzuwachs wird immer größer.“ Und dass daraus möglicherweise Unzufriedenheit bei Bürgern entsteht, die sich fragen, warum mancher Vorgang nicht schneller geht. Dass es zudem eine allgemein wachsende Unzufriedenheit gibt, ablesbar an der Wählerstimmung im Land, ist auch ihr bewusst. Und dass die nach rechts rückende Gesellschaft Gefahr läuft, eher auseinanderzufallen, statt sich unter überwiegend guten Lebensbedingungen wohl zu fühlen. „Was haben wir alles erreicht für Familie und Beruf? Wir kommen aus dem Strukturwandel und konnten viele, kleine innovative Firmen ansiedeln, nicht nur im Technopark.“

Die Stadt sei lebenswert mit vielen kurzen Wegen. Man müsse sich nur fragen, wie man heute lebt und wie früher die Eltern gelebt haben. Derlei Feedback bekomme sie oft von älteren Menschen, die sich auch an andere Zeiten erinnern. Mit dem Radtourvideo unserer Redaktion „So schön ist Kamen!“ könnte sie sich sehr identifizieren. „Da haben sich schon viele bei mir gemeldet. Auch überrascht darüber, wie grün es ist!“

Ein Jahr Bürgermeisterin Elke Kappen: Was sich geändert hat, was geblieben ist

Mit dem Radtourvideo unserer Redaktion „So schön ist Kamen!“ kann sich Elke Kappen sehr identifizieren. „Da haben sich schon viele bei mir gemeldet. Auch überrascht darüber, wie grün es ist!“ © Marcel Drawe

Jugend und Familie weiter stark im Blick

Die Zufriedenheit in der Stadt weiter steigern, den Zusammenhalt fördern auch mit der Stärkung der Familien. Die einstige Sozialdezernentin, die im Jugendbereich alle Stationen durchlaufen hat, hat „ihr“ Ressort auch als Bürgermeisterin behalten und legt Wert auf den Ausbau weiterer Angebote im Bereich Jugend, Familie und Sport.

Wichtiger Baustein für sie ist die Villa FIB am Rathausplatz, in der zahlreiche Beratungsangebote rund um die Familie angesiedelt wurden - kostenlose Angebote von der Familienhebamme über den Familienservice bis zur Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Städte Bergkamen und Kamen. Der Ausbau der Kindergartenplätze schreitet voran. Kamen glänzt seit Jahren mit einer Vollversorgung, die auch über etwa 80 Tagesmütter garantiert wird. Hier also alles im grünen Bereich.

Ein Jahr Bürgermeisterin Elke Kappen: Was sich geändert hat, was geblieben ist

Elke Kappen zur wachsenden Logistik und den daraus wachsenden Verkehrsproblemen: „Wir brauchen die Arbeitsplätze. Und wir sind ein Teil des Problems, weil wir ja die Dinge bestellen.“ © Marcel Drawe

Verkehrsprobleme? „Wir sind ein Teil des Problems“

Nicht im grünen Bereich indes die Verkehrsinfrastruktur in einer Stadt, die sich an ein großes, überlastetes Autobahnkreuz schmiegt. Dazu Beschwerden allerorten über zu viel Lärm und Abgase - wie an der Werver Mark. Oder über zu viel Dreck am Pröbstingholz, wo Lastwagenfahrer nächtigen und ihre Notdurft unter freiem Himmel verrichten.

Kappen kennt die Hinweise, sagt aber auch. „Wir brauchen die Arbeitsplätze. Und wir sind ein Teil des Problems, weil wir ja die Dinge bestellen.“ Die Beobachtung der Naturfreunde Kamen am Pröbstingholz habe die Stadt indes aufgenommen und kommuniziere nun mit den Firmen. „Da muss man nachhaken. Man hatte den Eindruck, dass die Firmen selbst nicht mit dem Problemen vertraut waren.“ Auch über das Genehmigungsverfahren werde künftig bei Neuansiedlungen überprüft, ob die Betriebe Rast- und Ruhemöglichkeiten für Lkw-Fahrer schaffen.

Ein Jahr Bürgermeisterin Elke Kappen: Was sich geändert hat, was geblieben ist

Bürgermeisterin Elke Kappen sagt im Interview: „Ehrlich gesagt? Jeder kennt solche Tage, an denen man sich fragt, ob man das noch mal machen würde. Aber nein! Grundsätzlich gilt: Ich tue das gern. Ich arbeite gern für diese Stadt.“ © Marcel Drawe

Wie geht´s weiter? Zusätzliche Kulturimpulse, neue Gespräche

Zusätzlich Impulse in der Kulturarbeit sollen im kommenden Jahr durch eine Kulturwerkstatt entstehen, in der zahlreiche Kreative an neuen Veranstaltungsformaten tüfteln sollen. Das Familienfest, das zum 50. Stadtjubiläum Bürger zusammengeführt hat, soll im zwei- bis dreijährlichen Turnus wiederholt werden - spätestens 2021 soll es eine Neuauflage geben. Gespräche mit Gruppierungen will sie weiterführen, die nicht immer im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stehen - wie die Schülersprecher der Schulen oder dem Jugendamtselternbeirat. „Ich möchte wissen, was sie beschäftigt.“

Und was beschäftigt die Bürgermeisterin, wenn sie aufs erste Jahr zurückblickt? „Ehrlich gesagt? Jeder kennt solche Tage, an denen man sich fragt, ob man das noch mal machen würde. Aber nein. Grundsätzlich gilt: Ich tue das gern. Ich arbeite gern für diese Stadt.“

Arbeitsschwerpunkt Jugend und Familie

Das ist Elke Kappen

Elke Kappen, geboren 1963 in Kamen, verheiratet, war vor der Wahl zur Bürgermeisterin am 1. Juli 2018 Erste Beigeordnete der Stadt Kamen und damit Stellvertreterin des Bürgermeisters, außerdem Dezernentin für Jugend, Soziales, Schule, Sport, Kultur und Erwachsenenbildung. Kappen schloss an der Fachhochschule Hagen das Studium der Sozialen Arbeit ab. Nach einem Anerkennungsjahr folgten verschiedene berufliche Stationen bei der Stadt Werne, zunächst beim Sozialdienst und Sozialamt, im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) und im Jugendamt. Sie übernahm Leitungsfunktionen im Allgemeinen Sozialen Dienst, im Jugendamt und im Schulamt und wurde Dezernentin für Jugend, Familie, Bildung, Kultur und Sport. 2016 wechselte sie nach einstimmiger Wahl im Rat in die Stadtverwaltung ihrer Heimatstadt Kamen. Ehrenamtlich ist Kappen unter anderem in der Evangelischen Kirchengemeinde Kamen tätig, das Amt der Presbyterin hat sie nach mehreren Amtsperioden aufgegeben.
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