7000 Tonnen Sand, aus denen man einen Strand formen könnte, wenn man wollte. Die Produktion im neuen Sandwerk läuft. Doch auf dem Hellweg-Sand gibt es keine Beach-Party. Er ist für den Bau.

Kamen

, 25.10.2019, 16:32 Uhr / Lesedauer: 3 min

7000 Tonnen Sand. Damit ließe sich schon ein kleiner Seseke-Strand aufschütten. Doch auf den ersten 7000 Tonnen, die dieses Jahr die Sandaufaufbereitungsanlage der Werver Deponie verlassen, wird keine luftige Beach-Party gefeiert.

Der Sand, der umgangssprachlich als Hellwegsand bezeichnet und unter der Marke GWM-Sand vermarktet wird, ist schon verkauft an Stadtwerke der Region und private Bauunternehmen.

Das teilten die Geschäftsführer Martin Döbber und Ulrich Drolshagen am Freitag vor Ort mit, als sie weitere Interessenten über die in der Region einzigartige Anlage führten.

Aus Dreck machen sie sozusagen Gold: Sie gewinnen aus angeliefertem Erdboden feinsten Sand. Die Produktion soll jetzt auf das Doppelte gesteigert werden. Auf 14.000 Tonnen im kommenden Jahr.

Ein ganzer Strand aus dem Sandwerk der GWA: Hellweg-Sand ist gut gegen den Klimawandel - mit Video

Über mehrere Rüttel-, Schüttel- und Siebanlagen wird der Erdboden verkleinert - bis nur noch Sand übrig bleibt, der nicht größer als zwei Millimeter ist. © Stefan Milk

Der Hersteller spricht von „dynamisch erregten Siebmatten“

Herzstück der Sandaufbereitungsanlage ist die sogenannte Spannwellensiebmaschine der Firma Binder+Co aus Graz, der Hauptstadt des südösterreichischen Bundeslandes Steiermark, deren Prinzip schematisch auf der Firmen-Homepage „www.binder-co.at“ mit einem Video dargestellt wird.
Während der Aufbau kompliziert wirkt, ist das Ergebnis einfach zu beschreiben: Es handelt sich um feinkörnigen Sand, der nicht größer als zwei Millimeter ist.

„Scharfkantige, spitze Steine werden von der Maschine ausgesiebt“, erläutert Ulrich Drolshagen. „Alle Sandkörner, die wir nicht haben wollen.“

Warum? Weil der Sand für den Leitungsbau verwendet wird. Alles, was spitz und scharf ist, könnte auf Dauer den Strom, Wasser oder Gasleitungen und auch den Telekommunikationsleitungen aus Glasfaser schaden.

Der Hersteller beschreibt den Vorgang so: „Ein Antrieb sorgt mit Hilfe der Resonanz für zwei Schwingbewegungen, wodurch die flexiblen Siebmatten aus Polyurethan gedehnt bzw. gestaucht werden und das siebschwierige Produkt mit hoher Beschleunigung klassiert wird. Die dynamisch erregten Siebmatten bleiben somit frei und gewährleisten eine effiziente Siebung.“

Video
Die Spannwellensiebmaschine in Kamen

Die ungewöhnliche Anlage selbst konzipiert

Dynamisch erregt, das sind an diesem Freitagvormittag vor allem die Mitarbeiter von Döbber und Drolshagen, die die Großanlage vorführen.

Denn sie haben die ungewöhnliche Anlage selbst konzipiert, zusammengestellt und über Monate auf Herz und Nieren getestet, bis das gewünschte Ergebnis erreicht wurde.

Dabei wurde die Effektivität noch einmal gesteigert, um aus den angelieferten Böden Sand zu gewinnen. Von 49 Prozent in den ersten Monaten auf jetzt 60 Prozent. Dass herkömmlicher Erdboden fast zur Hälfte aus feinkörnigem Sand besteht, das war auch für die Betreiber der Anlage eine Überraschung. „Das macht uns schon stolz, was wir erreicht haben“, so Döbber. „Wir haben geprobt, getestet, justiert - und nun haben wir ein marktfähiges Produkt.“

Betreiber der Anlage, die auf der Deponie der Gesellschaft für Wertstoff- und Abfallwirtschaft (GWA) in Werve steht, ist die Gesellschaft zur Weiterverwendung von Mineralstoffen mbH (GWM). Sie ist eine jeweils 50-prozentige Tochterfirma der GWA und des Versorgers Gelsenwasser.

Ein ganzer Strand aus dem Sandwerk der GWA: Hellweg-Sand ist gut gegen den Klimawandel - mit Video

Patrick Altenfeld erläuterte die Einzelheiten der Sandaufbereitungsanlage. Der Sand, der dort gewonnen wird, wird für den Rohrleitungs- und Kabelbau verwendet. © Stefan Milk

Guter Absatzmarkt für das Eigenprodukt

Auf 5400 Quadratmetern

Sandwerk steht auf der Deponie

  • Die Anlagen steht auf einer Fläche von 5400 Quadratmetern im nördlichen Eingangsbereich der Deponie Werve.
  • Die Anlage ist mit einem der Hauptabnehmer des Sandes entstanden: Mit dem Versorger „Gelsenwasser“. GWA und Gelsenwasser sind jeweils zu 50 Prozent an der neuen Gesellschaft zur Weiterverwendung von Mineralstoffen (GWM) beteiligt. Gelsenwasser benötigt den Sand zum Einbau seiner Wasserrohrleitungen.

Döbber geht davon aus, dass der Sand der Marke „Eigenproduktion“ auf einen guten Absatzmarkt trifft. „Das Interesse ist vorhanden. Wir bringen das Produkt zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt und blicken demnach optimistisch in die Zukunft.“

Während die GWM in diesem Jahr noch mit einer „roten Null“, also einem leichten Defizit rechnet, sollen im kommenden Jahr schon schwarze Zahlen geschrieben werden. Summen nannte Döbber auf Anfrage nicht - die würden auch erst im November der Gesellschafterversammlung vorgestellt. Immerhin steht fest, dass die Ökobilanz bestens ist bei dieser Produktionsweise. „Das ist Kreislaufwirtschaft per Excellence“, so Döbber.

Nicht nur, weil die angelieferten Böden zum großen Teil nicht deponiert werden müssen, sondern auch, weil der Sand nicht aus größerer Ferne wie aus Haltern oder dem Sauerland geholt werden müsste und damit einige klimaschädliche Fahrkilometer eingespart werden. Ab übernächster Woche, 4. November, ist der Sand auch an der GWA-Betriebsstelle in Lünen am Brückenkamp verfügbar, wo er verladen werden kann.

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Vielleicht doch noch ein Seseke-Strand

In Kürze wird sich die GWM noch ein weiteres Geschäftsfeld erschließen. Flüssigsand heißt die Sparte, mit der die Firma an den Markt gehen will. Der flüssige Mix aus Sand kommt in Baugruben, die durch Versorgungsleitungen schwer zugänglich sind. Er verfestigt sich schnell und ist „stichfest“, sprich: Es kann noch geschippt werden. Stadtwerke und Tiefbauunternehmen der Region sind potenzielle Abnehmer. Und wenn einmal ein Überschuss vor allem von GWM-Sand da ist? Vielleicht gibt es dann doch noch den Seseke-Strand.

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