Tag 14 bis 20: E-Bike statt Auto – Gut war‘s!

Tagebuch eines Führerscheinlosen

Im Privatwagen ist unser Fotoreporter Stefan Milk kurz vor Berlin zu schnell gefahren und fotografiert worden. Er lässt seinen Dienstwagen stehen, fährt E-Bike und schreibt darüber. Zeit für eine Bilanz.

von Stefan Milk

Kamen

, 06.03.2020, 17:42 Uhr / Lesedauer: 14 min
Für einen Monat tauscht HA-Redakteur Stefan Milk seinen Firmenwagen gegen ein E-Bike.

Für einen Monat tauscht HA-Redakteur Stefan Milk seinen Firmenwagen gegen ein E-Bike. © Claudia Pott

Ja, Klimawandel und Co2-Reduktion sind in aller Munde. Elektromobilität ebenso. Dass ich jetzt meinen Firmenwagen gegen ein E-Bike tausche, hat allerdings einen anderen Grund: Kurz vor Berlin bin ich in unserem Privatwagen in eine Radarfalle gerast. Die Konsequenz ist ein vierwöchiger Aufenthalt meines Führerscheins bei den Behörden in Potsdam.

Ich werde also ab sofort mit dem Fahrrad – mit elektrischer Unterstützung – all jene Fahrten erledigen, die in meinem Beruf täglich anfallen. Ich bin Fotoreporter, da ist man relativ viel unterwegs und nicht selten muss man auch Termine einhalten. Ob und wie das mit dieser anderen Form der Mobilität funktioniert, möchte ich an dieser Stelle gerne mit allen Interessierten teilen.

Ich weiß noch nicht, ob ich alle Termine pünktlich schaffen werde. Das hat aber auch mit dem Auto nicht immer geklappt. Ich weiß auch noch nicht, wie das Wetter in den kommenden Wochen sein wird, aber wer weiß das schon. Was ich weiß, ist, dass ich gerne Fahrrad fahre und nicht völlig untrainiert bin. Und ich habe das E-Bike mit einer dicht schließenden Aluminiumbox auf dem Gepäckträger ausgerüstet. Zumindest meine Kameras, Objektive und das Notebook sollen trocken bleiben.

Fazit: Gut für Körper und Seele

Dieser nicht freiwillige Selbstversuch hat unglaublichen Spaß gemacht. Ich bin in den vergangenen Wochen einige hundert Kilometer geradelt, manchmal bei ekligem Wetter. Trotzdem bin ich nicht einmal irgendwo zu spät gewesen. Das war das beste Frühjahrstraining der letzten Jahre.

Ich fühle mich fit und bin gut gelaunt. Was ich bisher nur nebenbei erwähnt habe, ist, dass dieses wunderbare E-Bike gar nicht mir gehört. Es ist das Rad meiner Frau, die damit eigentlich ab dem Frühling von Kamen nach Unna in ihr Büro fahren wollte. Doch auch sie ist im Moment im Homeoffice.

Das lässt mich hoffen, dass ich die Alukiste noch montiert lassen darf und das E-Bike noch etwas ausgeliehen bekomme. Bitte, bitte! Es macht einfach richtig Freude. Jeder, der gerne Rad fährt, wird es lieben. Und auch die, die Fahrradfahren eigentlich doof finden, sollten es ausprobieren.

Es fördert die körperliche Fitness, ist also gut für die Gesundheit. Es ist gut für die Umwelt. Und es ist gut für die Laune. Gerade in diesen finsteren Zeiten, in denen sich alles um das bedrohliche Virus dreht, tut es wirklich gut, sich aufs Rad zu setzen, die ersten Sonnenstrahlen zu genießen und mal an etwas anderes zu denken.

Tag 20: Ohne Strom geht’s auch, nur nicht so leicht

Heute haben meine Frau und ich frei. Da trifft es sich gut, dass unsere Tochter, die eigentlich in Berlin studiert, gerade zu Besuch im Elternhaus ist und die Sonne scheint. Lange Rede kurzer Sinn: Wir wollen eine Radtour machen.

Beim Frühstück erzählte ich von meiner gestrigen „Schwerlasttour“ nach Opherdicke, da liegt es doch jetzt nahe, dort noch einmal hinzufahren, das Wasserschloss ist immer einen Ausflug wert. Heute fährt meine Frau das E-Bike, schließlich ist es ihres. Meine Tochter und ich nehmen Tourenräder und müssen schon bald feststellen, dass so ein Ungleichgewicht der Kräfte in einer Ausflugsgruppe schnell für Missstimmung sorgen kann.

Schmunzelnd beobachte ich, mit welch diebischer Freude meine Frau bergauf unsere Tochter und mich überholt. Wir trampeln tapfer weiter und kommen auch jede Steigung ´rauf – schnaufend allerdings. Und das ist genau der Unterschied zwischen dem normalen Rad und dem „elektrischen“: Es ist die Leichtigkeit des Radelns, die fasziniert.

Tag 19: Heute wird es schwer - aber nur das Gepäck

Bei der Tour de France sind die anspruchsvollsten Etappen mittendrin. Alpen, Pyrenäen mit gewaltigen Pässen, Zeitfahren in mörderischer Geschwindigkeit, all das findet nicht am Ende statt. Da geht es „gemütlich“ über die Champs Élysées.

Bei meinem kleinen Radelexperiment ist das anders. Heute ist der letzte Tag, morgen oder übermorgen kommt die „Fleppe“ aus Potsdam zurück. Da trifft es sich doch gut, dass heute noch eine besondere Aufgabe auf das Stromrad und mich wartet: Im schönen Opherdicke filme ich eine ökumenische Andacht, die wir am Sonntag senden werden.

Am vergangenen Samstag habe ich in der Thomaskirche in Overberge entschieden, dass beim „Drehtermin“ eine weitere Kamera und ein zweites Stativ gut wären. Also packe ich das E-Bike heute mal richtig voll. Gut zwanzig Kilo Gepäck und mein filigraner Körper wollen bewegt werden. Und zwar bei ordentlichem Wind und mit ein paar knackigen Steigungen.

Gute 15 Kilometer sind es von unserem Haus zur evangelischen Kirche in Opherdicke. Ich fahre 50 Minuten vor dem verabredeten Termin los und denke, es könnte knapp werden. Nach gut 40 Minuten bin ich da – trotz Steigungen und reichlich Gepäck!

Vor dem Start nach Opherdicke: gut 20 Kilogramm Gepäck und ich muss das arme Stromfahrrad jetzt bewältigen...

Vor dem Start nach Opherdicke: gut 20 Kilogramm Gepäck und mich muss das arme Stromfahrrad jetzt bewältigen... © Nele Milk

Tag 18: Ich vermisse Freunde, keine Autos

Oft werde ich gefragt, ob ich mich freue, bald wieder Auto fahren zu dürfen. Ob ich es nicht vermisse, auf diese Weise mobil zu sein. Und ich antworte, dass ich im Moment Einiges vermisse. Zum Beispiel gemeinsam mit meiner Frau Freunde einzuladen oder zu besuchen, mit ihnen am runden Tisch bei einer Flasche Wein zu debattieren.

Ich vermisse die Skatabende an Christas Tisch und die Stammtischabende mit ernsten Gesprächen und albernen Blödeleien. Ich vermisse den Kontakt mit Menschen, die mir etwas bedeuten. Aber all das ist leicht zu verschmerzen, wenn man bedenkt, wie schlimm andere Menschen unter der Corona-Pandemie zu leiden haben.

Was ich überhaupt nicht vermisse, ist Autofahren. Ich hätte das selbst nicht für möglich gehalten. Meine Arbeit verlangt ein großes Maß an Mobilität. Dass ich sie ohne Auto erledigen kann, ist eine neue Erkenntnis.

Tag 17: Radeln ist kommunikativ

Dass es grandios ist, bei diesem Wetter ausgiebig radeln zu dürfen, erwähnte ich gestern ja schon. Das i-Tüpfelchen dabei sind oftmals die Gespräche, die sich ergeben – natürlich immer mit mindestens zwei Metern Abstand.

Offensichtlich gibt es einige Leserinnen und Leser, die an meinem Stromradfahreralltag interessiert sind. Und die fragen mich dann gerne, wie es sich aushalten lässt, ohne Auto. Und haben Tipps für mich. Und aufmunternde Worte. Heute überholte mich ein Bekannter im Auto, ließ die Seitenscheibe herunter und rief mir zu: „Wie lange musst Du noch?“

Er wollte wissen, wann ich meinen Führerschein zurückbekomme. Ehrlich gesagt: So lange es nicht regnet, brauche ich weder Führerschein noch Auto. Das ist eine der überraschenden Erkenntnisse der letzten Wochen: Eigentlich brauche ich meinen Dienstwagen im Moment nicht aus Zeitgründen. Ich schaffe alle Termine auch so. Lediglich bei stärkerem Regen ist so ein Auto dem E-Bike wirklich überlegen.

Tag 16: Warum nicht immer Ultra?

Bei meinen gestrigen Erklärungen zur Technik des „Stromfahrrades“ habe ich etwas vergessen, das mir gerade bewusst wurde: Nämlich die entscheidende Frage, warum es diese vier Stufen gibt und man nicht immer einfach „volle Pulle“ fährt. Die Antwort ist simpel. Wenn ich den Wählschalter immer auf „Ultra“ stelle, geht’s schön zur Sache, aber nicht so lange. Vermutlich könnte ich rund 40 Kilometer Spaß haben, dann wäre der Akku leer.

Plus bedeutet mehr Spaß, Minus bedeutet Stromsparen. Die Bedienung des E-Bikes ist wirklich einfach.

Plus bedeutet mehr Spaß, Minus bedeutet Stromsparen. Die Bedienung des E-Bikes ist wirklich einfach. © Stefan Milk

Passe ich die Unterstützung vernünftig an, komme ich mit einer Akkuladung mindestens doppelt so weit. Und Spaß macht es auch noch. Von Spaß redet man in diesen Corona-Zeiten ja eigentlich nicht. Wir alle machen uns Sorgen. Um unsere Liebsten, unsere Freunde, uns selbst. Ständig denken wir an das Virus, reden darüber, bewerten neue Informationen dazu. Da ist es für mich im Moment ein Geschenk, wenn ich aufs Rad steigen kann und unter blauem Himmel und Sonnenschein durch Kamen und Bergkamen fahre, um meine Arbeit zu tun.

Tag 15: Von Eco bis Ultra, so funktioniert das Stromrad

Gestern Morgen beim Brötchenholen sprach mich ein freundlicher Leser an. Er hatte in meinem Radlertagebuch gelesen und ein paar Fragen zur Technik des E-Bike. Ich habe sie ihm, so gut ich konnte, beantwortet. Vielleicht ist das ja auch für andere Menschen interessant, deshalb hier ein paar Worte zur Funktionsweise des „Stromfahrrades“.

Wenn ich hier immer vom E-Bike schreibe, ist das, streng betrachtet, falsch. Ein E-Bike ist eigentlich ein Kleinkraftrad, für das man mindestens einen Mofa-Führerschein und ein Versicherungskennzeichen braucht. Dafür muss man nicht selbst trampeln. Was ich fahre, und zwar inzwischen richtig gerne, ist ein Pedelec.

So bezeichnet man ein Fahrrad mit elektrischer Unterstützung. Dafür braucht man keinen Führerschein, keine besondere Versicherung und auch keinen Helm. Den empfehle ich allerdings dringend!

Dieses Fahrrad hat einen Elektromotor der am Tretlager angebracht ist und mich beim Radeln unterstützt. Aber ich muss in jedem Fall selbst trampeln, damit es weitergeht. Mit einem Drehgriff links am Lenker kann ich vier Unterstützungsstufen einstellen: Eco, Sport, Power und Ultra.

Eco reicht auf flacher Strecke für gute Laune und das Gefühl leichten Rückenwinds. Mit Ultra fahre ich auch richtige Steigungen noch richtig schnell rauf. Außer den vier elektrischen „Fahrstufen“ hat das Rad noch eine Nabenschaltung mit acht Gängen, womit man seine individuelle Trittfrequenz sehr schön regulieren kann.

FOTOSTRECKE
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Die vier Unterstützungsstufen eines Pedelecs

Mit einem Drehgriff links am Lenker lassen sich vier Unterstützungsstufen eines Pedelecs einstellen: Eco, Sport, Power und Ultra. Eco reicht auf flacher Strecke für gute Laune und das Gefühl leichten Rückenwinds. Mit Ultra fahre ich auch richtige Steigungen noch richtig schnell rauf. Außer den vier elektrischen „Fahrstufen“ hat das Rad noch eine Nabenschaltung mit acht Gängen, womit man seine individuelle Trittfrequenz sehr schön regulieren kann.
02.04.2020
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„Eco“ heißt Stromsparen und totzdem Spaß haben. Auf ebener Strecke ohne starken Gegenwind macht auch diese Fahrstufe richtig Spaß. Oben links im Batteriesymbol wird die Reichweite der Akkuladung angezeigt.© Stefan Milk
„Sport“ ist der ideale Kompromiss aus sehr guter Unterstützung und ordentlicher Reichweite.© Stefan Milk
„Power“ lässt mich Anstiege und Gegenwind vergessen.© Stefan Milk
Die Fahrstufe „Ultra“ ist so, wie sie heißt. Verbraucht aber auch den meisten Strom.© Stefan Milk

Tag 14: Was nicht in die Kiste passt, passt obendrauf

Es ist Samstag, kühl aber sonnig, stahlblauer Himmel. Wäre da nicht das alles überschattende, immer präsente Coronavirus, könnte es schöner gar nicht sein. Ich starte zu einem Termin mit Jugendlichen der evangelischen Gemeinde in Oberaden, die einen Einkaufsdienst für Menschen, die Hilfe brauchen, vorstellen möchten.

Vorbildliche Initiative, über die wir gerne berichten. Anschließend nutze ich das traumhafte Licht für einige Außenaufnahmen zu Themen, über die wir in nächster Zeit informieren werden. Mittags muss ich dann meine Ausrüstung aufstocken. Gemeinsam mit dem Evangelischen Kirchenkreis wollen wir zu einem Video-Gottesdienst einladen. Den muss ich filmen und dazu brauche ich eine zweite Kamera, ein bisschen Kleinkram und ein Stativ.

Als Autofahrer hätte ich das alles morgens in den Kofferraum gepackt. Als Radfahrer muss man etwas präziser planen. Ich fahre also vor dem Termin in der Thomaskirche nach Hause, hole die nötigen Dinge aus dem Arbeitszimmer und verstaue sie in der Alukiste. Ich hatte schon das kleinste meiner Stative ausgewählt, aber auch das passt nicht in die Kiste. Ich packe es obendrauf, sichere es mit vier Spanngummis, fertig. Ich bin begeistert, wie viel Krempel ich mit diesem Rad transportieren kann.

Tag 13: Das Gewohnheitstier in mir

Die Fahrt zum ersten Termin auf dem Designer-E-Bike ist ungewohnt. Erstens finde ich das Rad zu schick für mich, zweitens fehlt mir meine Alukiste und drittens habe ich mir gerade das Auto abgewöhnt, das E-Bike angewöhnt, da kann ich doch nicht schon wieder das Gefährt wechseln.

Doch schon bald kommt der erlösende Anruf: „Dein Rad ist fertig, du kannst es abholen.“ Zügig fahre ich zur Werkstatt im Technopark und erfahre, dass eine Art Wackelkontakt die kleine Ursache mit der großen Wirkung war. Das Problem zu finden, dauerte lange. Es zu lösen, war dann für die Profis keine große Sache mehr.

Ich bedanke mich herzlich, packe meine Kameratasche in die Kiste und starte. Ein Blick auf die Uhr, es ist 10.45 Uhr. Um 11 Uhr habe ich einen Termin im Nebenzentrum in Heeren. Mit dem Auto wäre das an einem Freitag schon eine gewisse Herausforderung. Mit dem E-Bike ist es das auch. Ich trete ordentlich in die Pedale, der Strom leistet seinen Beitrag und ich stehe um 10.59 Uhr in der Mittelstraße. Manchmal ist es richtig klasse, sich nicht ins Auto setzen zu dürfen.

Tag 12: Immer diese Elektronik...

Jeder der regelmäßig mit Computern, Handys, Kameras, kurzum mit diesem ganzen Elektronikgedöns umgeht weiß es: In den unpassendsten Momenten versagen diese Dinger ohne Ankündigung und ohne erkennbaren Grund. Ich habe es gelegentlich erlebt. Warum es mich dann so überraschte, als heute aus heiterem Himmel das Stromfahrrad versagte, weiß ich nicht genau.

In meiner bisherigen Wahrnehmung waren Fahrräder immer Geräte, die ich irgendwie selbst richten konnte. Platten flicken, Bremszug auswechseln, Schaltung einstellen sind Tätigkeiten, die der geneigte Fahrradfahrer mit wenig Werkzeug und etwas Geschick hinbekommt.

Wir haben auch schon in den Pfälzer Weinbergen eine gerissene Rennradkette repariert, dazu braucht man nur ein kleines, aber spezielles Werkzeug. Wenn aber plötzlich die Unterstützung beim E-Bike trotz halbvollen Akkus ausbleibt und im Display zu lesen ist „Warten auf Antrieb“, weiß der durchaus an Technik interessierte Mensch, dass er Hilfe braucht. Also bin ich in die Werkstatt geradelt, habe ein ganz schickes Leihrad bekommen und bin gespannt, was die Ursache dieser Totalverweigerung meines kleinen 500-Watt-Freundes ist.

Tag 11: Bergauf ist das Tollste

Aus einem längeren freien Wochenende komme ich heute zurück und alles ist anders als in der vergangenen Woche. Das Coronavirus hat unseren Alltag komplett verändert. Am Wochenende in Berlin haben wir es schon deutlich gespürt, jetzt ist es mehr als deutlich. Ich treffe meine Kolleginnen und Kollegen nicht wie sonst am Morgen in der Redaktion, sondern in einer Videokonferenz.

Wir arbeiten alle zuhause, neudeutsch sagt man Homeoffice. Ich sitze also daheim im Arbeitszimmer und wir besprechen, was wir heute berichten werden, was unsere Leserinnen und Leser außer allen Informationen über das Virus noch interessieren könnte.

Und wir sprechen darüber, ob ich dieses Radeltagebuch fortsetzen sollte. In den vergangenen Tagen hatte ich überlegt, es einzustellen, es gibt schließlich im Moment wirklich Wichtigeres. Wir haben aber entschieden, dass der Mensch vielleicht auch zwischendurch etwas Heiteres lesen möchte. Und heiter wurde es dann. Das Wetter war traumhaft, blauer Himmel und der Duft von Frühling.

Ich bin kreuz und quer durch Kamen und Bergkamen gefahren, habe zig Fotos gemacht, mehrere Menschen besucht, die mir erzählt haben, wie sie dem Virus trotzen und für uns alle wichtige Arbeit tun. Am späten Mittag habe ich mir dann gegönnt, was ich schon seit Tagen vorhatte. Die Königsdisziplin des „Stromfahrrades“ sind die Steigungen. Und wo gibt es im Kreis Unna die vermutlich Steilsten? Genau: auf der Halde „Großes Holz“ in Bergkamen.

Ja, liebe Fröndenberger, glaubt es mir. Ich bin die „Eule“ zigmal ohne Strom mit dem Rennrad hochgefahren. Das ist anstrengend, die Halde ist anstrengender, weil steiler. Mit dem E-Bike ist es allerdings einfach ein Vergnügen, dort zügig hochzufahren. Kaum hatte ich oben meine Fotos gemacht, rollte ich auch schon wieder talwärts. Ich hätte größte Lust gehabt, gleich noch einmal raufzufahren, nur aus Jux, aber der Preuße in mir siegte. Ich hatte noch viel zu tun und meine Kollegen warteten.

Steigungen verursachen nur noch breites Grinsen - bergauf macht das E-Bike die größte Freude

Steigungen verursachen nur noch breites Grinsen - bergauf macht das E-Bike die größte Freude © Stefan Milk

Tag 10: Ohne Strom geht’s auch

Heute ist der letzte Tag eines langen freien Wochenendes. Die Sonne scheint, also steigen meine Frau und ich auf unsere Räder, um einer der wenigen Freizeitvergnügungen nachzugehen, die unter freiem – und in diesem Fall blauem – Himmel noch möglich sind, ohne der schrecklichen Corona-Pandemie Vorschub zu leisten.

Wir steigen wohlbemerkt auf unsere „richtigen“ , also stromlosen Tourenräder. Für mich ist es das erste Mal seit 14 Tagen, dass ich meinen nicht ganz leichten Körper und das Rad ohne Unterstützung bewege. Es geht ganz gut und ist nicht wirklich anstrengend, die rund 30 Kilometer über meist flache Feldwege zu bewältigen. Dennoch denke ich zwischendurch daran, wie schön es wird, am kommenden Tag wieder mit dauerhaftem „Rückenwind“ unterwegs zu sein.

Von der Radtour zurückgekehrt gibt es noch eine lustige Nachricht: Vor einer Woche hatte ich mein E-Bike neben einem fast identischen Rad abgestellt und über diesen netten Zufall im Tagebuch berichtet. Nun schreibt mir Barbara, dass es das E-Bike ihres Mannes war. Mit Wilhelm bin ich schon über 40 Jahre befreundet und auf seinem E-Bike habe ich auch schon gesessen als er gerade gekauft hatte. Werde ich langsam tüddelig??

Da fahren mein Freund Wilhelm und ich gewissermaßen Zwillingsräder - Sachen gibt`s!

Da fahren mein Freund Wilhelm und ich gewissermaßen Zwillingsräder - Sachen gibt`s! © Stefan Milk




Tag 9: Rückenwind ist eingebaut

Kaum habe ich gestern angekündigt, ein bestimmtes Wort vorerst nicht mehr schreiben zu wollen, ist es auch gar nicht mehr nötig: Blauer Himmel und kräftiger Wind mit zum Teil noch kräftigeren Böen lassen des E-Bikers Herz vor Begeisterung höher schlagen. Nichts hasst der Fahrradfahrer im Normalfall mehr als fiesen Gegenwind. Er raubt Kraft, zermürbt und beschädigt die gute Laune. Wer schon einmal eine längere Radtour an der Küste unternommen hat, weiß was ich meine. Ganz anders verhält es sich, wenn ein Elektromotor und ein geladener Akku den Radler unterstützen. Mit breitem Grinsen fahre ich Richtung Westen, genau gegen den Wind. Ich habe die Elektrik eine Stufe höher geschaltet und fahre, als wäre es windstill – wunderbar!

Tag 8: Auf Asphalt rollt`s am besten

Heute Morgen habe ich einen Vorsatz gefasst: Ich werde das Wort, das mit „R“ beginnt und sich auf Segen reimt, hier bis zum Wochenende nicht mehr benutzen. Das ewige Niederschlagsgejammer in diesem Tagebuch nervt mich selbst und langweilt bestimmt Leserinnen und Leser – falls ich überhaupt noch welche habe. Denen kann ich jedenfalls auch viel Schönes aus dem Radelalltag erzählen. Besonders begeistert mich da der Variantenreichtum bei der Streckenauswahl. Während ich mit dem Auto gewöhnt bin, die optimale, das heißt die schnellste Strecke zu nehmen, variiere ich mit dem E-Bike ständig meine Routen und entdecke dabei manchmal Perspektiven, die ich so noch nicht oder ewig nicht mehr gesehen habe. Förderlich dafür ist natürlich das immer besser werdende Radwegenetz. Zwar sind wir in Kamen und Bergkamen noch weit von holländischen Verhältnissen entfernt, aber besser als früher ist es schon geworden. In diesem Zusammenhang muss ich etwas loswerden, was sicher den Zuspruch aller Pedalisten finden wird: Der einzig wahre Belag für Radwege ist Asphalt! So hübsch die Alternativen auch aussehen können, für einen Radweg gibt es keine bessere Oberfläche als eine gute Schwarzdecke. Die momentane Wetterlage zeigt an allen Stellen des Radwegenetzes die deutlichen Schwächen von sogenannten wassergebundenen Decken, gepflasterte Wege sind auch nur wenige Jahre gut zu befahren, dann bilden sich immer mehr Dellen und Buckel.

Nach einigen Tagen Regenwetter sieht es auf vielen Radwegen mit wassergebundenen Decken so aus - leider.

Nach einigen Tagen Regenwetter sieht es auf vielen Radwegen mit wassergebundenen Decken so aus - leider. © Stefan Milk

Tag 7: Der Regen nervt

Nach dem schönen Wochenende, an dem es wirklich Spaß machte, mit dem Rad unterwegs zu sein, ist heute das Gegenteil der Fall. Nur die Intensität des Regens variiert. Ganz aufhören tut es nie. Ich fahre am Vormittag knapp 35 Kilometer und komme ordentlich nass und genervt wieder in die Redaktion. Das Unangenehmste an dem Wetter sind die Regentropfen auf der Brille. Einerseits behindern sie massiv die Sicht, andererseits machen sie mir die Ausweglosigkeit so deutlich: Kaum habe ich bei einem Ampelstopp die Brille geputzt, ist sie schon nach wenigen Metern wieder unbrauchbar verregnet. Nach einer Stunde am Schreibtisch steht ein Termin im Bergkamener Rathaus an. Dankbar setze ich mich auf den Beifahrersitz neben meinen Kollegen und lasse mich chauffieren. Es kann so schön sein, von A nach B zu gelangen, ohne nass zu werden.

Tag 6: Radeln auch am freien Tag

Heute habe ich frei, das hindert mich aber nicht daran, auf`s Rad zu steigen. Allerdings nutze ich es nur für ein paar Besorgungen, nicht der Rede wert. Allerdings erweist es sich in Kombination mit der großen Alukiste als überaus praktisch.

Tag 5: Sonntägliches Zwillingstreffen

Es ist Sonntag und es regnet immer noch nicht. Schade eigentlich, dass ich heute mehr am Rechner als auf dem Sattel sitzen werde. Nach dem Frühstück fahre ich zunächst über die Klöcknerbahntrasse nach Rünthe. Durch die Regengüsse der vergangenen Tage ist die Trasse stellenweise noch etwas matschig. Meine neue Schutzblechkonstruktion am Vorderrad erweist sich als optimal, meine Schuhe bleiben blitzblank. Anschließend fahre ich nach Bergkamen in den Treffpunkt. Dort findet eine Matinee zum Internationalen Frauentag statt. Vor dem Treffpunkt stehen einige Fahrräder und E-Bikes. Ich stelle mein Rad dazu. Erst als ich es abschließe, stelle ich fest, dass ich neben einem baugleichen E-Bike in derselben Farbkombination parke. Zufälle gibt es!

Zwillingstreffen vor dem Treffpunkt in Bergkamen. Mein Rad unterscheidet sich nur durch die Alukiste vom Baugleichen.

Zwillingstreffen vor dem Treffpunkt in Bergkamen. Mein Rad unterscheidet sich nur durch die Alukiste vom Baugleichen. © Stefan Milk

Tag 4: Auch Radler können rasen

Das könnte mein Tag werden: Das Vorderrad hat einen neuen Schlauch, der Himmel hat mehr blaue Flächen als Wolken und ich habe viel zu tun. Die Termine liegen so, dass ich heute im Laufe des Tages alle Ortsteile von Kamen und Bergkamen besuchen werde. Am Morgen fahre ich erstmal nach Heil. Herrliches Wetter, gute Stimmung. Nachdem ich den „Frühjahrsputz“ fotografiert habe, geht es nach Weddinghofen. Von dort muss ich nach Kamen zurückradeln. Ich entscheide mich, durch die Felder über die Lünener Höhe zu fahren. Mit Stromunterstützung den Berg hochzufahren, macht Riesenspaß. Oben angekommen schalte ich die Unterstützung aus, trete ordentlich in die Pedale und fahre mit gut 44 km/h bergab. Das macht auch Riesenspaß, bis mir bewusst wird, dass ich durch eine Tempo-30-Zone rase. Die Vernunft siegt und ich bremse. Heute ist der erste Tag ohne Regen und das soll ganztägig so bleiben. Nach meinem letzten Abendtermin radle ich nach Hause und stelle fest, dass ich heute 73,4 Kilometer zurückgelegt habe. Nicht schlecht.

Die samstägliche Kilometerleistung. Und kein Regentropfen während der Fahrten!

Die samstägliche Kilometerleistung. Und kein Regentropfen während der Fahrten! © Stefan Milk




Tag 3: Zeit für die erste Panne – und ein Leihfahrrad

Die gute Nachricht des Morgens ist, dass es nicht schlimmer regnet als am Abend zuvor. Die schlechte Nachricht ist: Es ist deutlich kälter. Nach knapp vier Kilometern habe ich trotz guter Handschuhe eisige Finger. Aber es ist ja noch früher Morgen, bestimmt bessert sich das Wetter im Laufe des Vormittags. Als ich heute trotz des Wetters fröhlich aus dem Haus ging, schaute meine Frau mich bei der Verabschiedung skeptisch an. Sie glaubt, ich nähme Psychopharmaka oder noch Schlimmeres.
Dabei hat meine gute Laune nur den Grund, dass ich Optimist bin. Solange es nicht schneit, kann mich das Wetter nicht vom Radeln abhalten. Das dachte ich bis zum späten Vormittag. Nach knapp 30 absolvierten Kilometern freute ich mich etwas durchnässt darüber, dass es nur noch leicht nieselte. Ich hatte gerade an der Seseke in Oberaden angehalten, um das Hochwasser zu fotografieren. Ich weiß nicht, ob es etwas mit Murphys Gesetz zu tun hatte, jedenfalls hörte ich ein leises Zischen. Aus dem Vorderreifen entwich die Luft.
Nun weiß ich als relativ passionierter Fahrradfahrer, dass es keine wirklich „unplattbaren“ Reifen gibt. Fahre ich mit dem Rennrad, habe ich das Notfallset unter dem Sattel. Machen wir größere Radtouren, sind Ersatzteile und Werkzeug in einer der Packtaschen.
Warum ich Idiot bis dato der Meinung war, mit dem E-Bike könne nichts passieren, ist mir nun ein Rätsel. Nach einer Stunde Schieben über den Sesekeradweg bin ich jedenfalls von den Jungens von Rad & Tat mit einem Leihfahrrad versorgt worden, mit dem ich zum nächsten Termin fuhr.
Jetzt hole ich mein repariertes Rad ab und werde sofort ein Notfallset in die Alukiste packen. Ich möchte nicht noch einmal schieben.

Tag 2: Vor der Auto fahrenden Kollegin beim Termin

Der frühmorgendliche Blick aus dem Fenster lässt mich kurz überlegen, auf die Dusche zu verzichten. Auf dem Weg in die Redaktion würde ich nass genug. Ich dusche dennoch daheim. Während des Frühstücks stelle ich erfreut fest, dass es draußen aufklart. Als wir gemeinsam unser Haus verlassen, kommentiert meine Frau schmunzelnd mein gesteigertes Interesse am Wetter. Sie hat recht, ich beobachte die Wetterlage intensiv, sowohl auf diversen Apps als auch in natura. Fahrradfahren finde ich prima, mit Stromunterstützung ist es ein noch größerer Spaß. Stärkerer Regen allerdings ist auf dem Rad der Spaßkiller. Am Vormittag erledige ich verschiedene Termine ohne Zeitdruck – und ohne Regen. Auf dem Weg von Bergkamen ins Kamen Karree überhole ich meine Kollegin, die von der Kamener Redaktion aus mit dem Auto zum selben Termin fährt wie ich. Bei dem dichten Verkehr auf der Unnaer Straße ist das E-Bike auf dem Radweg dem Auto überlegen. Ich trete ordentlich in die Pedale und bin vor ihr da.

Am Nachmittag muss ich zum Bergkamener Rathausplatz, das sind knappe fünf Kilometer und nicht der Rede wert. Als ich nach meinem Termin zurück nach Kamen fahre, regnet es ordentlich.

Überaus praktisch nicht nur bei Regenwetter: Die robuste Alubox, in die meine Fotoausrüstung und einiges mehr passt.

Überaus praktisch nicht nur bei Regenwetter: Die robuste Alubox, in die meine Fotoausrüstung und einiges mehr passt. © Stefan Milk

Das ist die Bewährungsprobe für meine Alu-Box. Die Kameratasche samt Inhalt bleibt wunderbar trocken, genauso wie die Regenhose und die Regenjacke, die ich vorsorglich am Vortag in diese Kiste gepackt hatte. Beides hätte ich vor der Abfahrt besser anziehen sollen, dann wäre ich jetzt nicht klatschnass. Nur aus Fehlern lernt man eben richtig… Der letzte Termin des Tages führt mich ins Bürgerhaus im schönen Methler. Anschließend geht`s nach Hause. 52,1 Kilometer bin ich heute mit guter Unterstützung des Elektromotors geradelt und der Akku hat immer noch Ladung für 34 Kilometer. Ich glaube, den werde ich an einem Arbeitstag nicht leer fahren.

Tag 1: Schuhe und Hose komplett versaut, aber Spaß dabei

Die Wetterlage ist durchwachsen, meine Motivation dennoch hoch. Mein erster Termin ist im Museum in Bergkamen-Oberaden. Mit dem Auto über die Lünener Straße dauert das eine Viertelstunde bei normaler Verkehrslage. Ich starte am Pressehaus am Kamener Marktplatz und entscheide, über den Sesekeradweg durch Methler nach Oberaden zu fahren. Nach gut acht Kilometern und 20 Minuten später stehe ich vor dem Museum. Die Strecke ist schön, grün und entspannend. Es hat Spaß gemacht. Allerdings stelle ich fest, dass unser E-Bike nicht wirklich regentauglich ist. Das Schutzblech des Vorderrades ist zu schmal und zu kurz, meine Schuhe und meine Hose sind komplett versaut. Trotzdem machen mir die anschließenden Fahrten großen Spaß, es regnet nicht, gelegentlich blitzt die Sonne durch Wolkenlücken.

Am Nachmittag fahre ich ins E-Bike-Center im Technopark. Die freundlichen Mechaniker erkennen das Problem und stehen mir mit Rad und Tat zur Seite. Als ich abends nach Hause fahre, sagt der Bordcomputer, dass ich gut 40 Kilometer geradelt bin. Es kam mir deutlich weniger vor.

Radeln bei Regen: Verdreckte Schuhe und Hose sind Folgen eines zu schmalen Schutzbleches am Vorderrad.

Radeln bei Regen: Verdreckte Schuhe und Hose sind Folgen eines zu schmalen Schutzbleches am Vorderrad. © Stefan Milk

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