Gras, Ganja, Odd – Marihuana hat viele Namen und wird neben anderen Drogen auch in Kamen illegal verkauft. Doch welches Ausmaß hat der Rauschgifthandel und -konsum vor Ort?

Kamen

, 09.11.2018, 17:38 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer mit offenen Augen, oder besser gesagt mit einer aufmerksamen Nase durch die Sesekestadt schlendert, der ist vielleicht auch schon einmal in eine süßliche Duftwolke getappt. Ein kurzer Blick in die Umgebung reicht oftmals aus, um die dünnen Rauchfäden auszumachen, die aus einem Joint schwirren, oder die dicken Wolken, die aus modernen Verdampfern (engl. Vaporizer) quellen.

Es sollte keine Überraschung sein, dass illegale Drogen wie Marihuana auch in Kamen konsumiert und verkauft werden. Doch wie schlimm ist die Drogenkriminalität in der Sesekestadt wirklich? Die Polizei weiß die Antwort.

Stefan Krursel, Erster Kriminalhauptkommissar, ist der Leiter des Kommissariats 1 der Kreispolizei Unna und hat sein Büro in der Kamener Polizeiwache. Von dort hat er einen guten Ausblick auf den Kamener Bahnhof. Was in manchen Städten ein Hotspot für Drogenhandel ist, sei in Kamen recht harmlos, meint Krursel. „Wir sind hier ja direkt daneben“, sagt er.

Krursel kann man getrost als Experten für Drogenkriminalität bezeichnen. Seit 1985 ist er Polizist, seit 1995 bei der Kripo. Zehn Jahre hatte er als Sachbearbeiter mit Drogenkriminalität zu tun gehabt, nun leitet er das Kommissariat 1, das sich ebenso mit dieser Problematik beschäftigt. Sachbearbeiter heißt in diesem Fall übrigens nicht, dass Krursel das Themenfeld nur von der Schreibtischarbeit her kennt. Einsätze, Festnahmen und Ermittlungen gehören zu dieser Arbeit.

Kein Drogenzentrum

Als der Erste Kriminalhauptkommissar auf die Drogenfunde aus der Asservatenkammer blickt, weiß er den Stoff richtig einzuordnen. „Wenn Sie gutes Gras rauchen wollen, nehmen Sie dieses“, sagt er im Spaß, schmunzelt und zeigt auf eine große Plastiktüte mit dicken, klebrigen Blüten. Der Inhalt der Tüte daneben sei wahrscheinlich nicht so gut, „da sind ja auch noch Stängel mit dabei.“

Der Polizist weiß, dass Kamen bei weitem kein Zentrum des Drogenhandels ist. Laut Polizeiangaben gab es im Jahr 2017 71 Verstöße mit Cannabisprodukten (2016: 73). Zehn Verfahren gab es 2017 wegen Handel mit Cannabisprodukten (2016: 16), für das Jahr 2018 erwartet die Polizei ähnliche Zahlen. Bei Amphetaminen, neben Cannabis wohl die beliebteste Droge in der Region, gab es zehn Verstöße im Jahr 2017 (2016: 22) und in beiden Jahren drei Verfahren wegen Handels mit der Droge. Hier rechnet die Polizei mit rückläufigen Zahlen für das Jahr 2018.

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Die Drogen kommen auf verschiedenen Wegen in die Sesekestadt, vielfach aus größeren Städten in der Region, etwa Dortmund oder Hamm. „Kamen hat, wie sicherlich jede andere Kommune in Deutschland auch, seine Drogenprobleme“, fasst die Polizei die Bewertung zusammen, „besondere Auffälligkeiten sind im Vergleich zu den Nachbarstädten bisher nicht festgestellt worden.“

Eine hohe Dunkelziffer

Doch die Zahlen bilden nicht zwingend die Realität ab. „Sicherlich gibt es im Bereich der Drogendelikte eine hohe Dunkelziffer“, heißt es vonseiten der Polizei. Zudem bezeichne man diese Art der Verbrechen auch als „Kontrolldelikte“. Das heißt: Je mehr Kontrollen durchgeführt werden, desto höher die Zahl der registrierten Delikte.

„Wir versuchen, auf die Händlerebene zu gehen“, sagt Krursel. Das gehe aber meistens mit umfangreichen Ermittlungen einher, manchmal mit Einsatz von massiven Überwachungsmaßnahmen, etwa dem Abhören des Telefons. Doch das sei in Zeiten der Personalknappheit nicht immer einfach zu bewältigen. „Die Tischdecke ist an allen Ecken zu kurz“, meint der Erste Kriminalhauptkommissar, „zieht man sie an einer Ecke zurecht, reicht es für die anderen Seiten nicht mehr.“

Was Krursel zudem stört, ist die seiner Meinung nach recht einseitig und verharmlosend geführte Diskussion über das Thema, besonders in Bezug auf Cannabis. „Dafür müssen sie nur einmal 1-Live hören, um zu wissen, wie darüber gesprochen wird“, sagt er. Besonders bei jüngeren Konsumenten herrsche oft ein geringes Unrechtsbewusstsein. „Die sehen die Gefahr nicht mehr“, mahnt der Polizist. Cannabis sei zudem heutzutage wesentlich stärker als das Gras, das noch vor einigen Jahrzehnten geraucht wurde.

Nationen wie Uruguay, Kanada und vielleicht auch bald Mexiko haben sich jedoch dazu entschlossen, den Konsum von Cannabis zu legalisieren. Ob das für Deutschland der richtige Weg ist, möchte Krursel nicht beurteilen. „Das ist sehr schwierig. Ich finde, dass das ein sehr facettenreiches Thema ist“, meint er.

Doch fest steht auch für ihn, dass die Legalisierung dazu führen würde, dass sich die Polizeibeamten verstärkt auf andere Bereiche konzentrieren könnten. „Dann könnte man sich zum Beispiel intensiver um harte Drogen kümmern“, nennt Krursel eine Möglichkeit.

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