Eva Ludwiczak unterstützt Sohn Jaron im Homeschooling. Sie wechselt sich mit ihrem Mann bei der Betreuung während des Lockdowns ab. Beide arbeiten zurzeit im Homeoffice. © privat
Familien in Kamen

Drei Familien erzählen: So läuft Kinderbetreuung und Homeoffice parallel

Wie läuft der Alltag im Lockdown für Familien, deren Kinder zurzeit auf Distanz unterrichtet werden? Drei Kamener Familien geben Einblicke in ihren Alltag und sprechen über Herausforderungen.

Von 8 bis 8.50 Uhr stehen Deutschaufgaben auf dem Programm des 6-jährigen Jaron. Um 9 Uhr startet dann die Videokonferenz mit seiner Klassenlehrerin, danach löst er Matheaufgaben, bevor es dann Freizeit gibt und er später beim Tischdecken für das Mittagessen hilft.

Seine Mutter Eva Ludwiczak hat den Plan für ihren Sohn auf eine Tafel geschrieben. Jaron bekommt auch jeden Tag geschmierte Brote in einer Dose für den Vormittag im Homeschooling, so wie vor dem Lockdown. Um 10 Uhr steht eine Frühstückspause auf der kleinen Tafel. „Für den Vormittag gibt es klare Ziele“, sagt Eva Ludwiczak. Sie und ihr Mann Thomas haben sich für die Tage im Homeschooling eine klare Struktur überlegt.

Das ist aber nicht nur hilfreich für Jaron und seine ältere Schwester Charlotte, sondern auch für die Eltern. Beide arbeiten zurzeit im Homeoffice. Das ist ein Vorteil und erleichtert die Betreuung. Doch es ist gleichzeitig eine Herausforderung. Diese Erfahrung hat Eva Ludwiczak auch schon vor dem Lockdown gemacht, als Sohn Jaron zwei Wochen in Quarantäne bleiben musste, weil es einen Corona-Fall in seiner Klasse gab.

Zusätzliche Krankentage helfen nicht allen Eltern

Eva Ludwiczak arbeitet in Teilzeit beim Sparkassenverband Münster. Eigentlich arbeitet sie an vier Tagen der Woche, zurzeit aber an fünf, damit sie an den einzelnen Tagen jeweils mehr Zeit für die Betreuung der Kinder hat. Doch die brauchen natürlich auch mal während ihrer Arbeitszeit Hilfe.

Auf der anderen Seite braucht Ludwiczak auch Ruhe für ihre Arbeit – zum Beispiel, wenn sie eine Web-Veranstaltung leitet. „Dann braucht man kein Kind, das reinkommt“, sagt die 39-Jährige. Es sei eine Herausforderung, zwischen den Bedürfnissen der Kinder und dem eigenen Job, der Konzentration erfordert, gerecht zu werden und hin- und her zu switchen. Und nicht zu vergessen, kommt zum Homeschooling und Homeoffice noch das Homecooking, das nebenher gemanagt werden will.

Pia Biernath arbeitet zurzeit im Homeoffice. Tochter Mila (9, links) und Sohn Lukas (11) sind momentan im Homeschooling. Die Kinderbetreuung und die eigene Arbeit unter einen Hut zu bekommen, ist manchmal eine Herausforderung. © Stefan Milk © Stefan Milk

Eine Herausforderung, die auch Pia Biernath kennt, die mit ihre neunjährigen Tochter und ihrem elfjährigen Sohn auch gerade Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut bringen muss. Während der Arbeit brauchen die Kinder Unterstützung bei der Gedichtanalyse, Matheaufgaben oder haben Fragen zum Sonnensystem. Auch bei den Biernaths findet die Schule morgens statt, andere Aufgaben werden teils drumherum geplant.

Biernaths Job lässt das zu. Aber das ist nicht in jeder Familie so umsetzbar. Die zusätzlichen Krankentage, die Eltern mehr Zeit für die Betreuung verschaffen sollen, seien zwar nett. „Aber dafür muss man die eigene Arbeit auch ruhen lassen können, das kann nicht jeder machen. Nicht alle sind ersetzbar und auch der Chef muss mitspielen“, gibt Biernath zu bedenken. Vielen hilft diese neue Möglichkeit also nicht unbedingt und es liegt an den Familien, die Situation zu stemmen.

Eltern teilen sich die Betreuung während des Lockdowns auf

Familie Ludwiczak hat derweil einen Plan erarbeitet, damit einerseits die Kinder bestmöglich unterstützt werden, beide Elternteile aber auch freie Zeit zum konzentrierten Arbeiten haben. Vater Thomas unterstützt Jaron morgens bis 10 Uhr bei den Deutschhausaufgaben, während seine Frau in Ruhe arbeiten kann. Tochter Charlotte, die elf Jahre alt wird und das Gymnasium besucht, kann derweil schon gut selbstständig arbeiten.

„Du hast vier Geduldsfäden und drei sind gerissen.“

Jaron (6) zu seiner Mutter

Nach 10 Uhr soll soll Jaron dann bestmöglich alleine arbeiten – so die Theorie. Es sei aber auch schon einmal vorgekommen, dass er sich dann vor den Fernseher gesetzt hat, weil er genau wusste, dass beide Eltern gerade beschäftigt sind und nicht eingreifen können, erzählt Eva Ludwiczak ehrlich. Und damit spricht sie wahrscheinlich vielen Eltern aus der Seele. Dass ein Kind im Grundschulalter sich

am Vormittag alleine freiwillig seinen Aufgaben widmet, ist wohl eher die Ausnahme.

Eva und Thomas Ludwiczak haben für ihre Kinder Pläne erstellt, damit der Tag im Homeschooling Struktur bekommt. © privat © privat

Zufrieden sei sie damit nicht, aber über solche Situationen müsse man dann auch mal hinwegsehen, wenn sie sich in diesem Moment nicht vermeiden lassen, findet Eva Ludwiczak – und nimmt mit diesem Satz manchem Elternteil vielleicht den Stress. Es muss und kann eben nicht immer alles perfekt laufen. Vor allem jetzt.

Ein Faktor, der das Homeschooling bei den jüngeren Kinder erschwert, ist laut Eva Ludwiczak, dass die Kinder anders auf die eigenen Eltern reagieren als auf die Lehrerin, die die Aufgaben stellt. Da ist dann schonmal Überzeugungsarbeit nötig, damit die Aufgaben erledigt werden.

Am Ende der zweiwöchigen Quarantäne vor Weihnachten habe sie von ihrem Sohn zu hören bekommen: „Du hast vier Geduldsfäden und drei sind gerissen“, schmunzelt die 39-Jährige. Das war allerdings bevor sich die Eltern die Betreuungszeit aufgeteilt haben. Jetzt läuft es besser.

Kindern fehlen die sozialen Kntakte und der Sport

Familie Ludwiczak ist nur eine von vielen Familien, die zurzeit mit dieser außergewöhnlichen Situation umgehen müssen. Als manchmal „kräftezehrend“ bezeichnet auch die Kamenerin Katharina Großkraumbach, die zwei Töchter im Alter von acht und zwölf Jahren hat, die Situation. Mit ihrem Mann und den beiden Kindern lebt auch sie in einem Haus mit Garten und hat die Chance, im Homeoffice zu arbeiten.

Die Stunden kann sich die Mutter recht flexibel einteilen und zur Not umplanen, wenn eine der Töchter Unterstützung braucht. Die 43-Jährige weiß aber, dass das nicht allen Familien so geht und schätzt ihr Glück. Ein Vorteil sei auch, dass die Töchter sich gut verstehen und miteinander beschäftigen.

Die drei Mütter sind sich einig: Die Kombination aus Homeoffice und Homeschooling ist eine Herausforderung für Eltern. In allen drei Familien klappt es dennoch gut. Es ist vor allem eine andere Sache, die ihnen Sorgen bereitet: Die fehlenden sozialen Kontakte der Kinder und die Freizeitaktivitäten, die weggebrochen sind.

Die Zeit im Sportverein und das Treffen von Freunden fehlt. Mit Spaziergängen und Ausflügen wird für Auslastung gesorgt, ein richtiger Ersatz ist das aber nicht. Ludwiczak, die Turnlehrerin beim VfL Kamen ist, bietet digitale Turnstunden an, bei denen auch Tochter Charlotte mitmacht. „Aber das kann die zwei mal zwei Turnstunden, die sie sonst hat, nicht auffangen.“

Über die Autorin
Jahrgang 1991. Vom Land in den Ruhrpott, an der TU Dortmund studiert, wohnt jetzt in Bochum. Hat zwei Katzen, liest lieber auf Papier als am Bildschirm. Zu 85 Prozent Vegetarierin, zu 100 Prozent schuhsüchtig.
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Claudia Pott
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