Andreas Schött hat diesen Doppeldecker der Marke Kiebitz meisterlich auf einem Weizenfeld notgelandet und sich dabei nur wenige Schrammen geholt. © Carsten Fischer
Flugzeugunglück

Doppeldecker-Pilot (47) schildert Bruchlandung im Weizenfeld

Erst 500 Meter Höhe überm Kamener Kreuz, dann Motorausfall und Bruchlandung im Weizenfeld. Andreas Schött aus Schwerte schildert dramatische Augenblicke an Bord seines Doppeldeckers.

Andreas Schött aus Schwerte hat eine Bruchlandung mit seinem Kiebitz-Doppeldecker wie durch ein Wunder mit wenigen Schrammen überstanden. Sein T-Shirt ist mit Blut besprenkelt, quer über seiner Nase klebt ein Pflaster, an der Stirn prangt eine frische Macke. Fünf Stunden zuvor musste der 47-Jährige wegen technischer Probleme hart in einem Getreidefeld unweit des Flugplatzes in Kamen notlanden. Das Flugzeug ist ein Totalschaden.

Jetzt steht Schött in einem Hangar des Flugplatzes der Luftsportfreunde Kamen/Dortmund. Der zweisitzige Ultraleichtflieger, in den er zahlreiche Arbeitsstunden hineingesteckt hat, gibt einen trauriges Bild ab: Das Fahrwerk ist eingebrochen, dem Propeller fehlt die Spitze und hängt schief, die Motorabdeckung teilweise zerrissen.

„Man hat nicht viel Zeit, und dann geht es auch schon wie im Fahrstuhl abwärts.“

Andreas Schött

Schött befand sich im regulären Landeanflug auf den Flugplatz. „Dabei ist dann der Motor mit der Elektrik komplett ausgefallen und war auch nicht mehr anzubekommen“, schildert Schött nüchtern den dramatischsten Moment seiner Fliegerlaufbahn. „Der Flugplatz war dann leider zu weit weg, und so musste ich dann ins Feld runtergehen und dort die Notlandung machen.“

Innerhalb von Sekunden muss Schött sich für einen Landeplatz entscheiden. Die Autobahn? Kommt nicht in Frage. „Da muss man sich fernhalten“, sagt er. Also ein Feld oder eine Wiese. „Dieses Flugzeug gleitet nicht so gut. Man hat nicht viel Zeit, und dann geht es auch schon wie im Fahrstuhl abwärts.“

Der Pilot sieht bloß ein nicht gerade ideales Weizenfeld nordwestlich der Piste, leider keine gemähte Wiese. „Man kann auch nicht groß kurven, weil dann die Geschwindigkeit höher sein müsste“, sagt er.

Plötzlich taucht ein Graben auf

Die Kiebitz gleitet unter Schötts voller Kontrolle immer tiefer. Gleich wird sie in die wogenden Weizenspitzen eintauchen, plötzlich wird ein Graben sichtbar. „Da musste ich noch drüberziehen.“ Falls sich das starre Fahrgestell verhakte, würde er sich überschlagen. Mit 50 bs 60 km/h kommt der Boden näher, dann setzt Schött auf – mit viel, viel Gefühl und fliegerischem Können.

Wo das Flugzeug gelandet ist, ist noch deutlich zu erkennen. Weizen hat sich in der zersplitterten Außenhülle verfangen.
Wo das Flugzeug gelandet ist, ist noch deutlich zu erkennen. Weizen hat sich in der zersplitterten Außenhülle verfangen. © Carsten Fischer © Carsten Fischer

„Überraschend abrupt“ kommt das Flugzeug zum Stillstand. Die Maschine wird so stark abgebremst, dass der angeschnallte Pilot nach vorne geschleudert wird und mit der Nase und mit der Stirn gegen die Scheibe des offenen Cockpits prallt. Dabei verletzt er sich leicht. „Wenn da eine Bodenwelle gewesen wäre und ich mich überschlagen hätte, wäre das wohl nicht so glimpflich ausgegangen“, sagt er.

Mit blutigem Gesicht klettert der meisterlich gelandete Pilot aus dem offenen Cockpit. „Ich bin ja selbst Rettungsdienstler, Feuerwehrmann, Rettungsassistent und habe auch selbst schon im Einsatz Flugunfälle erlebt, auch tödliche“, erzählt er. „Deshalb geht man auch mit Respekt an diese ganze Maschinerie ran.“

Plötzlich klingelt das Telefon

Noch bevor Schött den Notruf wählen kann, klingelt sein Handy. Die Kiebitz ist mit einem automatischem Crashmelder ausgestattet, sodass sich eine Notrufzentrale meldet. „Sind Sie an den Knopf gekommen?“ – „Nein, ich bin im Feld gelandet.“ – Aber es geht Ihnen gut? – „Ja.“

Dann ruft Schött seine Kollegen auf der Feuer- und Rettungsleitstelle des Kreises Unna an, wo er als Disponent arbeitet. „Notruf 112 und dem Kollegen gesagt, dass er sich nicht erschrecken soll.“

Abschlepper nimmt den Vogel an den Haken

Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei eilen kurz nach 5.30 Uhr am Samstagmorgen zur Unfallstelle. Schött wird zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus gebracht, wenig später erscheint er schon wieder auf dem Flugplatz und ist beim gemeinsamen Frühstück dabei. Mehrere Vereinskollegen waren bei Morgenanbruch zum alljährlichen „Sunrise-Fliegen“ gestartet. Ein Abschleppunternehmen hat das Flugzeug unmittelbar aus dem Feld geholt und in den Hangar gebracht.

Wirtschaftlicher Totalschaden

„Schade“, sagt der gelernte Kfz-Mechaniker beim Anblick des ramponierten Vogels. Die Polizei ist bei der Unfallaufnahme von einem wirtschaftlichen Totalschaden in Höhe von 25.000 Euro ausgegangen. „Das ist ein Eigenbau, vom Vorvorbesitzer selbst gebaut, und es ist in einem fast neuwertigen Zustand – gewesen“, sagt Schött. Seine Stimme stockt kurz, bevor er den Satz abschließt. Wie wird es jetzt weitergehen?

Dass dieses Flugzeug nicht klar zum Fliegen ist, lässt sich auch ohne das Schild erkennen: Das Fahrwerk ist eingebrochen, die Propellerspitze abgebrochen.
Dass dieses Flugzeug nicht klar zum Fliegen ist, lässt sich auch ohne das Schild erkennen: Das Fahrwerk ist eingebrochen, die Propellerspitze abgebrochen. © Carsten Fischer © Carsten Fischer

Ein Reparatur in der Werkstatt ist wohl unbezahlbar, also kommt nur Eigenleistung durch einen Kenner infrage. Die Oberfläche begradigen, den Motor überprüfen, die Cowling erneuern, das Fahrwerk ersetzen und Rohre checken. „Ich werde das selbst nicht tun, weil ich schon zeitlich nicht die Möglichkeiten dazu habe“, meint der gelernter Kfz-Mechaniker. „Man verliert natürlich auch ein Stück weit Vertrauen in so ein Flugzeug.“

Ursache des Motorausfalls unklar

Warum der Motor ausfiel, ist unklar. Die Luftsportfreunde Kamen/Dortmund haben der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung den Vorfall gemeldet, eine offizielle Untersuchung wird es wegen des glimpflichen Ausgangs des Unglücks vermutlich nicht geben.

Auf dem blutbesprenkelten T-Shirt von Andreas Schött ist eine Comicfigur abgebildet, die auf einer Bombe reitet. „Lady Luck“ steht darauf. Glück gehabt – bei der Bruchlandung am Kamener Kreuz.

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1973, aufgewachsen im Sauerland, wohnt in Holzwickede. Als Redakteur seit 2010 rund ums Kamener Kreuz unterwegs, seit 2001 beim Hellweger Anzeiger. Ab 1994 Journalistik- und Politik-Studium in Dortmund mit Auslandsstation in Tours/Frankreich und Volontariat bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund, Lünen, Selm und Witten. Recherchiert gern investigativ, zum Beispiel beim Thema Schrottimmobilien. Lieblingssatz: Der beste Schutz für die liberale Demokratie ist die Pressefreiheit.
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Carsten Fischer

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