Dieses Tier hat soooo eine Krawatte! Fesselndes Naturschauspiel an der Seseke

dzPhänomen am Fluss

Noch kann man sie an der Körne beobachten: Jetzt schließen sich die Krawatten-Köcherfliegen im Zick-Zack-Flug zu einer auffälligen Choreografie zusammen. Die Männchen sind hervorragende Tänzer.

Kamen

, 26.10.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nicht das „fliegende Auge“, wie einst ein Hubschrauber-Spielfilm mit Weiße-Hai-Schauspieler Roy Scheider hieß. Sondern die schwebende Krawatte.

Ein Naturschauspiel, das derzeit noch an Seseke und Körne in Kamen, Bergkamen und Methler zu sehen ist. „Bis etwa Ende dieses Monats schließen sich die Krawatten-Köcherfliegen im Zick-Zack-Flug zu einer auffälligen Choreografie zusammen“, berichtet Anne-Kathrin Lappe vom Lippeverband, der das Insekt zum Lippeverbands-Bewohner des Monats gekürt hat.

„Insbesondere die Männchen sind hervorragende Tänzer“, sagt sie. Einmal gelandet, sehen die zarten Insekten wie schwarze Miniatur-Krawatten aus. Auch anhand ihrer schwarz-weiß geringelten und extralangen Fühler sind sie gut zu erkennen.

Die Larven gelten als verlässliche Anzeiger für eine gute Gewässerqualität. Ungewöhnliche Insekten werden auch von weiteren Biologen gemeldet: Wie die Schmetterlingsart „Blutströpfchen“, die Klaus-Bernhard Kühnapfel an der Körne sichtete.

Dieses Tier hat soooo eine Krawatte! Fesselndes Naturschauspiel an der Seseke

Sylvia Mählmann, hier mit Kollegin Sandra Buchholz, bei der Probenahme an der Lippe. Die beiden Mitarbeiterinnen des Lippeverbandes sind der Krawatten-Köcherfliege auf der Spur. © Lippeverband

Der betörend schöne Schwarmflug

Der betörend schöne Schwarmflug der Männchen, so berichtet Lappe weiter, sei allerdings nur Mittel zum Zweck: Die anschließende Paarung geht recht ruppig vonstatten.

Nähert sich ein Weibchen, packt das Männchen es mit haarigen, speziell zu diesem Zweck gestalteten Oberkiefern. Die nur wenige Sekunden andauernde Paarung vollziehen sie geschützt in der Vegetation. Dann legt das Weibchen die Eier in der Nähe des Tanzplatzes ab.

„Die Krawatten-Köcherfliegen benötigen nicht nur klares, sauberes Wasser. Auch eine ungestörte Ufervegetation ist enorm wichtig für ihre Entwicklung“, weiß Sylvia Mählmann, Biologisch-technische Assistentin beim Lippeverband. Daher seien naturbelassene Randzonen von entscheidender Bedeutung für die Artenvielfalt und ein funktionierendes Ökosystem.

Dieses Tier hat soooo eine Krawatte! Fesselndes Naturschauspiel an der Seseke

Im Frühjahr baut die Larve einen ortsfesten Puppenköcher. Diese Röhre ist mit einer Membran verschlossen. So geschützt, entwickelt sich eine Puppe, die sich nach ungefähr einem Monat aus dem Köcher befreit und an die Wasseroberfläche schwimmt. © Lippeverband

Seidentapete im Larven-Mobilheim

Die Larven der Krawatten-Köcherfliege wachsen im Wasser auf, sobald sie ihre schützenden Eier verlassen haben. Ihre erste Tat: der Aufbau eines Basislagers, aus einem selbstgesponnenen Fadengerüst auf festem Grund.

Danach gehen sie richtig ans Werk. Die Larven lieben eine luxuriöse Behausung, für deren Gestaltung sie sich Zeit lassen. Sie sammeln Sandkörnchen und Pflanzenteile, die sie kunstvoll miteinander verkleben. Der finale Clou: die Auskleidung der Wohnröhre mit gesponnener Seide. Dann kann die Larve die Ankerverbindung zum Basislager abbeißen und mit ihrem Luxus-Mobilheim losziehen.

Jetzt lesen

Mobilheim wächst mit: Vorne Anbau hinten Abbiss

Als „Flexitarier“ ernährt sich die Krawattenfliegen-Larve vorwiegend von Pflanzenteilen, verschmäht aber auch kleinere Tiere oder Aas nicht. Während der drei bis vier Wachstumsstadien passt sie ihr Mobilheim kontinuierlich ihrer Größe an. Vorne baut sie an, hinten knabbert sie ab.

Der ganze Aufwand hat einen Zweck: Der Köcher dient als Schutzraum und Tarnung gegenüber Fressfeinden, denn für Fische oder größere Insekten wäre die kleine Köcherfliege ein gefundenes Fressen.

Im Frühjahr baut die Larve einen ortsfesten Puppenköcher. Diese Röhre ist mit einer Membran verschlossen.

So geschützt, entwickelt sich eine Puppe, die sich nach ungefähr einem Monat aus dem Köcher befreit und an die Wasseroberfläche schwimmt. Pflanzenteile und Steine, die aus dem Wasser ragen, sind dann geeignete Stellen für den weiteren Schlüpfvorgang.

Durch kräftige Pumpbewegungen bringen sie eine Nahtstelle auf ihrem Rücken zum Platzen. In wenigen Minuten schlüpft das erwachsene Insekt. Die leeren Hüllen lassen sich noch lange Zeit in der Ufervegetation finden.

Fließgewässer sind die Lebensadern der Landschaft

Ökologische Entwicklung der Gewässer

Über den Lippeverband

  • Der Lippeverband ist ein öffentlich-rechtliches Wasserwirtschaftsunternehmen, das Aufgaben für das Gemeinwohl mit modernen Managementmethoden erbringt und als Leitidee des eigenen Handelns das Genossenschaftsprinzip lebt.
  • Seine Aufgaben sind in erster Linie die Abwasserentsorgung und -reinigung, Hochwasserschutz durch Deiche und Pumpwerke und die Gewässerunterhaltung und -entwicklung. Dazu gehört auch die ökologische Verbesserung technisch ausgebauter Nebenläufe.
  • Darüber hinaus kümmert sich der Lippeverband in Abstimmung mit dem Land NRW um die Renaturierung der Lippe. Dem Lippeverband gehören zurzeit 155 Kommunen und Unternehmen als Mitglieder an, die mit ihren Beiträgen die Verbandsaufgaben finanzieren.

„Fließgewässer sind die Lebensadern unserer Landschaft“, sagt Lappe. Sie böten Menschen nicht nur Erholung, sondern seien als Ökosysteme unverzichtbar und schützenswert.

Und: Ein Großteil der Wasserlebewesen sind wirbellose Tiere (Makrozoobenthos), die häufig am Boden oder Rand des Gewässers leben. Dazu gehören unter anderem. Wasserinsekten, Krebstiere, Schnecken und Muscheln. Sie sind ein wichtiger Indikator für die Wasserqualität. Denn nur ein natürliches Gewässer weist eine hohe Anzahl und Vielfalt wirbelloser Tiere auf.

Durch das Programm „Lebendige Lippe“ soll sich der längste Fluss in NRW natürlicher entwickeln.

Diese Veränderungen erfassen die Lippeverbands-Mitarbeiter des Labors wie Sylvia Mählmann und Sandra Buchholz anhand von Probenahmen entlang der Lippe und ihrer Nebenläufe. Dabei untersuchen sie regelmäßig insgesamt 431 Kilometer Wasserläufe im Verbandsgebiet. Ausgewählte Lebewesen, die etwas über die Wasserqualität verraten, stellt der Lippeverband in seiner Serie „Bewohner des Monats“ vor.

Dieses Mal die Krawatten-Köcherfliege - ein Tier mit soooo einer Krawatte!

Die Lippe ist ein 220 Kilometer langer Nebenfluss des Rheins. Sie entspringt in Bad Lippspringe und mündet in Wesel in den Rhein. Auf der rund 147 Kilometer langen Strecke zwischen Lippborg und Wesel fließt die Lippe durch das Gebiet des Lippeverbandes. Hier hat das Land NRW die Unterhaltung und den Ausbau des Flusses an den Lippeverband übertragen.
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Neue Anzeigetafel

Der neue Service aus dem Sesekepark: Jetzt ist Hochwasser-Gefahr sofort zu erkennen

Hellweger Anzeiger Neue Wassermessanlage

Warnung vor Hochwasser an der Seseke: Neue Anlage im Sesekepark zeigt Wasserstand an

Meistgelesen