Die verschiedenen Formen der Liebe: Philharmonie gelingt überzeugender Jahresauftakt

dzSinfonische Reihe

Zum Schluss gibt es in der Konzertaula stehend Applaus! Der Neuen Philharmonie Westfalen gelingt am Mittwochabend ein überzeugender Jahresauftakt mit einer Japanerin als Violin-Solistin.

von Rainer Ehmanns

Kamen

, 23.01.2020, 14:19 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wer Roland Vesper in seiner Einführung zum ersten Konzert des neuen Jahres gehört hatte, wusste, dass die Besetzung des Orchesters beim Thema „Philosophie“ entsprechend des Kompositionsjahrs wechseln würde.

Und so verwunderte es nicht weiter, als bei Haydns Sinfonie Nr. 22 Es-Dur nur wenige Streicher und Holzbläser Platz nahmen. Der Bezeichnung „Philosoph“ entsprechend schritten sie im Adagio des ersten Satzes nur bedächtig voran, mit langem Staccato in der Begleitung und einem Legato im choralartigen Thema.

Tänzerisches Menuett und ein krasser Sprung

Aber es wäre nicht Haydn, hätte er diesem Adagio und dem tänzerischen Menuett im dritten nicht ein lebhaftes Presto im zweiten und vierten Satz folgen lassen.

Der Sprung zu Bernsteins Serenade für Violine und Orchester nach Platons Gastmahl „Symposion“ hätte kompositorisch nicht krasser ausfallen können. In fünf Sätzen „übersetzt“ Bernstein das angeregte Gespräch der Freunde Platons über die verschiedenen Formen der Liebe.

Ihm hilft die Solovioline der Japanerin Akiko Suwanai, die zu Beginn das schwärmerische Thema benennt, mit warmem Ton den Charakter der Liebe umreißt und sich im Verlauf der Serenade als lebhafter und ebenbürtiger „Gesprächs“-Partner des hellwachen Orchesters erweist. Betörende Kantilenen schmeicheln, herzhafte aggressive Stiche verstören.

Mit souveräner Technik wechselt sie schlagartig den Ausdruck und zeigt wie das Orchester alle Facetten des Themas. Und das bleibt beileibe kein esoterisches Theoretisieren. Anklänge an den Jazz im vierten Satz zeigen deutlich, dass auch der Komponist das Thema sehr „real“ ansiedelt.

Der Kampf gegen das gesellschaftliche Spießertum

Suwanais reflektierte Gigue aus der E-Dur-Partita von Bach als Zugabe zeigt einmal mehr, wie sie sich der Wurzeln ihrer Kunst bewusst ist.

Richard Strauss lässt sich 1895 von Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ fesseln, entspricht die darin vertretene Philosophie des lebensbejahenden Vitalismus Nietzsches Vorstellung von Selbstbehauptung und dionysischem Lebensgefühl. Strauss identifiziert sich damit, ohne jedoch Nietzsches Schrift musikalisch „nachzudichten“.

Viel näher stehen ihm Sinnenfreudigkeit und damit naheliegend Kampf gegen das gesellschaftliche Spießertum der Jahrhundertwende.

Rasmus Baumann steht mit der Neuen Philharmonie ein exzellenter Klangkörper zur Verfügung, der in voller Besetzung die Kamener Aula zu sprengen droht, wenn die berühmten ersten Intervalle und Trompetenstöße an die „Odyssee im Weltraum“ erinnern. Lange stehender Applaus!

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